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Montag, 04 Mai 2015 12:48

Es geht – und wie!

geschrieben von
Jan Reinartz als Nathan Jan Reinartz als Nathan © Photo: Dorothea Heise

Nathan der Weise im Jungen Theater

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Die Auflistung der Rollen im Stück übersteigt die Anzahl der Ensemblemitglieder deutlich: Zehn Personen werden aufgeführt, „nebst verschiednen Mamelucken des Saladin“. Dazu kommen noch etliche Bühnenbilder für die fünf Aufzüge und zahlreichen verschiedenen Szenen in den gut drei Stunden erforderlich sind, die der Originaltext vorschreibt.

Als Intendant Nico Dietrich und Regisseur dieses Stückes Tobias Sosinka vor einiger Zeit ankündigten, dieses Werk auf die Bühne zu bringen, lautete auch wegen der Größe des Stückes die Frage: wie viel Lessing dürfen wir denn erwarten? Die Antwort blieb damals offen.

Dass das Team des Jungen Theaters sich entschieden hat, das Stück weitgehend unangetastet zu lassen, darf, ja muss ihm sehr hoch angerechnet werden. Der Originaltext des großen Dichters der Aufklärung konnte so die Aufführung tragen. Sosinka ließ der Sprache großen Raum, kurze Toneinspielungen waren angenehm zurückhaltend.

Ein paar Rollen wurden gestrichen, das Werk dadurch auf etwas gekürzt. So fehlen der Derwisch und der Emir. Und für die Rolle des Patriarchen hat sich Sosinka zu einem Kunstgriff entschieden: die Rolle wird gleich von mehreren Personen dargestellt.

Doch der Reihe nach:

Auf das Bühnenbild wird weitgehend verzichtet. Das Publikum sieht schon vor Vorstellungsbeginn eine leere Bühne. An den Seiten stehen verschiedene Kisten, die nach und nach zum Vorschein kommen und unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dadurch und durch die faszinierenden Lichteffekte wirkt die Bühne abwechslungsreich. Und da das gesamte Theaterpersonal in dieser Inszenierung stark eingebunden ist, dürfen die Akteure die Dekoration selber aufbauen – und auch wieder aufräumen.

Nathan kommt von einer Reise zurück – da sind gleich einige Kisten als Gepäckstücke dabei. Man lernt die Hauptperson des Abends sogleich als Sympathieträger kennen: offen, optimistisch, erfolgreich, umtriebig – eine positive Eigenschaft reiht sich im Laufe des Abend an die andere. Das wirkt vor allem durch die Verkörperung durch Jan Reinartz glaubwürdig. Reinartz IST Nathan. Dazu gehört nicht nur die Deklamation des Textes. Beinahe die stärkste Szene mit ihm ist die ohne Worte: kurz vor der Pause wird ihm von Saladin die entscheidende Frage gestellt, welche Religion denn die wirklich wahre sei. Nach der Pause soll die berühmte Ringparabel folgen. Aber Nathan bereitet dies noch vor: sieben Steine verkörpern (wie wir später erfahren) seine sieben ermordeten Söhne. Diese Steine werden von ihm drapiert. Immer wieder umgesetzt. Wie in einem Hütchenspiel (wo ist denn nun die wahre Religion drunter?). Und endlich liegen sie richtig – nur so kann das berühmte Märchen vom Vater, seinen Söhnen und den drei gleichen Ringen erzählt werden. Regie, Ausstattung, Dramaturgie und Licht haben in dieser Szene, die es bei Lessing ja gar nicht gibt, gemeinsam Großartiges geleistet.
Eva Schröer ist als Recha die junge, leicht beeinflussbare Tochter des Juden Nathan. Beeinflusst wird sie unter anderem durch ihre Ziehmutter Daja – einer Christin. Von Agnes Giese sind im Laufe ihrer vielen Jahre am Jungen Theater schon unglaublich viele Charaktere zu sehen gewesen. Und auch hier überzeugt Giese als intrigante Christin. Damit auch niemand versehentlich diese Figur lieben kann, wurde sie vielleicht eine Spur zu lächerlich kostümiert.

Ali Berber ist der Anlass der zahlreichen Verwicklungen: der Tempelherr rettet Recha aus den Flammen, verrät Nathan beim Patriarchen und ist am Ende der Schlüssel für die Schlussaussage Lessings: alle Religionen sind verwandt und bilden eine Familie. Berber überzeugt als ungeduldiger, junger Mann. Seine Artikulation dürfte jedoch gerne noch etwas verbessert werden. Es würde schlicht der Verständlichkeit der Worte dienen.

Götz Lautenbach war schon häufiger Gast im Jungen Theater, auch in der Regie. Als Klosterbruder ist er beim „Nathan“ dabei. Wunderbar, wie er diesen aufrechten, ehrlichen Bruder spielt und seinen Beitrag zur Aufklärung der Verwicklungen leistet.

Karsten Zinser als muslimischer Herrscher in Jerusalem ist großmütig, mild und gerecht. Vielleicht ist Zinser ein wenig zu jung für diese Rolle. Ganz bestimmt ist er das als Onkel Rechas und des Tempelherren. Er macht diesen kleinen Malus wett durch die Sympathiewerte, die er im Laufe des Abends erringt. Begünstigt wird das durch die kluge und gewitzte Schwester Sittah, ganz wunderbar und sehr sportlich dargestellt von Linda Elsner.

Diese durfte zwischendurch mit Kolleginnen und Kollegen den Patriarchen mimen. Gemeinsam zogen sie singend („Dies ira, dies illa, solvet saeclum in favilla“ – der mittelalterliche Hymnus vom Jüngsten Gericht) auf die Bühne. Unbarmherzig und dogmatisch verurteilen sie alle Andersgläubigen. Und vor allem den Juden Nathan, der eine Christin als Jüdin aufzieht.

Auch diese Szene ist ganz hervorragend gelungen. Es ist nur in der heutigen Zeit kaum verständlich, warum die Muslimen mit Waffen (in Bild und Ton) auftreten müssen. Das lenkt die hochaktuelle Frage, wie denn diese drei Religionen miteinander umgehen und wie sie miteinander umgehen sollten, in eine etwas einseitige Richtung. Dass die Wahrheit nicht so eindeutig ist, hat Lessing in seinem Werk deutlich gemacht.

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Es geht – und wie! Das fand auch das Premierenpublikum, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler kaum von der Bühne lassen wollte.

 

Letzte Änderung am Montag, 04 Mai 2015 07:46

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