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Dienstag, 29 August 2017 19:22

„Romantischer Genius in schwesterlicher Interpretation“

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Die vollbesetzte Marienkirche in Thorn zur Aufführung des "Deutschen Requiem" von Johannes Brahms Die vollbesetzte Marienkirche in Thorn zur Aufführung des "Deutschen Requiem" von Johannes Brahms © Photo: Lucas Ulanowski

Mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms hat die Göttinger Stadtkantorei am Sonnabend als musikalischer Botschafter in Thorn gastiert. Es war dies nicht der erste, aber der spektakulärste Auftritt von Göttinger Musikern in der polnischen Stadt an der Weichsel. Sie hat vor fast 40 Jahren – im kommenden Jahr kann dieses Ereignis gefeiert werden – mit Göttingen eine Partnerschaft vereinbart.

Den von Bernd Eberhardt einstudierten Chor – die Reisegruppe war etwa 70 Stimmen stark – hatte das Thorner Symphonieorchester zu diesem Konzert engagiert. Vorausgegangen waren Kontakte, die anlässlich der Eröffnung des neuen Thorner Konzert- und Kongresszentrums (CKK) Jordanki Ende 2015 geknüpft worden waren. Vor mehr als einem Jahr erreichte die erste Anfrage des Thorner Symphonie-Orchesters (Toruńska Orkiestra Symfoniczna) den Chor. Nach der prinzipiellen Zusage dauerte es ungefähr noch eintausend E-Mails zwischen den Städten an Leine und Weichsel, bis alle organisatorischen Fragen geklärt waren. Anstelle einer Gage haben die polnischen Gastgeber für den Chor einen Großteil der Kosten für Reise und Unterkunft übernommen.

Das Konzert war Teil des zehnwöchigen internationalen Thorner Festivals „Nova muzyka i architektura“, das bereits seit 21 Jahren ausgetragen wird. Ungewöhnlich war der Titel, den die Veranstalter diesem Abend gegeben haben: „Romantyczny Geniusz w siostrzanej interpretacji“, zu Deutsch „Romantischer Genius in schwesterlicher Interpretation“. Damit wurde sehr deutlich und auf sehr freundliche Weise der städtepartnerschaftliche Aspekt dieses Abends hervorgehoben.

In diesen Tagen ist Thorn eine quirlig-lebendige Stadt, in der sich Touristen und Einheimische in Scharen tummeln. Das ist zum Teil – aber nicht ausschließlich – einem weiteren Fest geschuldet, das gerade zu Ende gegangen ist: das „Bella Skyway“-Festival, bei dem Thorns Altstadt mit etlichen aufwendigen bunte Lichtinstallationen geschmückt wird. Da sind die Straßen schwarz vor Menschen – von halb neun bis Mitternacht.

Deshalb waren die Choristen auch ein wenig in Sorge, ob das Brahms-Requiem in der gotischen Marienkirche, einen Steinwurf entfernt vom Thorner Hauptplatz, dem Altstadtmarkt, wohl genügend Interesse finden würde und vielleicht auch von der lautstark dröhnenden Musik zu den Lichtinstallationen gestört werden könnte. Das war zum Glück überhaupt nicht der Fall. Es gab keinerlei Störungen – und die Kirche war gedrängt voll, sicherlich auch deshalb, weil das Konzert keinen Eintritt kostete und immer wieder neugierige Zaungäste die Kirche betraten und verließen.

Doch das beeinträchtigte überhaupt nicht den musikalischen Genuss. Dirigent war Mariusz Smolij, künstlerischer Leiter des Thorner Symphonie-Orchesters, der seine Karriere als Geiger und als Mitbegründer des Penderecki-Streichquartetts 1986 in den USA gestartet hat. Er hatte seine Instrumentalisten gründlich vorbereitet und in drei intensiven Proben den Sängerinnen und Sängern der Göttinger Stadtkantorei seine musikalischen Vorstellungen einer „schwesterlichen Interpretation“ verdeutlicht. Die unterschieden sich durchaus von dem etwas rascheren Grundpuls, mit dem Eberhardt 2016 das Brahms-Requiem in Göttingens Johanniskirche aufgeführt hatte. Smolij bevorzugte breitere Ritardandi, forderte vom Chor besonders eindringlich Pianissimo-Passagen (die die musikalische Spannung erhöhten) und sorgte für ein fast durchweg ausgewogenes Lautstärkeverhältnis zwischen seinen engagierten Instrumentalisten und dem hochkonzentriert mitgehenden Chor. Mit der Sopranistin Iwona Hossa und dem Bariton Adam Szerszén verfügte er über zwei sehr erfahrene Solisten, die den Brahmsschen Ton sehr genau trafen. Der Beifall der begeisterten Zuhörer in der Marienkirche rauschte lange.

Einleitend hatte als Sprecher der Göttinger Delegation Göttingens früherer Bürgermeister Wilhelm Gerhardy den Dank für diese Einladung ausgesprochen und nachdrücklich betont, wie wichtig eine solche Städtepartnerschaft auch für den europäischen Gedanken sei, selbst wenn nicht alle derzeitigen politischen Kräfte in Polen für diese Ideen aufgeschlossen seien. Er verwies auch darauf, dass die musikalische Zusammenarbeit zwischen Göttinger und Thorner Ensembles im kommenden Jahr fortgesetzt wird: nämlich bei den Konzerten des Göttinger Symphonie Orchesters am 29. und 30. Juni 2018 mit Gustav Mahlers „Auferstehungssymphonie“, mit denen sich GSO-Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller aus Göttingen verabschieden wird. Bei diesen Konzerten zum 40-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft spielt das GSO gemeinsam mit dem Thorner Symphonie-Orchester. Für den Chorpart ist die Göttinger Stadtkantorei gemeinsam mit der Kantorei St. Jacobi vorgesehen. Wie zu hören war, soll diese Symphonie auch in Thorn aufgeführt werden – wobei die Choristen der Stadtkantorei auf der ihrer Rückreise vom aktuellen Gastspiel lebhaft den Wunsch äußerten, dann abermals in Göttingens Partnerstadt singen zu dürfen. Das lebenssprudelnde, gastfreundliche, schöne Thorn hat bei allen Reiseteilnehmern einen denkbar guten Eindruck hinterlassen.

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