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Montag, 16 Oktober 2017 10:02

„Ich habe schon als Kind gelernt, dass man Sätze nicht mit ‚ich‘ beginnen soll.“

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Gregor Gysi zu Gast im Deutschen Theater Gregor Gysi zu Gast im Deutschen Theater © Bild: Wortmann

Gregor Gysi zu Gast beim Göttinger Literaturherbst

Prolog zu dem knapp 600 Seiten starken Buch: „Ich habe schon als Kind gelernt, dass man Sätze nicht mit ‚ich‘ beginnen soll.“

So ist er eben, der Politiker der Linken, Anwalt mit SED-Vergangenheit, begnadeter Rhetoriker und Selbstdarsteller Gregor Gysi. Martina Kothe (NDR) ist als Moderatorin der Matineeveranstaltung des Göttinger Literaturherbstes angekündigt. Sie hält sich aber angenehm zurück und sieht ihre Rolle eher als Stichwortgeberin. Geschickt greift sie verschiedene Episoden aus der Autobiographie Gysis heraus. Und Gysi nimmt diese Stichworte dankbar auf. Er erzählt viel Persönliches aus seinem Leben, wird aber nie privat, wie er betont. Und vor allem: Gregor Gysi leitet immer wieder aus seinem Erlebten politische Statements für die Gegenwart ab.

So zum Beispiel bei der Frage, ob der Mensch Gysi auch hin und wieder zur Ruhe kommt. „Ja, “ sagt Gysi. „Dann höre ich meistens klassische Musik. Ich liebe sogar – muss ich zugeben – Wagner. Aber Bach ist doch der Größte. Und Beethovens 9. ist einfach phantastisch.“ Und dann: „Ich möchte, dass alle Menschen in unserem Land die Möglichkeit haben, sich diese Musik anzuhören. Der Genuss von Kultur darf nicht vom Bildungsstand oder vom Geldbeutel abhängig sein.“

Dafür erhält Gysi viel Applaus im ausverkauften Deutschen Theater. Schlüsselerlebnis zu diesem Thema war seine erste Reise nach Paris nach der Wende. Er staunte über die Autotypen, die Käsevielfalt, über Demonstrationen und Schnittblumen. Aber wie viel Geld er für Fahrgeld und Eintritt ausgeben musste, um die Mona Lisa lächeln zu sehen, dass hat ihn geärgert.

So geht es bei vielen Themen: Gysi in den Siebziger Jahren als alleinerziehender Vater, der eine Gerichtsverhandlung verlassen muss, um sein Kind aus der Tagesstätte abzuholen. Gysi als Großvater, der sich bei diesem Thema berufen fühlt, die Jugend Europas für die EU zu begeistern. „Die Nationalstaaten haben doch nur vereint genügend Gewicht gegenüber den USA oder China. Außerdem gab es noch nie einen Krieg zwischen zwei Mitgliedsländern der EU, während die Kriege zwischen diesen Staaten vorher die gesamte europäische Geschichte geprägt haben. Dass sich das wiederholt, will ich unbedingt verhindern.“
Man kann ihm gut zuhören, „allerdings kann ich selbst auch gut zuhören“, betont Gysi. Dadurch habe er sich inzwischen auch bei seinen politischen Gegnern eine gewisse Akzeptanz erarbeitet. Das sei allerdings ein sehr schwieriger Weg gewesen.

Und auch bei der Veranstaltung zum Göttinger Literaturherbst waren keineswegs nur Parteifreunde gekommen. Und da Gysi, wie er betont, bereits mehrere Leben gelebt hat, ist in jedem dieser Leben etwas Spannendes dabei.

„Wie konnten Sie bloß die Zeit finden, dieses Buch zu schreiben“, wundert sich Martina Kothe. „Ich habe es gar nicht geschrieben – dazu bin ich viel zu bequem. Ich habe es diktiert.“ Gelesen hat Gysi auch nicht aus dem Buch: „Ich finde das Vorlesen aus Sachbüchern langweilig“, betont er gleich zu Beginn. Auf diese Weise kam ein sehr kurzweiliger und spannender Sonntagvormittag zustande. Viele Besucherinnen und Besucher suchten noch die persönliche Begegnung mit Gregor Gysi anschließend im „Glaskasten“ des Deutschen Theaters.

Der Epilog des Buches lautet übrigens: „Ich bin wild entschlossen, das Alter zu genießen.“

Gregor Gysi „Ein Leben ist zu wenig. Die Autobiographie“, Aufbau Verlag Berlin 2017, 24 €

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