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Montag, 16 Oktober 2017 06:10

Der gedankliche Grenzfall

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Julian Nida-Rümelin und Holmer Steinfath in der Göttinger Paulinerkirche Julian Nida-Rümelin und Holmer Steinfath in der Göttinger Paulinerkirche © Photo: Widemann

Julian Nida-Rümelin zu Gast beim Göttinger Literaturherbst

Die diesjährige Zusammenarbeit des Literaturherbstes mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen startete mit einer philosophisch-ethischen Diskussion zum Thema Migration. Der Philosoph und frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hat in seinem aktuellen Buch Über Grenzen denken: Eine Ethik der Migration (Edition Körber-Stiftung 2017) seine grundlegenden Überlegungen zur Thematik vorgestellt. Sein Göttinger Philosophiekollege Holmer Steinfath, Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, war der Diskussionspartner des Autors, den er auch ausführlich vorstellte: Als Professor für Philosophie, ebenso als Bürger und SPD-Mitglied mit politischer Erfahrung und nicht zuletzt als sogenannter public intellectual, der die Allgemeinheit adressiert und seine philosophischen Erkenntnisse in öffentliche Debatten einbringt. Nida-Rümelin versuchte in seinem Eingangsstatement vor allem mit klaren Fakten, den Blick auf Flucht und Migration zu lenken: Mit dem Beginn der Flüchtlingskrise ab September 2015 stand insbesondere zu Beginn die enorme Hilfsbereitschaft der Bevölkerung und die Willkommenskultur im medialen Vordergrund - sie wurden als Themen von PEGIDA und andern rechten Strömungen abgelöst. Eine wirkliche und differenzierte Diskussion zu Fluchtursachen und den Möglichkeiten ihrer Bekämpfung hat aber gerade erst begonnen und hier setzt Nida-Rümelin an. Er unterscheidet klar nach Fluchtursachen und schlägt für die europäischen Staaten, insbesondere Deutschland, vor, stärker als bisher in die grundlegende Bekämpfung dieser Ursachen zu investieren. Bürgerkriegsflüchtlinge sind zu schützen, aber dieses kann und soll vor allem ortsnah geschehen, denn das Ziel der Fliehenden sei es ja, nach Kriegsende wieder zurückzukehren. Daher sei das Geld, das aktuell für die Integration aufgewendet wird, viel eher zu einem früheren Zeitpunkt für Flüchtlingshilfe, z.B. im Fall der Syrienflüchtlinge in Lagern in Jordanien und anderen angrenzenden Ländern benötigt worden. Tatsache ist allerdings, dass nur wenige Länder finanzielle Hilfen zugesagt und diese zum Teil nicht gezahlt haben.

Die weltweite Armut ist das zweite Thema, dem sich Nida-Rümelin widmet und Zahlen benennt: Mit nur 0,5% der weltweiten Wirtschaftsleistung ließe sich die extreme Armut von mehr als zwei Milliarden Menschen lindern und zwar vor Ort, denn diese Menschen sind nicht diejenigen, die die Mittel haben, sich auf den Weg zu machen. Auf dieser Faktenlage entfaltete Nida-Rümelin seine Ethik der Migration für eine globale und extrem ungerechte Welt. Die Öffnung der Grenzen ist aus seiner Sicht kein Mittel, um das Elend zu beseitigen. Hier beantwortete er auch eine häufige Frage, die ihm seit Erscheinen des Buches gestellt wurde und die bei der Ausarbeitung zu kurz kam: Seine These bedeute nicht, physikalische Grenzen zu verstärken, sondern die konsequente Anwendung rechtsstaatlicher und bereits vorhandener Mittel, um Migration zu lenken.

Hier zeigte sich der gravierende Unterschied zwischen Philosophie und Politik: Die Umsetzung der globalen philosophischen Überlegungen und Einsichten in konkrete politische Handlungen ist nur für die Langstrecke geeignet. Wer welche in sich sinnvolle Maßnahme realisiert, kann die Philosophie nicht initiieren. Daher ist Nida-Rümelins Ethik der Migration ein wertvoller Denkanstoß, der Prozesse in Gang setzen kann, aber keine kurzfristigen Lösungen bietet.

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