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Mittwoch, 06 Dezember 2017 16:07

Assoziativ spekulierende dramatische Chronik

geschrieben von
Angelika Fornell als Marylin Monroe Angelika Fornell als Marylin Monroe © Photo: Thomas M. Jauk

„America First“ - Aus dem Tagebuch der Marilyn Monroe. Uraufführung von Christoph Klimke am Deutschen Theater

O welch ein edler Geist ist hier zerstört, weg, weg damit… Das also ist aus der gefeierten Filmikone Marilyn Monroe geworden. Eine Frau, die sich in Shakespeares „Ophelia“ und ihrem tragischen Abgesang spiegelt, den Zügen blühender Jugend, durch Schwärmerei zerrüttet… Von wegen. Gleich wird Angelika Formell auf der Bühne des Deutschen Theaters wieder mit diesem hinreißend kapriziösen Lächeln posieren und jede Geste auf ihre Wirkung abstimmen. So wie auch ihre Marilyn die Erwartungen Hollywoods zu berechnen und für sich zu perfektionieren gedachte, um trotz des Erfolges daran vor allem innerlich zu Grunde zu gehen.

Jetzt geht es erst mal um ihre Zukunft, dass sie Hollywood endgültig den Rücken kehren und nur noch am Theater arbeiten will, Shakespeare spielen anstatt weiter die Schablone des blond gelockten Dummchens mit Schmollmund zu füttern, das vor allem den Testosteronpegel von Liebhabern und Bewunderern stimuliert. Vielleicht wäre es ja trotz therapeutischer Überdosierung an Psychopharmaka dazu gekommen und nicht zu diesem Balanceakt zwischen Depressionen, Ängsten und Selbstzweifeln, die angeblich zu ihrem Selbstmord führten.

Die Spekulationen über ihren Tod halten an, ob die Ikone mit dem sinkenden Glamourfaktor wegen ihrer intimen Tagebuchnotizen über die Kennedy Administration ermordet wurde. Aber Autor Christoph Klimke hat M.M. einfach weiterleben lassen und widmet ihr mit seinem Stück „Amerika First“ ein ebenso biografisches wie politisches Stationendrama, das Intendant Erich Sidler am Deutschen Theater als vielstimmiges zeitgeschichtliches Tableau befragt und mit musikalischen Kommentaren verwebt hat. Wie könnte er aussehen, der Blick zurück auf die junge Norma Jeane Baker, die Amerikas berühmteste Schauspielerin werden wollte und das um jeden Preis. Das Publikum sollte sie lieben und Hollywood von ihr Leben, war ihr Credo. Doch was geschah mit der Frau, die sich und ihre Träume perfekt vermarktete und auch als gehandelt wurde, während Amerika die Rolle des Weltpolizisten übernahm und damit hinter den Kulissen eines Koreakrieges, einer Kuba Kriese und einem Vietnam Debakel den Kampf um globale Märkte und Ressourcen eröffnete.

Angelika Fornell ist teilnehmende Beobachterin in dieser Ereignislandschaft, die sie ständig auf die Probe stellt, kommentiert und auch verfremdet. Gerade weil sich Erinnerungen an keine Chronologie halten und ständig zwischen früher und später, jetzt und damals verhaken, entwickeln sich auch die Szenen wie ein assoziatives Geflecht, wo sie ihren früheren Ehemännern Joe DiMaggio und André de Dienes (Roman Majewski) begegnet. Von ihrer Schauspiellehrerin Natasha (Katharina Müller) und ihrer verkorksten Mutter (Gaia Vogel) wird sie dabei ebenso vereinnahmt wie von ihrem Psychiater (Volker Muthmann) und immer auch von ihren Ängsten. Sie begegnet dabei auch ihrem Spielbild mit Gaia Vogel als junger Marlilyn, die sich ebenso naiv wie couragiert ihren Platz in der Hall of Fame erobern wollte.

Der Schlagabtausch mit Jacky Kennedy (Moritz Schulze) mag so nie stattgefunden haben und auch der mit Richard Nixon (Volker Muthmann) nicht. Gleichwohl sind sie Teil ihrer Erfolgsgeschichte und ihres Scheiterns. Die heimliche Geliebte der Kennedy Brüder (Christoph Türkey und Roman Majewski) wurde nie als Special Guest im Weißen Haus empfangen, sondern wie eine Aktennotiz ausgemustert oder eben ermordet, nachdem sich ihr Glamourfaktor in der Politischen Showkulisse „America First“ erschöpft hatte.

Bühnenbildner Florian Barth hat dieser ebenso kämpferischen wie zerbrechlichen Gestalt, die im roten oversized Sweatshirt und Nylons immer wieder Posen und Haltungen sondiert und verwirft, einen wunderbar assoziativen Showroom entworfen. Es ist ein Schlafzimmer mit einem riesigen rosa Rüschenbett und Blümchentapete, das sich als intimer Rückzugsort mit öffentlichen und privaten Erinnerungen, Zeitstimmungen und Spekulationen auflädt. Der Raum dahinter ist genau so gestaltet. Nur dass hier keine Filmszenen eingeblendet werden und keine Fotomotive, in denen die Aufnahmen von M.M. und die von Angelika Fornell kaum zu unterscheiden sind, so sehr wie die Schauspielerin auch vor der Kamera mit der Mimik und den Attitüden der Hollywoodikone zu verschmelzen scheint. Hier erzählt vor allem eine Projektion, was auch diese Bilder offensiv ummanteln. Mit dem Gemälde Edward Hoppers und einer einsamen Frauengestalt, die durch das Fenster in die offene Weite blickt und sich wieder dem Showparkett stellt und auch einer musikalischen Sentimental Journey.

Angelika Fornell ist weiterhin teilnehmende Beobachterin, wenn ihre Schauspielkollegen als Zeitgenossen Marilyns auch ihre Songs präsentieren. Es gibt immer wieder Szenenapplaus und das nicht nur für ein stimmstarkes DT-Ensemble und den musikalischen Support der Bühnenband „Magic Michael and his Marvelous Mates“, die unter der Leitung von Michal Frei einen hinreißenden Bigband Sound kreiert. Er gilt auch den bewegenden Tableaus, in denen Choreograph Valenti Rocamori i Tora diese klugen, subtilen Akzente setzt, die Marilyns Zeitgenossen als das entlarven, was sie sind: Egomanen und Selbstdarsteller, die der Glamourfaktor im Kampf um Macht, Einfluss und Erfolg beflügelt; in Hollywood nicht anders als in Washington.

Es geht an diesem Theaterabend eben nicht nur um musikalische und szenische Flashbacks in der assoziativen Annäherung an den Mythos Marilyn Monroe und die Frau, die ihre mediale Vereinnahmung und Ausbeutung zu steuern glaubte. Erich Sidler hat in seiner Inszenierung vor allem den politischen Kontext im Blick, der unmittelbar in die Gegenwart führt. Schließlich hat auch die Präsidentschaft eines Donald Trump, der ja nicht nur populistisch rüpelt, sondern gleichzeitig die vermeintlich demokratischen Verhältnisse in Wild West Manier aufmischt, eine Vorgeschichte, die in diesem „Amerika First“-Szenario lauert. Das sind die 50er und 60er Jahre, als sich die Politik in Gods own Country mit Hollywood verständigt hatte, die öffentliche Meinung gemeinsam lukrativ zu vereinnahmen und so die Verhältnisse medienwirksam zu verblenden. Es gab den showgerechten Aufruhr um Kennedy Mafia-Connections, über Nixons Watergate Fiasko, Ronald Regans Weltraumeroberungspläne, die Seilschaften des Bush Clans und die sexuellen Ausreißer des früheren Erdnussfarmers Bill Clinton. Alles Schnee von gestern. Jetzt hat halt ein Ex-Medientycoon das letzte Wort im globalen Kräftemessen und genießt die Rolle des Cowboys an der Front, das seine Gefolgschaft auf „America First“ einigt und am liebsten losballern würde.

Auf der DT-Bühne begegnen sich alle voran gegangenen America First Strategen wieder, die Kennedys, Clintons, Reagans und Bushmänner, im Schulterschluss mit Donald Trump, dem Autor Christoph Klimke mit Ivanka Rump den passenden Support zur Seite stellte. Schließlich wird eine Modedesignerin nicht alle Tage zur Präsidentenberaterin, damit die martialische Politshow mit den passenden Designerschlagzeilen perfekt über die Bühne geht.

Es sind bizarre Bilder von einem Tanz der Maskengestalten, die jetzt eine weiterhin posierende Gestalt wie in einem „dance macabre“ umkreisen. Spürbar verändert hat sich die Atmosphäre auf der Bühne, in der sich die biografischen Momentaufnahmen und die musikalischen Szenen auch dramaturgisch so harmonisch arrangieren. Absichtsvoll unterwandert die Inszenierung jetzt auch Erwartungen, dass sich dieses Schauspiel mit Musik in ein vordergründig unterhaltsames Musical formatieren lässt, wenn es Fakten und Fantasien und Spekulationen über die vielschichtig schillernde Biografie der Monroe mit ihren Songs kontrastiert. Jetzt geht es darum, die Bedeutung der Zeitstimmen, die Klimkes Stück mit ihr verwebt, zu fokussieren. Die Bühnenshow nimmt eine Auszeit, wenn Sidler mit seinem leidenschaftlich couragierten Ensemble auf die Anamnese der Zumutungen in akuten politischen Alltag insistiert und auf die Fragen, die diese assoziativ spekulierende dramatische Chronik stellt.

„America first“ erinnert an ein Vexierbild, wo sich mit jeder Bewegung die Details neuformieren und die Gedankenbilder, wo sich die Eindrücke ständig überlagern und dabei auch verwirren dürfen. Sie müssen auch nicht alle unmittelbar entschlüsselt werden, weil Stück und Inszenierung Echoräume für Imagination und Diskurs bilden, die nachwirken und an diesem grandiosen Theaterabend schon ganz unmittelbar einfach begeistern.

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