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Donnerstag, 11 Januar 2018 10:00

Eine ungewöhnliche und humorvolle Perspektive auf das Thema

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Amy Ball: Nothing has Happened Until Eventually it Does Still from Amy Ball: Nothing has Happened Until Eventually it Does Still from video 2017

Amy Ball macht mit ihrer Ausstellung „powers“ den Jahresauftakt im Kunstverein. Ein Interview von Marni Hanke mit der Kuratorin des Kunstvereins Tomke Braun.

Alles weiß, das ist mein erster Eindruck.

Die Räume verraten noch nicht viel von dem, was auf die Besucher*innen zukommt, was unter anderem auch den beiden großen Videoarbeiten ­– die gerade natürlich nicht laufen – geschuldet ist.

Tomke Braun: (ertappt mich) Ah, ich erkenne den Blick. Wir sind noch mitten im Aufbau. In dem Arbeitsprozess entstehen sogar noch letzte Details der Ausstellung. (lacht)

In der Ankündigung zur Ausstellung steht ja auch, das Amy Balls Arbeiten selten als „abgeschlossen“ abzustempeln sind...

Braun: Das stimmt. Natürlich ist nicht alles provisorisch, die Feinheiten jedoch, die entscheidet sie gerne vor Ort. Das macht es spannend, mit Amy zu arbeiten: Sie besitzt eine grundlegende Offenheit, sich auf verschiedenste Situationen einzulassen und reagiert auf unterschiedliche Bedingungen. Die Performance zum Beispiel, die bei der Eröffnung gezeigt wird, ist eigens für diese Ausstellung kreiert. Auch auf die architektonischen Besonderheiten geht sie ein. Selbst die für die Technik nötigen Verkabelungen sind somit Teil von „powers“.

Inwiefern das?

Braun: Der Titel „powers“ sagt ja schon in der Übersetzung: Kräfte. Da gibt es natürlich verschiedene Auslegungen. Einerseits kann es sehr wohl um Macht- und Kraftverhältnisse gehen, andererseits darf man nicht den Balanceakt vergessen, den wir täglich innerhalb dieser Verhältnisse ausüben. Die Kabel funktionieren in einem Spannungsverhältnis, das daran erinnert. Die Ausstellung zeigt eine ungewöhnliche und humorvolle Perspektive auf das Thema.

Apropos Machtverhältnisse: Wie ist es eigentlich, an einer Institution wie dem Kunstverein die künstlerische Leitung zu übernehmen? Wie in vielen Kreativszenen läuft ja einiges über Kontakte – gerade die Anfänge macht man oft mit Freunden. Werden Sie nun anders behandelt?

Braun: (lacht) Ja, die Kunstwelt ist zwar klein, oft aber auch größer als man denkt. Es bringt Vorteile, eine Institution wie den Kunstverein Göttingen im Rücken zu haben, wenn man Künstler*innen anfragt oder Unterstützung für die Umsetzung braucht.

Was macht denn einen vielversprechenden Künstler aus?

Braun: Die Frage muss ich mir in meiner Position selbstverständlich stellen. Einige der Künstler*innen in unserem Jahresprogramm bekommen durch den Kunstverein Göttingen ihre erste institutionelle Einzelausstellung. Das ist natürlich schon eine gewisse Art von Ehrung. Ich versuche allerdings nicht zu kalkulieren, ob eine Person dann später mal bei der Documenta ausstellt. Wichtig ist, dass sich im Hier und Jetzt eine gute Ausstellung ergibt.

Und was bewegt junge Kunstschaffende dazu in Göttingen auszustellen? Wir befinden uns ja nicht in einer Metropole wie zum Beispiel Berlin...

Braun: Da würde ich Göttingen gar nicht unterschätzen! Der Kunstverein ist international ausgerichtet und durch die Arbeit meiner Vorgängerinnen auch international bekannt. Auch die Universität ist ein Pluspunkt. Dort eine Verbindung herzustellen wäre mein Wunsch für die Zukunft. Außerdem: Kunst, die überregional funktioniert, funktioniert auch hier. Die Aufmerksamkeit ist unter Umständen sogar größer als in Berlin, wo hunderte solcher Veranstaltungen konkurrieren.

Wobei wir wieder bei „powers“ wären. Amy Ball basiert ihre Werke oft auf eigene Texte ­­– Anekdoten, Lyrik. Welcher Gedanke liegt hier zugrunde?

Braun: Obwohl Amys Arbeiten tatsächlich sehr textbasiert sind, geht es diesmal eher um eine Stimmung beziehungsweise Atmosphäre, die vermittelt werden soll. Vorhin haben wir ja schon das Thema „Spannung“ angesprochen – ganz konkret ruft sie hier das Gefühl der Anspannung vor – oder auch nach – einer Krise oder Katastrophe hervor. Ihre Videoarbeit „Nothing Has Happened Until Eventually It Does“ spiegelt dies am besten wider.

Eine andere Videoarbeit wird zwei Jiu Jitsu-Kämpfer zeigen. Da zeigt sich erneut der Aspekt der Balance.

Jenny Holzer hat 1980 in einer ihrer Truisms gesagt: „The abuse of power comes as no surprise.“  Stimmt das?

Braun: Ich glaube, das stimmt. In einem Gesellschaftssystem, das auf hierarchischen Machtverhältnissen basiert, werden diese auch oft genug ausgenutzt.  

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage: „Wie können wir unsere Gesellschaft anders aufbauen?“

Wobei wir bei der Politik wären. Ist es Ihnen wichtig, dass Kunst politisch aktuell ist?

Braun: Ich denke, das ist eher meine Aufgabe als Kuratorin von einem gesellschaftspolitischen Standpunkt Verbindungen herzustellen. Die Kunst sollte man dabei aber nicht überfrachten. Gute Kunst hat ja den Anspruch, längerfristig zu wirken. Natürlich kann man auch bei „powers“ seine Schlüsse ziehen. Gerade wir in Europa und Nordamerika haben das Privileg, das angesprochene Gefühl zu erleben. Viele Krisen sind zwar vorhanden, aber nicht wirklich greifbar. Einen großen Knall wird es auch in der Ausstellung nicht geben. Nur eben die bedrohliche Anspannung...

Das Interview führte Marni Hanke

Die Ausstellung ist vom 13.01.2018 – 25.02.2018  im Künstlerhaus zu sehen.

Vernissage ist am Freitag, den 12.01.2018 um 18 Uhr.

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