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Donnerstag, 10 August 2017 17:37

Es wird spioniert, egal ob Freund oder Feind

Premiere von „Schüsse, Küsse und Omeletts“ im ThOP

Donnerstag, 13 Juli 2017 22:34

Erste Liebe

Premiere von Beautiful Thing im Theater im OP

Sonntag, 11 Juni 2017 22:42

Bildgewaltiger Klassiker

„Lysistrata“ im Theater im OP

Sonntag, 14 Mai 2017 06:07

Mercutios Rache

Premiere von „Romeo und Julia“ im Theater im OP

Benvolio steht im Nebel. Romeo kniet im Regen. Julia sitzt in der Sonne. In der aktuellen Produktion des Theaters im OP (Shakespeares Klassiker „Romeo und Julia“) erlebt der Zuschauer eine Inszenierung, die sich Zeit für Atmosphäre lässt – zum Glück ohne dabei langatmig zu werden. An die Übersetzung von Frank-Patrick Steckel traute sich diesmal ein dreiköpfiges Team von Regie-Debütanten – Dennis Klofta, Diana Tyebally und Xenia Jöst – die jegliche Bedenken von wegen vielen Köchen und ihrem Brei in den Wind schlugen. Mithilfe von Lichtwechseln, Nebelmaschine, einigen Musikstücken und tänzerischen Choreographien erzeugen sie neben dem klassischen Texttheater in vielen Szenen stimmungsvolle Bilder. Teilweise so atmosphärisch, dass ich mich frage, ob der ein oder andere der drei Regisseure nicht seine Berufung eher beim Film findet – so cineastisch sind einige Szenen gedacht. Leider bleibt auf der Bühne die Möglichkeit des Schnittes aus, mit deren Hilfe man im Kino die Perspektiven wechselt. Im Theater braucht es hingegen eine stetige körperliche Präsenz der Schauspieler, vor allem wenn sie wie in der aktuellen Inszenierung teilweise alleine und ohne Text auf einer vollkommen schmuck- und requisitenlosen Bühne agieren sollen. Da muss man seinen eigenen Ausdruck schon sehr gut beherrschen, um Wirkung zu erzielen. Diese Herausforderung meistern nicht alle, aber den beiden Hauptdarstellern (Steffen Hackbarth und Yasmin Thies) guckt man gerne dabei zu. Sehenswert ist auch Romeos Kiffkumpane Benvolio, der von Maike Holland-Letz charakterlich konsequent und gleichzeitig äußerst vielschichtig gespielt wird.

Neben dem ausdrucksstarken Pater Lorenz (Thimo Trommer) ist zudem die Rolle des Mercutio (Henriette Nickels) interessant zu beobachten. Das Regieteam hat dem Freund Romeos, der im Stück Opfer der Familienfehde wird, eine herausgehobene Stellung zugedacht: Nach seinem Tod durch Julias Vetter Tybalt, bleibt Mercutio als böser Geist präsent, der bis zum bitteren Ende die Geschicke der Lebenden beeinflusst. Insofern nur logisch, dass der nervige Monolog Mercutios über die „Frau Mab“, die den Verliebten das Hirn verquirlt, nicht heraus gekürzt, sondern ausgiebig zelebriert wurde – übrigens zehnmal spannender als in der letzten Produktion des DT. Meiner Meinung nach hat Shakespeare diesen langatmigen Monolog überhaupt nur geschrieben, weil er seinem Mercutiodarsteller von anno dazumal die Gelegenheit bieten wollte, solistisch mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten zu brillieren. Vielleicht hatte der sich auch über zu wenig Text beschwert? Trotzdem ist die Szene in dieser Inszenierung wie gesagt als sinnvoller Teil von Mercutios Charakterdarstellung eingebaut und lässt die Rolle der teilweise beängstigend psychopathisch grinsenden Nickels für die folgenden tragischen Ereignisse erahnen (so ist es Mercutio, der verhindert, dass Romeo die wichtige Nachricht über Julias nur vorgetäuschten Tod erreicht). Mit diesem Kunstgriff ließ sich praktischerweise auch der ausladende letzte Akt erfreulich kürzen – eine gute Idee, die auch Shakespeare schon hätte haben dürfen.

Was genau einem die Hervorhebung von Mercutios Rolle letztlich sagen soll, überlasse ich den denkfreudigeren Zuschauern. Fakt ist, dass diese einfallsreichen und teils erfrischend selbstironisch inszenierten zweieinhalb Stunden in keinem Fall langweilig sind. Das zeigte auch die Konzentration der rund 50 Zuschauer während der Vorstellung, sowie der begeisterte Applaus zum Schluss. Bei den Übergängen zwischen den Szenen jedoch hätte man etwas weniger schlampen dürfen – zu oft wird man hier durch zu lange Pausen aus der Illusion des Theaters zurück in die Wirklichkeit gerissen.

Misslungen fand ich einzig die Szene im Anschluss an Mercutios und Tybalts Tod: Anscheinend soll durch die zeitlupenartig verzerrte Verzweiflung der Darsteller, gepaart mit emotionaler Musik, eine pure, mitreißende Dramatik erzeugt werden – was allerdings durch Mercutios schauerlich schiefes Geigenspiel vereitelt wird. Aber vielleicht war das ja auch die späte Rache Mercutios am Publikum – einfach dafür, dass er jahrhundertelang zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.

Samstag, 08 April 2017 18:40

Heute schon halluziniert?

Premiere von „What the Butler Saw“ im Theater im OP

„Die ganze Welt ist ein Irrenhaus, aber hier ist die Zentrale!“ pflegten meine Eltern gelegentlich zu sagen, wenn meine Geschwister und ich mal wieder alles daran gesetzt hatten den langweiligen Feierabend unserer Eltern mit kreativen Ideen aufzupeppen (wie viele Luftschlangen muss man durch ein Zimmer spannen, damit es zu einem für die Eltern undurchdringlichen Dickicht wird?). Sie kannten offensichtlich Joe Ortons „What the Butler Saw“ nicht, ein Stück, dessen Setting so herrlich schräg und faszinierend verrückt ist, dass ihm der Titel „Irrenhauszentrale“ ebenfalls gebühren würde. Im Übrigen glaube ich aber, dass meine Eltern mit unseren Verrücktheiten ganz zufrieden waren, denn vermutlich dachten auch sie manchmal: „You can´t be a rationalist in an irrational world. It isn´t rational.“
Diese Worte legt der britische Autor Orton seinem Charakter Dr. Rance in den Mund. Mit der seinerzeit skandalösen Komödie (Uraufführung 1969), wunderbar turbulent vom English Drama Workshop auf die Bühne des Theaters im OP gebracht, seziert er säuberlich den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn:

Dr. Prentice (mit echt erarbeitetem Schweißfilm: Nikolai Smith), Leiter einer angesehenen psychiatrischen Einrichtung, hat an diesem Morgen wirklich nichts Anderes im Sinn als seine Sekretärin flachzulegen – leider kommen ihm im ungünstigsten Moment seine Frau (Venus im Pelz: Karin Reilly) und der Inspekteur Dr. Rance (erschreckend unbeirrbar: René Anders) in die Quere. Das nackte Fräulein Barclay (in knuffiger Unschuld: Daniella Wood) wird kurzerhand zur halluzinierenden Patientin erklärt. Als dann der Hotelpage Nicholas Beckett (knabenhafter Schulmädchenverführer: Justin Silvan) mit delikaten Fotos von Mrs. Prentice auftaucht und zu guter Letzt Sergeant Match (misstrauisch, dennoch bereit für jede Form der Untersuchung: Richard Varela) auf der Suche nach fehlenden Teilen einer explodierten Winston-Churchill-Statue vorstellig wird, sind dem quirligen, absurden Verwechslungsspiel keine Grenzen mehr gesetzt. Dr. Rance handelt nach dem Grundsatz „Wer heute noch keine Wahnvorstellung hatte, wurde nur noch nicht gründlich genug untersucht“, so dass die Nerven der Charaktere schon nach der ersten von zwei amüsanten Stunden Spielzeit blank liegen. Doch es kommt natürlich noch besser...

Die Inszenierung von Regisseur Andrew Knight ist ein Muss für alle Fans von Screwball-Comedys, wortwitzigem Schlagabtausch und temporeichem Tür-auf-Tür-zu-Theater. Ohne ihre teilweise grotesk angelegten Charaktere zu überspielen, punktet das Ensemble mit perfektem Timing, vollem Körpereinsatz, sehr guter englischer Aussprache und viel nackter Haut – das Publikum der Premiere am Mittwochabend feiert diese äußerst unterhaltsame Performance mit lautem Beifall.

Weitere Aufführungen des Stücks sind am 6., 7., 8., 10., 11., 13., 15., 18., 19. und 20. April zu sehen.

Donnerstag, 15 Dezember 2016 08:54

Das Gänsehaut-Liesel kehrt zurück

Unheimliche Geschichten schön gruselig auf der ThOP Bühne erzählt

Mittwoch, 07 Dezember 2016 09:40

Odyssee mit Paso Doble, Tango und Disco Beats

"Alles tanzt" im Theater im OP (ThOP)

Samstag, 05 November 2016 16:27

90 Minuten kurzweilige Unterhaltung

„Shoppen“ - eine Speeddatingkomödie. Premiere im Theater im OP (ThOP)

Premiere im ThOP: „Jakes Frauen“ von Neil Simon

Der Titel sagt alles. Es geht um Jake – und seine (sieben) Frauen.

Music by Richard Rodgers, Lyrics by Oscar Hammerstein II, Book by Howard Lindsay and Russel Crouse, Suggested by “The Story of the Trapp Family Singers”

Premiere am 8. Juni im Theater im OP

Samstag, 07 Mai 2016 16:19

Lebensinhalt Gleichmut

Premiere von „Herr Lehmann“ im Theater im OP

Würden Sie sich geschmeichelt fühlen, wenn Ihnen ein guter Freund folgendes Kompliment machte: „Ich mag Dich, weil: Du bist so erfrischend simpel!“ ?

Herr Lehmann fühlt sich nicht geschmeichelt. Er widerspricht aber auch nicht. Letztlich beschreibt ihn diese Aussage seines Freundes Karl eben treffend. Herr Lehmann ist der perfekte Carpe-Diem-Typ. Er arbeitet in einer Kneipe in Berlin-West, kurz vor dem Mauerfall, von dem er aber auch nicht viel mitbekommen hätte, wenn ihm seine Freunde nicht davon erzählt hätten, und zu dem er, an seinem 30. Geburtstag, auch nicht hingegangen wäre, wenn seine Freunde ihn nicht mitgeschleift hätten. Er wohnt seit neun Jahren in Berlin, stellt nix auf die Beine und läuft eher so mit.

Eigentlich erstaunlich, dass aus einer so unspektakulären Figur (erschaffen von Sven Regener) Anfang des Jahrtausends ein so erfolgreicher Roman sowie ein erfolgreicher Film wurde.

Im Theater im OP haben sich nun Lena Aust, Johanna Mohrmann und Julia Ruge der Geschichte angenommen und sie in eigener Version auf die Bühne gebracht. Es ist ein wunderbarer „Kneipenabend“ geworden: Neben den praktischen Kneipentischchen im Zuschauerraum steht an der einen Schmalseite der Bühne – unverrückbar – eine Theke, die mal als Kneipentheke, mal als Badeanstaltstheke, mal als Hotelrezeption fungiert und irgendwie immer unterschwellig suggeriert, dass das Leben ein Dienstleistungsgewerbe ist. Zwischen Kaffee, Bier und Schweinebraten spielt sich im Leben von Herrn Lehmann alles ab: Seine Beziehung zu einer Köchin, der Besuch seiner Eltern, die Lebenskrise seines besten Freundes. Viele kleine, oft stumme Nebenrollen sorgen zusammen mit leise eingespielter Musik und Hintergrundgeräuschen für eine herrlich lebendige Atmosphäre. Nach dem Abend hat man große Lust sich auch mal wieder zu betrinken und in einer Kneipe zu versacken. Ist das Kneipendasein mit seinen berauschenden Getränken, den zufälligen Begegnungen und dem Genuss der Stunde nicht geradezu eine Feier des Lebens?

Doch natürlich beinhaltet das Stück auch den Zweifel an dieser Lebensweise: Müsste Herr Lehmann nicht eigentlich mal was aus seinem Leben machen? Alle „machen“ doch irgendwas. Auch seinen Eltern erzählt er erst mal nichts von seinem eigentlichen Beruf. Macht es sich doch vor den Nachbarn besser zu behaupten, er sei Geschäftsführer eines Restaurants...

Der Abend steht (und fiele, aber das tut er nicht) mit Hauptdarsteller Jonathan Blümcke. Die schauspielerische Leistung der anderen Darsteller ist gemischt, aber durchweg ordentlich, einige Figuren übertreiben ihre Rolle ein bisschen arg, was aber vielleicht auch dazu dienen soll, den Kontrast zum unaufgeregten und ohne viel Eigenantrieb auftretenden Herrn Lehmann zu unterstreichen. Dies wäre allerdings nicht nötig gewesen. Jonathan Blümcke spielt den knapp dreißigjährigen Kneipenwirt so überzeugend unspektakulär, so konsequent gleichmütig, dass er vollkommen authentisch wirkt. (In einigen Szenen meint man gar, da unterhielten sich nicht drei Schauspieler, sondern zwei Schauspieler unterhielten sich mit Herrn Lehmann.) Seine unaufgesetzte Bühnenpräsenz macht ihn zum perfekten Leitcharakter, der er sogar schafft hinter den Problemen seiner Freunde zu „verschwinden“, wenn er sich als geduldiger Zuhörer und Helfer in allen Lebenslagen entpuppt. Derart selten gesehen überzeugend agieren an diesem Abend zudem Anja Kütemeyer als Lehmanns stets überarbeitete Chefin Helga sowie Thomas Rühling als stummer Betrunkener.

Vielleicht ist diese Bühnenfassung mit zweieinhalb Stunden ein wenig lang geraten, allerdings bietet die Aufführung am ThOP einen Abend, an dem es viel zu lachen gibt und bei dem allein die Beobachtung der Nebenrollen hervorragend unterhält. Das Publikum der fast ausverkauften Premiere ist hörbar begeistert und spendet nach jeder Szene Applaus.

Weitere Aufführungen sind am 9., 11., 13., 14., 16., 18., 20., 21., 23., 25., 27. und 28. Mai zu sehen, jeweils um 20:15 Uhr. Karten gibt es im Foyer der ZHG-Mensa (Montags bis Freitags von 12-14 Uhr), Reservierungen lassen sich unter 0551 39 70 77 vornehmen.

Samstag, 16 April 2016 20:10

Kafka zwischen Russland und Rheuma

Premiere von Klaus Bergs „Ein Bericht für eine Akademie – Kaffka“ im Theater im OP

Freitag, 08 April 2016 12:45

Das Ende einer dramatischen Reise

Nach über anderthalb Jahren darf das Theater im OP in seinen sanierten Saal im Käte-Hamburger-Weg zurückkehren.

Dienstag, 08 Dezember 2015 07:14

Macheten sind hochgradig beunruhigend

ThOP Premiere „Zeit der Kannibalen“

Kriegsgebiete sind nahezu perfekt, um neue Märkte mit optimaler Rendite zu erschließen. Öllers und Niederländer sind schon ganz euphorisch, weil sie als Unternehmensberater ihrer Company mal wieder zu einem lukrativen Start up verhelfen. Indien ist mittlerweile out. Falsche Zinspolitik meinen die beiden Businessprofis. Bis nach Afghanistan reicht ihr strategisches Profil noch nicht, aber über Pakistan lässt sich schon mal vortrefflich spekulieren, weil dort auch keine Macheten hochgradig beunruhigend sind.

In dem ehemaligen Archivgebäude der Göttinger Universität gegenüber der ThOP Renovierungsbaustelle fahren Peter Schubert und René Anders als merkantiles Gespann Frank Öllers und Kai Niederländer groß auf. So richtig schön kaltschnäuzig und zynisch muten sie den Zuschauern ihre global player Attitüden zu, bis Wiebke Schäfer als neue Kollegin Bianca März noch ein paar emphatische Floskeln ins Geschäft bringt und mit weiteren credit points schachert.

Der Raum für Joe Pfändners Inszenierung nach Motiven des Filmdrehbuches „Zeit der Kannibalen“ hat die Größe eines Apartments. Es ist die bislang kleinste Bühne, die die studentischen Theatermacher jetzt als Ausweichquartier nutzen, so lang die Handwerker ihr Stammhaus bespielen. Das passt auch zu diesem dramatischen Chrashkurs für maximal 20 Zuschauer, der schon räumlich Niemandem eine Chance lässt, dabei auf Distanz zu gehen. Egal, wo auch gerade das Servicepersonal abgewatscht wird oder der lokale Verhandlungspartner die rote Karte erhält.

Schauplatz ist eine dieser Krisenregionen im permanenten Alarmzustand. In Panik und in kapitale Konkurrenzkämpfe gerät das Trio allerdings durch die Nachrichten aus der Konzernzentrale und den Verkauf des Unternehmens. Der neue Boss signalisiert eine lukrative Partnerschaft, die sich als kapitale Pleite herausstellt. Dann steht nicht nur die scheinbar sichere Hotelniederlassung unter Beschuss.

Für Sympathiepunkte ist das raffgierige Trio natürlich nicht zuständig. Aber der Typus bösartiger Firmensanierer und Verschleuderer allein trägt noch keinen Theaterabend, egal wie zynisch die Wortgefechte bis zum kriegerischen Showdown ausfallen. Es gibt zwar ein bisschen sentimentales Beiwerk für das Darstellerteam, das sich unter anderem mit Familienkatastrophen plagt und mit den biografischen Altlasten der Figuren. Doch selbst wenn alle Varianten von Misstrauen, Neid  und Panik durchspielt werden bleibt das Klischee vom fiesen Gierschlund intakt. In den Dialogen wird es wunderbar überspitzt und satirisch ausgereizt. Vermutlich macht das auch den Filmerfolg von „Zeit der Kannibalen“ nach der Uraufführung bei der Berlinale 2014 aus. 2015 wurde das Drehbuch für Johannes Nabers Kapitalismus-Satire mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Kritiker lobten die stilistische Brillanz in einem filmischen Kammerspiel, das sich in Form einer dramatischen Nahaufnahme natürlich auch auf das Theater übertragen lässt. Leider funktioniert der Schaukampf der Profitmaximierer im ökonomischen Wettbewerb nicht allein über böse Pointen und gehässige Attitüden, wenn keine andere Geschichte erzählt wird als die von ziemlich verkorksten Zeitgenossen in einem ebenso verkorksten System. Danach fahnden Regisseur Joe Pfändner und sein Darstellerteam an diesem Abend meist vergeblich.

Weitere Vorstellungen am 8.12. | 10.12. | 11.12. | 12.12. | 14.12. | 16.12. | 18.12. | 19.12.

Donnerstag, 17 September 2015 16:31

„Aber wir sind glücklich, oder?“

Premiere von „Hautnah“ des Theaters im OP

In dieser Produktion passt einfach alles zusammen: Das Stück, die Schauspieler, die Inszenierung, die Bühne. Wer es eilig hat, braucht gar nicht weiter zu lesen, er kann gleich die Karten-Hotline des Theaters im OP wählen und sich einen der wenigen Plätze reservieren, die im d.o.t.s im Börnerviertel für die Aufführung dieser Perle des „kleinen Theaters“ zur Verfügung stehen. Regisseur Thomas Löding und seinen vier Schauspielern gelingt mit „Hautnah“ von Patrick Marber ein dichter, beeindruckender Theaterabend, der ganz vom hingebungsvollen Zusammenspiel der Akteure lebt und durch seine Konzentration auf das Wesentliche schlicht sehenswert ist.

London, Mitte der 90er Jahre: Die Gelegenheitsstripperin Alice (Lena Aust) und der wenig erfolgreiche Schriftsteller Dan (Luke Slager) verlieben sich. Im Jahr darauf verliebt Dan sich in die Photographin Anna (Anja Marszalek). Ein halbes Jahr später verlieben sich Anna und der Dermatologe Larry (Jörg Bauer). Und wie das Leben so spielt, haben schließlich auch Dan und Anna sowie Alice und Larry was zusammen. Was als Plot zunächst verwirrend und vielleicht auch nicht zwangsläufig interessant klingt, ist in der Fassung von Patrick Marber ein fesselndes, emotional auslaugendes Beziehungsdrama, das seinesgleichen sucht. Marber zeigt die Tage im Leben von vier Menschen, die weichenstellend sind, und mit ihnen das, was im Leben der meisten Menschen als Erinnerung bleibt: Emotionale Ausnahmesituationen. Das Kribbeln bei der ersten Begegnung, das Prickeln des verbotenen Verlangens, der Streit aus Eifersucht, Verzweiflung, Liebe, Hass. Bei alledem sind die vier Charaktere süchtig nach Informationen („Wann hattest du was mit wem und wie genau und wie war es für dich?“) und ruinieren sich ihre Beziehungen durch ein Zuviel davon.

Aust, Slager, Marszalek und Bauer bilden ein Quartett, das sich miteinander an die Wand spielt. Die Rollen sind unvorhersehbar, alle agieren vielschichtig: Alice ist nicht nur wunderschön und sensibel, sondern auch berechnend und kämpferisch. Dan wirkt zunächst nervös und unsicher, plötzlich entpuppt er sich als leidenschaftlich und entschlussfreudig. Anna erscheint distanziert angesichts der ersten Annäherungsversuche der Männer, dann wieder wird sie frivol und emotionsgeleitet. Larry wirkt als sexhungriger Doktor zunächst fast klamaukig peinlich und lässt anschließend als aggressiver „Höhlenmensch“ die Bühne erzittern.

Nachdem wegen der Dacharbeiten am Theater im OP nun auch der Spielort „Notaufnahme“ aus Sicherheitsgründen nicht mehr genutzt werden kann, konnte die Produktion kurzfristig in den Keller des d.o.t.s ausweichen. Dieser Umstand wurde für das Stück zum ungeplanten Glücksfall: Fliesen, Stein, Beton, Metall – die Materialien des Raumes passen perfekt zur Atmosphäre auf der Bühne, die immer verzweifelter, kälter und härter wird; eine Treppe, zwei Sitzelemente, eine Tür – mehr brauchen die vier Schauspieler nicht, um sich glaubwürdig zu küssen und zu schlagen. Und angesichts der nur 38 Zuschauerplätze ist das Publikum in diesem Raum fast „hautnah“ am Geschehen dabei.

Weitere Aufführungen am 21., 23., 24., 26., 28., 29. und 30. September sowie am 3. Oktober, jeweils um 20:15 Uhr. Karten im Foyer der ZHG-Mensa, Montags bis Freitags von 12-14 Uhr. Kartenreservierung unter 0551 39 70 77. Der Eintritt für Studenten und Studentinnen der Universität Göttingen ist kostenlos.

Sonntag, 08 März 2015 10:14

Für und Wider das Vergessen

Premiere von Der Tod und das Mädchen im Theater im OP

Auge um Auge, Zahn um Zahn – oder doch besser ein transparentes Verfahren vor der modernen, demokratischen Justiz? Auf welchem Wege soll ein Mensch Gerechtigkeit finden, wenn er Opfer eines Verbrechens wurde, das so unsagbar grauenhaft, so entsetzlich ist, dass es ihn innerlich vernichtet, sein Leben verpfuscht hat?

Dies ist nur eine von vielen Fragen, die das Stück Der Tod und das Mädchen des chilenisch-amerikanischen Autors Ariel Dorfman aufwirft. Die Inszenierung von Wiebke Schäfer und Jennifer Reinhardt in der Notaufnahme des Theaters im OP geht dem Zuschauer von Anfang an unter die Haut.

15 Jahre ist er her, dass Paulina (Alina Halverscheid) als Gefangene des Militärs einer nicht näher spezifizierten Diktatur über Monate gefoltert und vergewaltigt wurde. In sich gekehrt und ängstlich lebt sie zusammen mit ihrem Mann Gabriel (Joe Pfändner), einem Anwalt, in einem abgelegenen Strandhaus. Als Gabriel nach einer Reifenpanne von dem hilfsbereiten Dr. Miranda (Martin Liebetruth) nach Hause gefahren wird, glaubt Paulina in diesem ihren einstigen Peiniger zu erkennen. Sie zögert keine Sekunde, bedroht den Arzt mit einer Pistole, fesselt ihn und verlangt den Prozess – und zwar sofort, in ihren eigenen vier Wänden. Ihr Mann, zunächst völlig schockiert von ihrem Verhalten, willigt schließlich ein, Dr. Miranda zu verhören. Der beteuert seine Unschuld.

„Wem soll ich glauben?“ fragt sich derweil der von dieser unglaublichen Konstellation überwältigte Zuschauer. Und: „Wem möchte ich am liebsten Glauben schenken?“

Eine stetige Hin- und Hergerissenheit des Zuschauers zu erzeugen, gelingt Dorfman mit seinem Text und den Darstellern mit ihrem Spiel meisterhaft:

Eigentlich möchte man die wütende, Gerechtigkeit fordernde Paulina unterstützen: Alina Halverscheid überzeugt sowohl als schutzbedürftiges Mädchen wie als kompromisslose Abrechnerin. Wenn sie die Details ihrer körperlichen und seelischen Erniedrigung kalt und vulgär vorbringt, wird einem schlecht; man sieht in der Festhaltung Dr. Mirandas ihre einzige Chance auf Wiedergutmachung, ihre einzige Chance die quälende Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen.

Andererseits: Kann es nicht sein, was Dr. Miranda sagt? Dass sie aufgrund ihrer Erlebnisse psychisch krank, wahnsinnig ist, und dass sie den Falschen anklagt? Kleinste mimische Regungen in Martin Liebetruths Gesicht, gleich im ersten Gespräch mit Gabriel, lassen jedoch an der Unschuld des Arztes zweifeln.

Am liebsten möchte man sich irgendwann hinter Gabriel stellen, der, von der plötzlichen Wahrheitsbesessenheit seiner Frau, schließlich mit den Nerven am Ende ist: Das Ganze ist 15 Jahre her! Ist es nicht irgendwann an der Zeit, wenn nicht zu vergessen, so doch zu vergeben? Sollte man nicht besser einen Schlussstrich ziehen und einen neuen Lebensabschnitt beginnen, statt sich mit den Erinnerungen das eigene Leben schwer zu machen? „Ja“, möchte man seufzen, und fühlt sich daran erinnert, wie man eine Nazi-Doku wegzappt und insgeheim denkt: „Oh bitte, nicht schon wieder dieses Thema.“

Die sehr kleine Bühne in der Notaufnahme des Theaters im OP – wie das Kostümbild puristisch und vorwiegend in schwarz und weiß gehalten – bietet dem Trio genau die richtigen Maße. Die Zuschauer in den vordersten Reihen sitzen den Schauspielern stellenweise direkt gegenüber, was kleinste Regungen sichtbar macht und – vielleicht – ein noch höheres Maß an Konzentration verlangt. Daran mangelt es den drei Darstellern nie, ihre Leistung ist ausgezeichnet. Alle vermögen ihre Rollen vielschichtig zu interpretieren; Joe Pfändner verliert in seinem Spiel nie die Liebe zu seiner Frau und das Bedürfnis (vielleicht auch die Gewohnheit) sie zu schützen, egal ob er als glatter Politiker oder als verzweifelter Ehemann auftritt. Die drei Darsteller passen insgesamt hervorragend zueinander, was ihrem ohnehin glaubwürdigen Spiel weitere Tiefe verleiht.

Ein beklemmendes, hartes, aber herausragendes Stück, das man nicht so schnell vergisst. Obwohl man manches daraus vielleicht vergessen möchte.

Weitere Aufführungen am 10., 12., 13., 14., 16., 17., 18., 20. und 21. März, jeweils um 20:15 Uhr in der „Notaufnahme“ (gleiche Adresse wie das ThOP). Karten im Foyer der ZHG-Mensa, montags bis freitags von 12-14 Uhr. Kartenreservierung unter 0551 39 70 77. Der Eintritt für Studenten und Studentinnen der Universität Göttingen ist kostenlos.

Donnerstag, 06 November 2014 18:05

Ein bisschen viel Theater

ThOP-Premiere von „Blaubart – Hoffnung der Frauen“ im DT-2

Wer gerne einfältige Frauen in figurbetonten Kleidern vor Augen hat, wer Dialoge ohne Nebensätze mag, wen eine belanglose Handlung nicht stört und wer viele Tote sehen will, der geht normalerweise ins CinemaxX. All dies bietet allerdings auch die aktuelle Inszenierung des Theaters im OP, die im Deutschen Theater (DT-2, ehemals Studio) Unterschlupf gefunden hat. Ein Actiondrama im Gewand der Kultur sozusagen. Trotzdem verlässt man den Saal nach guten zwei Stunden mit dem Gefühl: Ein bisschen viel Theater. Doch von vorne:

Heinrich Blaubart (Luke Slager) ist ein Durchschnittstyp. Nacheinander begegnet er verschiedenen Frauen – naiven, albernen, fordernden oder verzweifelten. Nacheinander sorgt er für ihren Tod. Nach zwei Frauen weiß man, wie das Schema läuft, und so läuft es auch weiter (den Schluss ausgenommen). „Blaubart tötet, was er liebt“ steht im Programmheft, was sich dem Zuschauer durch das Stück jedoch nicht unbedingt erschließt. Man hätte auch schreiben können „Blaubart tötet, wer ihn liebt“ oder „Blaubart tötet, einfach weil er ein abgedrehter Psychopath ist“.

Dea Loher hat diese zähe Beziehungsaneinanderreihung geschrieben. Was einen Regisseur daran reizt, ist trotzdem sehr gut nachzuvollziehen. Die knappen, anspruchslosen Dialoge sind ein Fest für einen ideenreichen Kopf. Hunderte verschiedener Inszenierungen wären denkbar. Aus diesem Stück kann man unglaublich viel machen, wenn man es nur richtig anpackt.

Glücklicherweise hatte Regisseur Thomas Löding dabei ein äußerst geschicktes Händchen. Sein Konzept ist bis ins letzte Detail stimmig. Cellist Oliver Neun rahmt die Szenen mit aufwühlenden Sequenzen disharmonisch angehauchter Musik – perfekt. Das Lichtkonzept (David Bolik) bietet im zurückgenommenen Bühnenbild (nur einige schwarze Sitzelemente) eine Unmenge an Räumen, Stimmungen und Effekten, meist düster und pointiert – beeindruckend. Die Kostüme (ein schwarzer Anzug für Blaubart und das gleiche Kleid in sieben verschiedenen Farben für die sieben Darstellerinnen), reduziert aber elegant, gleichmachend und unterscheidend gleichzeitig – äußerst gelungen.

Luke Slager spielt seinen Charakter so wunderbar mittelmäßig, so vertrottelt und gleichzeitig verzweifelt, dass man sich manches Mal fragt, wieso er bloß das Pech hat auf der Bühne zu stehen und dort diesen ganzen nervigen Frauen ausgeliefert zu sein, die ihn im Prinzip alle überfordern. Seine Morde wirken nie kaltblütig. Anja Marszalek brilliert in der Rolle der Blinden, die in Blaubart ihre große Liebe zu finden meint und dem Publikum in vielen Zwischensequenzen ihre Geschichte erzählt.

Auch die sechs weiteren Darstellerinnen haben eine gute Bühnenpräsenz. Jede Szene darf sich Zeit lassen und wirken – dabei agieren alle Figuren überzogen, teilweise auch äußerst pathetisch. Letztlich bleibt der Eindruck, dass das alles vielleicht ein bisschen viel Theater ist, es funktioniert aber trotzdem, da diese Darstellungsart konsequent durchgezogen wird und sie mit dem künstlerischen Gesamtkonzept harmoniert.

Schade ist, dass der genutzte Bühnenraum nicht um anderthalb Meter nach hinten verlegt wurde – aus den hinteren Publikumsreihen kann man daher in einigen Szenen nicht sehen, was an der vorderen Bühnenkante passiert.

Weitere Vorstellungen am 8., 9., 11., 18., 19., 21. und 22. November. Karten über das Deutsche Theater (Theaterkasse: 0551-496911).

Donnerstag, 02 Oktober 2014 23:38

Dramatik pur im Theater im OP

Die Spielstätte ist einsturzgefährdet und nicht bespielbar

Alles kam anders. Wie in einem richtigen Drama: das Theater im OP feiert in diesem Jahr seinen dreißigsten Geburtstag. Über 300 Einladungen sind verschickt, Festredner bestellt, Ehemalige eingeladen, Aktive sind am Planen und Vorbereiten.

Und dann regnet und stürmt es in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni. Und zwar so heftig, dass in Göttingen Bäume entwurzelt werden und diverse Keller in der Stadt volllaufen. Das Theater im OP ist weniger stark betroffen, lediglich ein paar Dachschindeln sind herabgefallen. Die Reparatur wird in die Wege geleitet. Doch was die Dachdecker durch die Öffnung im Dach sehen, hat dramatische Folgen: der die Hauptlast tragende Dachbalken ist morsch und kann die Last rein statisch gar nicht mehr tragen. Die Last verteilt sich derzeit auf andere Balken, die dafür jedoch gar nicht ausgelegt sind. Dieser Schaden muss behoben werden – das Theater ist vorläufig nicht bespielbar. Entdecken konnte man den Schaden von innen gar nicht, der Estrich sah in Ordnung aus. Nur durch den Dachschaden kam der morsche Balken ans Tageslicht.

Die Folgen sind wahrlich dramatisch: ein Theater kann nicht so einfach in andere Räume ziehen. Schon gar nicht, wenn die nächsten Inszenierungen bereits geplant sind, Bühnenbilder am Entstehen sind und die Schauspieler längst proben. Und wenn die Schauspieler wie im ThOP überwiegen Studenten sind, können Produktionen auch nicht einfach verschoben werden. Und Produktionen gibt es viele: alle vier Wochen steht eine neue Premiere auf dem Spielplan.
Und das Jubiläumsfest? Das kann verschoben werden – und wird es auch. Feiern kann man auch später.

Für die anstehende Premiere von „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ von Ingrid Lausund konnte erfolgreich kurzfristig ein Ausweichquartier gefunden werden: um die Premiere nicht zu gefährden, mussten vier Musikgruppen aus der Aula am Waldweg ausziehen und sich andere Probenorte suchen, damit das ThOP dort spielen kann. Die Bühne ist natürlich eine komplett andere. „Zum Glück hatte ich auch für den alten Operationssaal eine Guckkastenbühne geplant“, berichtet der Regisseur Klaus-Peter Jordan. Die Probleme für Licht und Technik müssen noch gelöst werden. „Wir haben dort gar keine Starkstromanschlüsse“, so Jordan.

Für die nächsten Produktionen gibt es solch ein Ausweichquartier noch nicht. „Wir sind am Suchen. Die Produktion im Januar muss jedoch ausfallen, das steht bereits fest“, so Anke Detken, die Leiterin des ThOP. Das ist für die Studentinnen und Studenten besonders ärgerlich, weil sie durch die Mitwirkung Credits als Schlüsselqualifikation bekommen – oder eben nicht, wenn die Mitwirkung ausfällt. „Wir suchen noch nach Möglichkeiten einer anderen Qualifikation“, äußerte sich Detken zu diesem Problem.

Alle Beteiligten haben aber vor allem einen Wunsch: „Hoffentlich folgen uns die Zuschauer, egal wo wir spielen!“ Dazu haben die Göttinger am Dienstag, den 7. Oktober Gelegenheit: um 20.15 Uhr ist die Premiere von „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“. Den aktuellen Spielplan finden Sie auf der Internetseite des ThOP und natürlich hier online im Kulturbüro.

Donnerstag, 19 Juni 2014 20:10

Sinnsuche im Wald

Premiere von „Totenkopfschwärmer“ im Theater im OP

An einem brüllend heißen Sommerabend treffen sich vier Jugendliche an „ihrem“ Baum am Waldrand. Sie trinken, rauchen, kühlen sich im nahen Tümpel ab und langweilen sich – „Was man halt so macht, wenn man sonst nix zu tun hat.“ Dabei kommt die Sprache immer wieder auf zwölf jugendliche Selbstmörder, die sich erst vor kurzem nacheinander im umliegenden Wald erhängt haben.

Auf der Suche nach Erklärungen für die vielen Toten, quälen sich die Vier an diesem Abend mit existenziellen Fragen und Bedürfnissen: Wozu das Ganze? Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es überhaupt einen? Und wer liebt mich, wen liebe ich und wer ist ganz einfach für mich da, wenn ich ihn brauche?

Lösungsansätze sind vorhanden: Phlegmatisch, aggressiv, Drogen konsumierend, künstlerisch oder auch verdrängend wird der Sinn des Lebens angegangen. Die vier Hauptdarsteller stellen sich diesem emotionalen Durcheinander mit viel Sinn für einzelne Nuancen und Details. Sie agieren auf dem gleichen spielerischen Niveau und bilden dadurch ein authentisches, harmonisches Ensemble. Das Premierenpublikum im gut halbvollen Saal folgt den wechselhaften Stimmungen dieses Sommerabends ruhig und konzentriert.

Gabriel (Jesko Petersen), der Älteste, zeichnet Bilder mit seinem eigenen Blut, die er aber anschließend zerreißt. Seine Freundin Julika (Franziska Karger) überlegt derweil, welche Form des Freitods ihr am Meisten zusagen würde. Ihren Annäherungsversuchen weicht Gabriel anfangs vorsichtig, schließlich aggressiv aus – vielmehr fühlt er sich von ihrem jüngeren Bruder Micha (David Höhle) angezogen, der scheu und verschlossen ist, Insekten sammelt und mangels Mut erfolglos versucht seine Schwester vom Rummachen und Trinken abzuhalten.

Eric (Corvin Bürsing), der angesichts der zerbröckelnden Beziehung seine eigene Chance bei Julika gekommen sieht, gibt schließlich eine gruselige Geschichte von Baumseelen zum Besten, die die Erklärung für die Verstorbenen im Reich der Mythen findet: An jedem Baum, an dem sich jemand erhängt habe, hänge immer noch die Seele des Verstorbenen. Nähere man sich einem solchen Baum, so sauge die Seele dem Vorübergehenden ein Stück des eigenen Lebensmutes aus. So wie ein Totenkopfschwärmer (Namensgeber des Stückes und hierzulande ein seltener Wanderfalter), der seine Nahrung aus Bienenstöcken bezieht und also im übertragenen Sinne die „Süße des Lebens“ in sich verschlingt.

Das Regiedebüt von Bianca Oppermann überzeugt, da es die jugendlichen Nöte, die manch Erwachsenem belanglos erscheinen mögen, absolut ernst nimmt und sie in einer authentischen, emotionalen Achterbahnfahrt präsentiert, in der unterschwellig trotzdem stetig eine marternde, zähe Perspektivlosigkeit mitschwingt. Unter einem die ganze Bühne überragenden (echten) Baum – ein schlichtes und gleichzeitig eindrucksvolles Bühnenbild – entwickelt Oppermann die Beziehungen ihrer Charaktere ruhig, aber immer unterhaltsam.

Dem Stück der Autorin Esther Rölz, welches erst im vergangenen Jahr seine Uraufführung feierte, hat sie vier stumme Geisterfiguren hinzugefügt: Die aschfahl geschminkten Darsteller bewegen sich in ausgewählten Szenen über die Bühne und nehmen minimal Einfluss auf das Geschehen, rascheln mit Laub oder pusten Kerzen aus. Sie sind im Prinzip nicht wirklich notwendig, geben allerdings den Verstorbenen ein Gesicht und sorgen für eine gruselige Zwischenebene: Von den Hauptdarstellern nicht als menschliche Wesen wahrgenommen, wirken sie in ihrem sehr zurückgenommenen, ruhigen Spiel durchaus unheimlich, da sie auch dem Zuschauer manchmal nur im Augenwinkel auffallen.

Zum merkwürdigen Schluss findet eine gewisse Interaktion zwischen Geistern und Menschen statt, als sich die Todesträume der Jugendlichen miteinander vermischen. Der Sinn des Schlusses hat sich mir allerdings ebenso wenig erschlossen, wie den Jugendlichen der Sinn des Lebens.

Ein kurzweiliger, nachdenklich stimmender und überzeugend gespielter Sommerabend – das Premierenpublikum spendete langanhaltenden, verdienten Beifall.

Weitere Aufführungen am 19., 20., 24., 25., 27., 28. und 30. Juni sowie am 2., 3. und 4. Juli. Karten gibt es im Foyer der ZHG-Mensa, montags bis samstags von 12-14 Uhr, sowie im Alten Rathaus, montags bis freitags 9:30 bis 18:00 Uhr. Kartenreservierung unter 0551 39 70 77 oder unter www.thop-online.de.

Montag, 26 Mai 2014 10:29

Pures Entertainment

Premiere von William Wycherleys „The Country Wife“ im Theater im OP

Harry Horner lässt durch seinen Arzt in London das Gerücht verbreiten er sei impotent, um sich zum arglos geduldeten Gesellschafter gelangweilter aristokratischer Ehefrauen zu machen und sich  Zugang zu ihren Betten zu verschaffen. Als der schrecklich eifersüchtige Mr. Pinchwife mit seiner hübschen, jungen Frau Margery auf diesen einfallsreichen Paarungswilligen trifft, hat er fürderhin keine ruhige Minute mehr.

Das ist der Plot der „Unschuld vom Lande“ von William Wycherley, die ihre Uraufführung 1675 feierte und nun vom English Drama Workshop inszeniert wurde; ein Workshop, der unter wechselnden Regisseuren einmal im Jahr ein englischsprachiges Stück im Original auf die ThOP-Bühne bringt.

Die Handlung ist nicht wirklich spannend, man fiebert keinem Ende, keiner Wendung oder Auflösung entgegen. Kompliment an Regisseur Joe Pfändner, der das niedrige Potential des Spannungsbogens erkannt und sich daher darauf konzentriert hat, Bilder zu zeichnen und Stimmungen zu zaubern, die einen zwei Stunden lang nicht mehr loslassen: Mit ganzem Herzen weidet man sich an der knalligen, temporeichen Inszenierung. Die Darsteller sprinten über die Bühne, sprühen vor Energie und präsentieren ihre Charaktere als gut gelaunte, lebenshungrige Stehaufmännchen, von denen den meisten der Sinn nach außerehelichem, wonnevollen Sex steht. Samuel Pepys lässt grüßen.

In gelungen zeitlosem Stilmix kommt die Aufmachung daher: Das Bühnenbild ist schlicht, rosa und erdbeerfarben. Kleidung und Accessoires sind auf die 13 Charaktere abgestimmt, die, als „Typen“ angelegt, ganz unterschiedliche Erscheinungsbilder bieten: Im schicken Anzug, in geckenhafter Variation desselben, in Karohemd und Sneakern, im eleganten Tageskleid oder Punklook mit blaugefärbten Haaren und Netzstrumpfhose. Dazu Alkohol, Obst, Briefpapier und Smartphone.

Eine dreiköpfige Band (Klavier, Kontrabass, Schlagzeug) begleitet das Geschehen mit Jazz- und Bluesvariationen von Songs, die ebenso wie die Requisiten aus verschiedenen Epochen zusammengewürfelt sind, aber in ihren für wenige Musiker bearbeiteten Versionen ein ebenso stimmiges Gesamtbild ergeben. Für Laiendarsteller singen die Schauspieler beeindruckend gut.

Joe Pfändner hat es geschafft aus dem komplizierten, verwickelten Original ein kleines Gesamtkunstwerk zu machen, das dem Zuschauer viel bietet, ihn aber nie in Opulenz erstickt. Nicht zuletzt beruht das auf dem unbefangenen Umgang mit dem Originaltext: Beherzt wurde gekürzt, ganze Handlungsstränge der Komödie gestrichen, wurden Formulierungen modernisiert und Textzeilen hinzugefügt – einige der besten Witze waren Ideen der Schauspieler.

Dieses Stück begeistert einen für die englische Sprache, auch wenn man mangels Englischkenntnissen nur einen Teil des Textes versteht. Darauf kommt es nicht an. Der Bühnenpräsenz der Darsteller, ihrem Charme, ihrem Witz und ihrer absoluten Spielfreude verfällt man an diesem Abend nämlich auf jeden Fall.

Das Publikum im ausverkauften Saal lacht sich lauthals durch den Abend und spendiert reichlich Szenenapplaus. Frenetischer Beifall zum Schluss – unbedingt ansehen!

Weitere Aufführungen am 27., 29., 30. und 31. Mai sowie am 3., 5., 6. und 7. Juni. Karten gibt es im Foyer der ZHG-Mensa, Montags bis Samstags von 12-14 Uhr. Kartenreservierung unter 0551 39 70

Donnerstag, 13 März 2014 19:02

Zeitraubende Ermittlungen

Das Theater im OP spielt John B. Priestleys „Ein Inspektor kommt“

Vielleicht gibt es irgendwo in Göttingen eine engagierte Pädagogin, die ebenso wie meine alte Deutschlehrerin nicht müde wird, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu betonen, dass die Würze in der Kürze liegt. Bei einem Klassenausflug ins aktuelle Stück des Theaters im OP böte sich den Schülern die Gelegenheit, den Wahrheitsgehalt dieses Ausspruchs am konkreten Beispiel zu überprüfen. Frei nach dem Bonmot „Es ist alles gesagt – aber noch nicht von jedem.“ legt Priestley in seinem Sozialdrama nach und nach (und nach und nach...) die Geheimnisse und moralisch zweifelhaften Entscheidungen einer „Upper class“-Familie frei, die in ihrer Gesamtheit zum Selbstmord einer jungen Frau führen.

England 1912. Verlobungsfeier im Hause Birling: Der Großindustrielle und ehemalige Oberbürgermeister Arthur Birling hat in Gerald Croft endlich den Schwiegersohn gefunden, den er sich immer gewünscht hat – aufstrebend, ehrgeizig und immer ganz seiner Meinung. Die zynischen Kommentare des angetrunkenen Sohnes Eric tadelnd, sonnt sich die restliche Familie in ihrem Glück, während der zufriedene Familienvater den jungen Leuten in einer Ansprache einschärft, dass jeder seinen eigenen Weg gehen müsse und alles Gerede von standesübergreifender „Wir sitzen alle im selben Boot“-Mentalität völliger Unsinn sei.

Da klingelt es an der Tür und der moralische Zeigefinger des Abends – in Form von Polizeiinspektor Goole – unterbricht das gesellige Zusammensein und ruiniert die Feier. Er konfrontiert die Anwesenden mit dem am Nachmittag erfolgten Selbstmord von Eva Smith, einer jungen Frau aus der Arbeiterschicht, und analysiert anschließend streng und ohne sich je das Ruder aus der Hand nehmen zu lassen, inwiefern jeder in der Runde seinen Teil zum Unglück und der Verzweiflungstat des Mädchens beigetragen hat.

(Um mich an den Ausspruch meiner Deutschlehrerin zu halten: Arthur Birling entließ sie als Rädelsführerin eines Streiks; seine Tochter Sheila sorgte dafür, dass sie aus ihrem neuen Job flog; Gerald Croft hielt sie als seine Geliebte, ließ sie aber schließlich fallen; Sohn Eric nutzte sie als Prostituierte und schwängerte sie; Mutter Sybil wies sie trotz ihrer Not bei der Frauenhilfe zurück.)

Beim Seminar „Wie man ein Drama spannend aufbaut“ hat der Autor offensichtlich auch gefehlt, da das Stück bis zu diesem Punkt ohne wirklich überraschende Wendung bleibt. Es ist allein den Schauspielern zu verdanken, dass das Aufbrechen der familiären Fassade schließlich doch interessant anzusehen ist: Dicht und konzentriert ist ihr Spiel, den Text tragen sie so gewählt und artikuliert vor, dass immer eine schleichende Emotionslosigkeit mitschwingt, selbst wenn angesichts der prekären, entlarvenden Situation Gefühle (scheinbare? anscheinende?) gezeigt werden. Die wenigen wirklich aggressiven Ausbrüche, in denen der Lautstärkepegel der sonstigen, auf Contenance bedachten Konversation, überschritten wird, haben dadurch eine eindrückliche Wirkung.

Zwischendurch zeigen mit zarter Klaviermusik unterlegte Videoeinspielungen in schwarzweiß Ausschnitte aus der Lebenswelt des hübschen, aber unglücklichen Mädchens Eva Smith. Gefilmt aus der Sicht der Familienmitglieder, zeigen sie die Momente, in denen die Birlings das Schicksal der jungen Frau besiegeln. Diese Intermezzi sind als kleine Unterbrechungen des Stücks, welches ansonsten nahtlos an einem Abend und in einem Zimmer spielt, eine wunderbare künstlerische Idee! Sie geben der Verstorbenen im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht – wenn auch keine Stimme. Die vermisst man aber auch nicht, denn was in den gefilmten Szenen gesagt wird, kann man sich selbst zusammen reimen, und als Atempause der dialogreichen Auseinandersetzungen auf der Bühne, bieten die Einspielungen immer wieder eine zuschauerfreundliche Gliederung.

Einfallsreich auch eine Idee des Bühnenbildes: Neben der einzigen Tür des Raumes befinden sich halbdurchsichtige Wände, so dass man sieht, was auf dem Flur dahinter passiert. Leider nur wurde diese zusätzliche Spielfläche inszenatorisch zu wenig bedacht – sie ist im Prinzip unnötig, da man auf dem Flur rein gar nichts zu sehen bekommt, was nicht durch Türklingeln, Laufgeräusche oder Türschlagen ohnehin „ersichtlich“ wird.

Am Ende des Abends mangelt es den älteren Charakteren trotz stundenlanger moralischer Inquisition durch den Inspektor immer noch an Einsicht, während die jüngeren immerhin nachdenklich zurück bleiben. Dem engagierten Ensemble zollt das Premierenpublikum den verdienten Beifall. Gelernt haben wir, dass in der Kürze häufig – aber auch nicht immer die Würze liegt: John B. Priestley schrieb das Stück 1944/45 innerhalb von einer Woche. Man wünscht sich, er hätte sich eine zweite Woche für die Überarbeitung gegönnt.

 

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