MPI am Fassberg

Zur Ausstellungeeröffnung sprach Tina Fibiger. Lesen Sie hier den vollständigen Text ihrer Ansprache.

Herzlich begrüßen möchte auch ich Sie zur Ausstellungseröffnung mit Capriccios und Episoden von Klaus-Jürgen Fischer – vielen von Ihnen auch unter seinem Künstlernamen KaJott bekannt.

Schon der Name KaJott mit diesem zweisilbigen Anklang von Renitenz, harmoniert ganz wunderbar mit dem Begriff Capriccio, wie ihn die Kunstgeschichte deklariert hat. Zum absichtsvollen, lustvollen Regelverstoß und als phantasievolle, spielerische Überschreitung von akademischen Normen. Georgio Vasari, der italienische Architekt und Hofmaler der Medici, hatte damit bereits im 16. Jahrhundert Arbeiten betitelt, die für ihn dem Kunstkanon seiner Zeit widersprachen. Vermutlich war auch bei ihm das immer noch grassierende Unbehagen im Spiel… über Ruhestörer, die den Geschmacksbildungskonventionen zusetzten, sich als Grenzgänger verstanden oder zu solchen erklärt wurden.

Auch die Provokation lauert in dem Begriff, mit dem der Künstler seine Werkschau versah, und dann das subversive Element mit diesem Reichtum an inspirierenden und erhellenden Nebenwirkungen in Bildern, Zeichnungen und Collagen, die sich dem Tunnelblick verweigern und lieber inspirierende Umwege nehmen. Hinzu kommen Neugier und Experimentierlust, wie sie jedem schöpferischen Akt zu jeder Zeit innewohnen, der nicht in Gefälligkeiten mündet sondern in Unruheherden, die einfach keine Ruhe geben. Schließlich eröffnen sich stilistisch und thematisch umso mehr die Reflexionsräume, die beim Betrachten und Erkunden den Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizont bewegen und dann auch gerne provokant beleben.

Ein Stillleben kann auf seine Weise ganz unmittelbar bewegen, der Blick in die Weite einer Landschaft oder der in die Tiefe eines Portraits. Das vermag auch der Aufruhr farbiger Flächen oder unterschiedlicher Materialien, wo sich ja meist nicht unmittelbar ein vertrauter Kontext erschließt. Doch selbst das scheinbar Vertraute in einem figürlichen oder gegenständlichen Motiv lebt von den Unruheherden, die nicht zuletzt auch den Künstler antreiben. Da will eine Bildidee mitteilbar werden und anschaulich, ein Gedankenecho ausschwärmen oder eine biografische Spur befragt und manchmal wollen das auch alle zusammen.

„Raumgreifende Einschübe“ nennt KaJott die Bildkompositionen, die in dieser Ausstellung eine Sammlung von Episoden bilden. Sie erzählen von Begegnungen mit Menschen und vom Unterwegs sein, von Schauplätzen, die ihn bewegt haben. Doch das meint eben nicht nur die Brachfläche und den Küstenstreifen, die Dorfkulisse und das gesellige Treffen oder die Silouette eines Gebäudes. Es geht vielmehr um das verborgene Innenleben in all diesen Ereignislandschaften mit all den historischen Ablagerungen und Verwerfungen, die nachhaltig zu provozieren vermögen. Auch in ihnen ist das Capriccio-Moment höchst virulent.

Das gilt ebenso für den Materialforscher „KaJott“, der ständig neue Zutaten und Techniken für seine Bilderzählungen sondiert und hinterfragt, und sie in seinen Collagen wie zu einemvielstimmigen Libretto verdichtet. Als Ideenträger müssen sich die Farben, das Papier und die Leinwand einiges gefallen lassen. Auch Drucke, Kopien alter Gemälde und Fotographien, Reste von Karton, die Druckerplatte oder der Ausriss einer Zeitung, wenn sie von einem Grenzgänger geflutet und geritzt werden, zerstückelt, überblendet oder eingefärbt, um dabei den Kontext einer Bilderzählung zu markieren: Die vielen widersprüchlichen Lesarten und Argumente und das mitsamt ihrer Vorgeschichte.
Es gibt zu dieser Ausstellung ein wunderbares Hand-Out mit Anmerkungen des Künstlers zu seinen Arbeiten. Das möchte ich Ihnen ans Herz legen, weil es Ihnen spannende, hintergründige Sehwege in einzelne Capriccios und Episoden und ihren Entstehungsprozess erschließt. Sie werden auch die Stimme des experimentierfreudigen Künstlers und früheren Kunstlehrers vernehmen. Und ganz besonders die eines wachsamen Zeitchronisten, der in seinen Arbeiten Stellung bezieht und dabei historische Unruheherde ebenso im Blick hat wie die gegenwärtige Störfälle und Schräglagen und die ganz alltäglichen Absurditäten.

Das ist ein ziemlich weites Feld und auch in dieser Ausstellung nicht ohne Weiteres fassbar. Gleichwohl stiften die Motive eine Fülle von Anhaltspunkten, sich auf unterschiedliche Weise in Themen zu vertiefen.

Man könnte auch von Lesarten sprechen, die KaJott über die Form der Annäherung an ein Thema vornimmt. Etwa wenn er die schöne neue Medien- und Performancewelt ironisch zuspitzt wie mit den drei Grazien aus der antiken Mythologie, die für ihren skulpturalen Auftritt einen leuchtenden Farbhintergrund bekommen haben. Mit Tattoos versehen posieren sie dann für die aktuellen Zumutungen eines Schönheitskultes, der sich an wechselnden Äußerlichkeiten auflädt. Von den drei Werbeikonen mit dem auflagenstarken St. Pauli Boten und seinen Frischfleisch-Offerten mochte man sich dann öffentlich distanzieren und eine moralische Attitüde demonstrieren. Dass sie privat ganz anders ausgelebt wurden, erzählen neben den Körpern auch die Kleinanzeigen, mit denen Lotti, Camilla und Anastasia ihre Haut zu Markte trugen.

Die Rückansicht der drei Herrschaften im bayrischen Format mit Specknacken und stattlicher Wampe lässt ahnen, dass sie bereits das ein oder andere Bierfass gestemmt haben. Und wenn KaJott mit ihnen eine Wendung vornimmt, erfährt das Klischee eine weitere subtile Bestätigung in den Gesichtszügen. Das Capriccio begegnet auch der Karikatur immer wieder gerne. Und wenn die drei Trachtenträger dann von drei ziemlich guten Freunden abgelöst werden oder von einer geschäftlichen Geselligkeit, meldet sich eine Variante der Mainstream Uniformität zurück, nach denen offenbar auch den Krawattenträgern der Sinn steht.

Immer wieder bringt der Künstler seine Sujets und seine Fragestellungen miteinander ins Gespräch und erweitert so den Raum für Reflektionen im unmittelbaren Dialog der Bilder. Hinter dem prosaischen Stillleben lauert auch die dunkle Seite dieser nature morte, wo die Formen düster mäandern oder als sterbende Landschaften nach der industriellen Plünderung weitere zivilisatorische Altlasten in Geröllschichten und Ablagerungen preisgeben. In den Spuren von Krieg und Terror wurde vielleicht auch diese Gestalt zerbombt, die KaJott am 13. Februar 1945 über Dresden schweben lässt. Ein Himmel voller Brandwunden umgibt die stolze Liberty nicht nur an diesem 9. November 2011. Knochen, Gelenke und Wirbel durchdringen die Finsterblau Stimmungen, in denen es trotz alledem auch immer wieder zu den schönsten Verwerfungen kommt. Mit all den steinernen Geschichten und Schichtungen von skulpturaler Anmut, in denen sich ungeheure Energien verdichten und eine Zeit behaupten, die sich nicht an Beschleunigungsgebote und produktive Zählzeiten hält.

Natürlich trotzt der schmale Stamm in seiner grün gefärbten Lichtflut diesen Schattenlandschaften. Da beschwingt der malerische Wildwuchs mit der Hügelkette und der hellen Fassade eines ländlichen Anwesens, das sich harmonisch in die Umgebung einfügt und irgendwann vielleicht sogar mit ihr verwachsen wird. Augen- und Sehblicke später wird das Idyll bereits wieder in Frage gestellt. Die geometrischen Formen, die in der Siedlung so eine bewegende Sanftmut ausstahlen, verhärten sich in diese No Go Area einer Vorortenklave wie zu einer Kampfzone, in der sich die Fassaden bereits aufrüsten haben. Dann ist es weder an der Zeit für einen dieser kleinen, frechen Konter. Etwa mit der Arbeit, die an eine Kinderzeichnung erinnert, wo die wilden Striche und die ungebändigten Formen jetzt so sein wollen und nicht anders…ganz im Sinne dieser phantasievollen, spielerischen Überschreitung von Normen, wie sie im Capriccio aufmuntern.

Das Szenario hat den Titel „bad taste“ bekommen, weil das ja mit den Geschmacksfragen so eine Sache ist, an der sich selbst die akademische Gelehrsamkeit gelegentlich die Zahne ausbeißt, wenn Künstler anecken, sich nicht an stilistischen Vereinbarungen halten und ständig eigenwillig abdriften. Auf ihre Weise hintersinnig korrespondiert diese „bad taste“ Aufmunterung auch mit dem Aufruhr, den eine Pinselzwinge anrichtet. So richtig zwingen lassen wollen sich die Farben nämlich nicht und holen kräftig Schwung wie zu einem Tanz hinein in den offenen Bildraum.

Die historischen Aufnahmen vom Warschauer Ghetto, die der Künstler bearbeitet hat, stellen natürlich andere Fragen als ein Stillleben von Cézanne, wo KaJott den Bildelementen und dem, was sie eigentlich alles noch verbergen auf den Grund geht. Wieder andere Fragen mutet er den abgelagerten Kunstdrucken aus einem DDR-Fundus in der Bearbeitung, Überzeichnung und Verfremdung zu, sei es über ihre politisch intendierte Botschaft oder ihre Nachhaltigkeit als Zeitdokument. Viele dieser Bilder haben ihre ganz eigene Vorgeschichte, in denen der Zeitchronist auch an biografische Spuren anknüpft… an die Kriegserinnerungen , die Wiederentdeckung der väterlichen Lebensspuren in Italien und an die andauernden Reflektionen über all die Signaturen mörderischer Systeme, die ihre Willkürherrschaft auch visuell in Szene setzen. Die Bilder von Kindersoldaten, kopflosen Körpern, die noch ein Mantel umhüllt, und der verzweifelten Blick im Moment des Sterbens sprechen eine andere Sprache als die heldischen Posen dieser behelmten Gestalten und die steinernen Monster aus den Jubeljahren der NS-Ästhetik. Es sind auch andere Versteinerungen, die sich im Gesicht der russischen Partisanin nach den Folterqualen in der Gefangenschaft spiegeln. Viele dieser historischen Aufnahmen hat der Künstler mintunter mehrfach kopiert und farbig verfremdet, so als ob sich die Motive einer unmittelbaren Wirkung als demonstrative Schaubilder verweigern. Es geht eben nicht um diese Momente von Betroffenheit und spontanem Entsetzen, wie sie sich ja auch angesichts der tagesaktuellen Nachrichtenflut über kriegerische Schauplätze und ihre unzähligen Opfer täglichen einstellen, um sich dann ein weiteres Mal zu verflüchtigen. Diese Bilder insistieren wie Mahnmale, die auch die unvorstellbaren Bilder reflektieren, die hinter den Grausamkeiten des 20. und 21.Jahrhunderts erfahrbar werden wollen.

Unterwegs im ICE lässt der Tinnitus geplagte Künstler dem Punker die die Haare noch ein bisschen mehr zu Berge stehen und zeigt ihn in Gesellschaft einer dicken Bertha, wie sie auch bei Wilhelm Busch beheimatet sein könnte. Sein Kuraufenthalt in Krotzigen, zwischen Anwendungen, Blümchensuppe und Gemüsetee, war ihm die ein oder andere kreative Episode wert. Aber das war auch die Vorgeschichte mit dieser Tunnelfahrt im Künstlichen Koma und den surreale Echos irgendwo zwischeneben und Tod…

…der kreative Ruhestörer muckt längst wieder auf und trotzt auch seiner extremen Sehschwäche, die ihn jetzt nur noch schemenhaft wahrnehmen lässt. Mit weiteren Unruheherden im Sinn tastet er sich nun mehr und mehr in seine Motive hinein und bringt sie zu zum Sprechen. Weiterhin lässt er die Betrachter gern teilhaben an Kommentaren zu Atelierbesuchern, die sich seine Capriccios und Episoden offenbar auch in unbequemer Lage unbedingt greifbar machen wollten So wie der Künstler mache Episode einfach mal auf den Kopf stellt, damit der Blickwinkel aus der vertrauten Balance gerät, führt er auch seine Werkstatt vor. Höchst virulent was die Materialien betrifft, die bereits als Ideenträger miteinander ringen, selbst wenn dabei ein dreistes Bild heraus, weil sich KaJott jetzt einfach mal ein richtig ekeliges, hässliches Bild vorgenommen hatte. Beim Capriccio finden sich eben auch der feinsinnige Spott und das befreiende Lachen in guter Gesellschaft… zur phantasievollen spielerischen Überschreitung vermeintlicher Normen in diesen anregend reflektierenden offenen Bild- und Gedankenräumen von KaJott.

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