Junges Theater

Horst Wattenberg ist gestorben

Der erste Mephisto am Jungen Theater – Zum Tod von Horst Wattenberg

Als das Junge Theater im Herbst 2017 sein 60jähriges Jubiläum feierte, war ein weiterer runder Geburtstag fällig. Den feiert der Abi-Jahrgang 1957 des Max Planck-Gymnasiums, der schon vor der JT-Gründung ziemlich viel Theater machte. Die jungen Theatermacher spielten antike Tragödien und das in griechischer Sprache. Kein Wunder, dass sie damals auch Hans-Gunter-Klein auf sich aufmerksam machten, wie sich Horst Wattenberg erinnert. „Der sagte einfach: Jungs, ich will ein Theater aufmachen. Habt ihr Lust, mitzumachen?“.

Mit dem Abi-Zeugnis in der Tasche hatte Wattenberg natürlich ebenfalls große Lust mitzumachen und wurde zum ersten „Mephisto“ des Jungen Theaters.

Er wurde auch zum älteste Freund und Förderer des Hauses, unermüdlicher Kämpfer über viele bewegende Theaterjahre- und Jahrzehnte; und das mit den schönsten Anekdoten über Erfolgs- und Krisenzeiten. Schon die „Urfaust“-Inszenierung, mit der Klein und seine jungen Theatermacher am 4. September 1957 ihr erstes gemeinsames Bühnenabenteuer feierten, hatte inWattenbergs Rückblick komödiantisches Format. In einer Büroetage über der damaligen Eisdiele „Agnoli“ in der Weender Straße 11 musste das Ensemble zwischen Bühne, Zuschauerraum und Büro immer wieder Mutproben bestehen. Wenn aus dem benachbarten Spielsalon plötzlich „Oh Susy Baby, Deine Beine sind schön“ erklang, rettete ein spurtstarker Mephisto Gretchens einsame Klage im Dom, indem er bei den Nachbarn um ein bisschen Ruhe bat. Auf einen Teufelspakt ganz anderer Art verständigte sich Wattenberg damals mit „Scheff“ Klein, wenn die Zuschauer ausblieben und Mephisto zur Telefonzelle hinter dem Rathaus eilte. „Ich habe dann angerufen bei uns, wo ja alle mithören konnten, weil es nur diesen einen Raum gab: Der Bus aus Hann. Münden hat eine Panne. Und Klein sagte ganz laut, ach, sie haben eine Panne. Das tut uns aber leid, dass sie nicht kommen können.“

Schon mit Becketts Warten auf Godot“, waren solche Pannenanrufe nicht mehr nötig. Zweieinhalb Jahre blieb die gefeierte Inszenierung auf dem Spielplan, an die sich Wattenberg besonders gern erinnerte, auch weil er sie als besonders hinreißend empfand. „So schön habe ich das Stück danach nie wieder gesehen, nicht einmal mit Heinz Rühmann in München. Das war einfach ergreifend.“

Nun war erst recht die Avantgarde zeitgenössischer Autoren in Göttingen angesagt, während das Junge Theater zur Wanderbühne wurde, zwischenzeitlich in der Angerstraße Unterschlupf fand und dann auch im Goetheinstitut. Mit den Stücken von Ionesco und Pinter, Arrabal und Albee riskierten die Theatermacher viele dramatische Mutproben und gelegentlich auch Aufruhr in der öffentlichen Meinung. Lobende Worte fand dagegen der Prinzipal des Deutschen Theaters, die Wattenberg ebenfalls in Erinnerung geblieben waren.

„Als Heinz Hilpert gefragt wurde, warum er nicht mehr moderne Literatur inszeniere, soll er gesagt haben: Das lass die mal machen, die können das besser als wir“.

Als das Junge Theater 1960 in der Geismarlandstraße endlich eine feste Bleibe fand, war der jugendliche Mephisto auch zum juristisch versierten Sparringspartner von Hans-Gunther Klein aufgestiegen und gründete den Verein der Freunde des Jungen Theaters, der später in den Förderverein Junges Theater umgewandelt wurde . Natürlich hatte Wattenberg auch zur Vereinsgründung eine Anekdote auf Lager, die er gern zum Besten gab.

„Klein wollte damals die Gäste im Keller auch bewirten, bekam aber keine Genehmigung wegen der sanitären Verhältnisse. Also habe ich gesagt, wir machen einfach einen Verein. Da sind die Anforderungen nicht so streng. Das sind dann eben alles Vereinsmitglieder, die da rein dürfen. Eintritt war 10 D-Mark pro Jahr und weil das so begehrt und beliebt war und auch ziemlich einzigartig, waren wir bald über 1.000 Mitglieder.“

Sehr begehrt war die damalige Wohnung von Kathi und Horst Wattenberg am Steinsgraben: Und das nicht etwa nur, weil dort stets Berge von Buletten brutzelten und Eintöpfe köchelten, um hungrige Schauspieler nach einer Vorstellung zu besänftigen. Es war vor allem die warme Dusche, die vor jeder Premiere im Dauerbetrieb war. Gern wurde dann auch durch die Wohnung getanzt. Diese Bilder hatte Wattenberg weiterhin lebhaft vor Augen.

„Wir waren ja dann auch jeden Abend ab 10 Uhr im Theater. Sogar unser Hund „Pinkie“ war darauf trainiert. Um 10 Uhr stand er auf und musste unbedingt in den Theaterkeller, wo er natürlich auch seinen reservierten Platz hatte“.

 

Natürlich wurde Geismars früherer Ortsbürgermeister immer wieder auf prominente Weggefährten angesprochen. Dazu gehörten Vereinsmitglieder, wie der frühere Bundeskanzler und damaligen Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder, der in Wattenbergs Erinnerungen mit seiner Forderung nach mehr politischem Theater nach vielen heftigen Debatten ausgebremst wurde.

Gern schöpfte der Theaterkenner auch aus seinem komödiantischen Fundus, wenn mal wieder von Bruno Ganz die Rede war und dessen Debüt am Jungen Theater: Dass zuvor Gerüchte über einen begabten Schweizer Treckerfahrer die Runde gemacht hätten, der auch als Schauspieler im Frage käme und dann in einem Stück von Miguel de Cervantes erstmals auf der JT-Bühne stand. „Schafft der nie“ soll „Scheff Klein bei seinen Probenbesuchen gemurmelt haben und dass man Ganz eigentlich rausschmeißen sollte, erinnerte sich Wattenberg noch Jahrzehnte später. „Aber so langsam merkten wir eben die besondere theatralische Glut, die er in sich hat. Von der Intensität der Darstellung war das schon unglaublich.“

Zur dramatische Chronik des langjährigen JT-Gesellschafters gehörten die

vielen Diskussionen um Mitbestimmungsmodelle und die Gründung eines Theaterrates. Das war auch für ihn verwegene Idee, das Theater im Sinne eines Kollektivmodells zu revolutionieren.

Diese Idee ist leider bald untergegangen. Daraus wurde dann ein Mitsprachemodell, das sich lange gehalten hat und an dem alle intensiv beteiligt waren. Das war das besondere an in diesem Haus und auch darum besteht es seit 60 Jahren immer noch. Dieser Gedanke des gemeinsamen Wirkens ist geblieben. Das war für mich auch oberstes Gebot.“

Wie eine unendliche Geschichte klang Wattenbergs Bilanz, wenn er auf die vielen Versuche zu sprechen kam, dem Jungen Theater Zuschüsse und Fördermöglichkeiten zu verweigern. Nicht erst mit der zweiten Insolvenz setzte die Diskussion um eine Angliederung des JT an das Deutsche Theater ein. Auch

lange vor der ersten Insolvenz kursierten immer wieder Pläne, das Haus in eine kostengünstigere Tourneebühne zu verwandeln oder auf die Sparte Kinder- und Jugendtheater zu reduzieren. Wattenberg war stur geblieben „Das war immer mein Bestreben, das Theater als solches zu erhalten. Das ist das, was ich mir so ein bisschen auf meine Fahne schreibe: Gut, dass Du standhaft warst. Sonst gäbe es das Junge Theater nicht mehr.“

Nach der ersten Insolvenz haftete nur Horst Wattenberg für die finanziellen Folgen, zog sich vom Bühnenalltag zurück, von allen Verpflichtungen als Geschäftsführer und auch von seinem langjährigen Engagement als Freund und Förderer des Hauses. Er übernahm die Rolle des distanzierten Beobachters. Bei aller Wehmut war er weiterhin stolz auf ein Theater, das trotz aller Anfeindungen und Wirren, die es erleben musste, durchgehalten hatte.

„Es war ja immer knapp bei Kasse, von Anfang an und zunächst auch ohne Subventionen. Es hat jedenfalls viel Mühe gekostet, die Politiker davon zu überzeugen, dass das Theater wichtig ist für Göttingen. Ganz davon abgesehen, dass es Künstlern wie Barbara oder Bruno Ganz mit zum Durchbruch verholfen hat. Das sind alles Grundlagen, die hier gelegt worden sind, auch mit den vielen zeitgenössischen Autoren, die das Junge Theater in Göttingen ja überhaupt erst bekannt gemacht hat“

Als Horst Wattenberg im September 2017 mit dem Abi- Jahrgang 1957 60jähriges Jubiläum feierte, kam es für den ersten „Mephisto“ am Jungen Theater auch zu einem happy end. Gemeinsam mit Intendant Nico Dietrich und seinem Ensemble feierte er die Inszenierung des „Urfaust“ zum 60jährigen JT-Jubiläum.

Jetzt trauert das Junge Theater um seinen großen Theaterliebhaber, Förderer und Gestalter der Theater- und Kulturlandschaft der Stadt. Horst Wattenberg starb in der vergangenen Woche im Alter von 81 Jahren.

Das Junge Theater hat zum Tod von Horst Wattenberg folgende Meldung verbreitet:

Mit dem Tod von Horst Wattenberg verliert Göttingen einen großen Theaterliebhaber, Förderer und Gestalter der Theater- und Kulturlandschaft der Stadt.

Ohne sein jahrzehntelanges persönliches Engagement als Gründungsmitglied, Schauspieler, Gesellschafter, Geschäftsführer des Jungen Theaters und Vorsitzender des Fördervereins würde es das Junge Theater in seiner heutigen Form nicht geben.

Der spätere Richter und Geismarer Ortsbürgermeister war sogar selbst in der „Geburtsstunde“ des Jungen Theaters als Schauspieler mit einer Hauptrolle dabei.  Zur Premiere des „Urfaust“ am 4. September 1957 stand der damalige Student persönlich als unvergessener, schalkhafter Mephisto auf der Bühne.  Horst Wattenberg war der letzte lebende Darsteller dieser Gründungsinszenierung des Jungen Theaters.

Baldur Seifert erinnerte sich an diese Zeit:

„Der „Urfaust“ ging nicht aufs Zwerchfell, er ging unter die Haut. Um 22 Uhr die große befreiende Premierenfreude: Ja, auch schon Kunst, Freundschaft, Kameraden. Jeder das gleiche Geld: 25,- DM. Alle Darsteller gehen dann selig durch die Göttinger Nacht, treten Gaslaternen aus und verjubeln all das viele Geld.

Wir spielten und lebten, wir liebten und lebten, wir zechten und lebten, wir weinten und lachten im wunderbaren Kaleidoskop der Bühne.“

Die Mitarbeiter*innen und Mitglieder des Ensembles bekunden ihr tiefstes Beileid an die Angehörigen, Freunde und Kolleg*innen.

Wir danken Horst für alles, was er für das Junge Theater getan hat.

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