Zwei Uraufführungen an einem Abend im Theater im OP

Bereits zum sechsten Mal hatte das Theater im OP im vergangenen Jahr einen Dramatikerwettbewerb ausgeschrieben, der sich gezielt an Autoren und Autorinnen richtete, die im Bereich Theater bislang noch keine Werke publiziert haben. Die Jury, vielfältig zusammen gesetzt aus Literaturwissenschaft, Theater, Film und Verlagswesen, kürte zwei Gewinnerstücke, die am Samstagabend ihre Uraufführung feierten: „Die Opelbande oder Ich jagte den Diamanten-Hai“ von Daniel Ratthei sowie „Das Theater und Grausamkeit“ von Michael Wolf.

Das bewusst offen gehaltene Thema des Wettbewerbs – „Nach dem Fall“ – ließ sich völlig unterschiedlich aufs Papier und auf die Bühne bringen, wie Autoren und Regisseure bewiesen. Daniel Ratthei beschreibt in seinem Stück den sozialen Fall eines jugendlichen Autoknackers nach einer wahren Geschichte – das Grundgerüst seines Stückes kam durch Interviews mit dem „echten“ Täter zustande. Den ursprünglichen Text, ein in den Zeiten springender Monolog des Kriminellen Gabriel Wenzke aus der Rückschau, inszenierte Roman Kupisch als packendes, vollen Körpereinsatz forderndes Drama, in dem er der Hauptperson Wenzke (Myrtha Dorothee Werner) seinen Kumpel Krüger (Anastasia Posnjakova) sowie einige weitere Nebenfiguren zur Seite stellt. Die prollige Überheblichkeit der beiden Freunde, gepaart mit der Reflexion ihres Tuns, zog die Zuschauer schnell in ihren Bann; stellenweise wechselt das Stück ins Präsens und beschreibt in atemraubender Schnelligkeit (im Dialog wie auch in der temporeichen Bewegung auf der Bühne, teils mithilfe eines trickreich eingebauten Stufenbarrens) Verfolgungsjagden und Verhöre bei der Polizei.

Wo das Stück streckenweise an Originalität zu wünschen übrig lässt, überzeugten die beiden Hauptdarstellerinnen in ihrem Draufgängertum, ihrer Verzweiflung, Überforderung und Angst jederzeit.

Nach der Pause folgte das zweite Gewinnerstück, in dessen Eingangsszene Christopher Seltmann als „Schauspieler Benjamin“ in einem albernen Kranichkostüm minutenlang in gewählten Worten seinen innigsten Wunsch beschreibt, irgendwann einmal alle Menschen auf der Welt hassen zu können. Sein Vortrag – der aufgrund seiner Absurdität für zahlreiche spontane Lachausbrüche im Publikum sorgte – bildete den Auftakt eines Stücks mit zahlreichen Ebenen: Einem Stück im Stück im Stück, in dem eine avantgardistische Theatertruppe ein postmodernes Stück einstudiert, der Hauptdarsteller allerdings auf der Probe verstirbt. Doch alles halb so wild: „Ist doch alles nur Theater. Sie wissen schon: Behauptung. So tun als ob vor Leuten.“ klärt der selbstverliebte Dramatiker (Arseniy Kogan) die entsetzte Hippie-Dramaturgin (Kerstin Kratzsch) auf. Viel schlimmer als der Tod des Hauptdarstellers beschäftigt das Ensemble schließlich auch die Nachricht, dass der Hauspreis aufgrund von Sparmaßnahmen abgeschafft werden soll. Aber wenn alles nur Theater ist, könnte ich dann nicht auch endlich mal eine Rolle spielen? – fragt sich die barsch umhergestoßene Regieassistentin Sandra (Jewa Kogan) und besorgt sich eine Waffe...
Andreas Hey hat das Stück von Michael Wolf als temporeiche Komödie ohne Angst vor übertriebenem Klamauk inszeniert – da dieser in den überzogen gespielten Theatermenschen (der wutentbrannte Regisseur, die reizend affektierte Ausstatterin, der versoffene „Versautomat“ von Schauspieler) immer als solcher zu erkennen ist, funktioniert die Komik vortrefflich – viel, viel Szenenapplaus.

Ein großes Lob sei an dieser Stelle auch noch der Lichtregie ausgesprochen (Simon Wittenberg und Maren Zeiss), die mit ihrem effektvollen, aber nie effekthascherischen Konzept beiden Stücken den letzten Schliff gab.

Weitere Aufführungen der sehenswerten Stücke finden am 29.4., 30.4., 2.5., 3.5., 6.5., 7.5., 9.5. und

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