Premiere von Headstate im Theater im OP

Zwei Männer, zwei Frauen. Sie sind kaputt. Sehr kaputt. Mickey, die Prostituierte, ist schließlich tot. Das ist etwas blöd, denn nun stehen die andern mit einer Leiche da. Aber halb so wild, sie sind ja Meister in der Kunst der Verdrängung. Und letztlich kann man mit so einer Leiche ja vielleicht noch einträgliche Geschäfte machen. „Headstate“ ist der Titel der 80minütigen Bestandsaufnahme eines verhängnisvollen Discoabends, geschrieben von Irvine Welsh („Trainspotting“). Ein in der Zeit springendes Stück, das in seinem ziellos umher springenden Stil das Lebensgefühl seiner Protagonisten spiegelt: Vergangenheit scheiße, Zukunft vermutlich auch, also Leben im Jetzt! Drogen, Alkohol, Sex, Aids, Elektromucke und ekstatischer Tanz sind das Umfeld für allerlei vulgäre, aneinander vorbei laufende Dialoge der Protagonisten. Sie bohren gegenseitig in ihren Wunden und beschimpfen sich – nur voneinander lassen können sie auch nicht.

Martin, der den Metzgerladen seiner Eltern geerbt, ihn aber seit Wochen einfach nicht mehr geöffnet hat, versucht sich als Zuhälter (René Anders als sympathisch-quirliges Stehaufmännchen). John, seinem psychopathischen Handlanger (perfekte Besetzung: Christian Feuerhake), ist alles mögliche zuzutrauen. Tina (Yvette Rother), der das Jugendamt ihre beiden Kinder entzogen hat, will einfach nie mehr mit der Party aufhören. Mickey (in hautengem, weißen Lack mal Engel, mal Teufel: Jennifer Reinhardt) konfrontiert sie alle mit dem Gefühl aller Gefühle. Denn über allem Rave, allen Worten und Taten liegt eine große Sehnsucht, die über den Konsum weiterer Speedballs hinausgeht.

„Glaubst du an die Liebe?“, fragt Mickey. „Wenn ich damit Kohle machen kann, ja, dann glaube ich an die Liebe.“ antwortet Martin geschäftsmäßig. Doch wenn er den Ausländer John unter seine Fittiche nimmt oder klaglos erklärt, niemals wieder Sex zu haben, um niemanden mit seiner Krankheit anzustecken – so entsteht Verständnis für seine Tragik, die er in Drogen und Tanz zu vergessen sucht.

Liebe ist ja schließlich auch gefährlich – und macht verletzlich. Yvette Rother zeigt als partywütige Rabenmutter Tina genau das: Ihre Rolle, meist verpeilt, obszön und albern, gestaltet sie durch eine stetige, unterschwellige Trauer sehr überzeugend.
Auch Mickey zeigt in einer textlosen, musikalisch unterlegten Szene anhand ausgewählter Requisiten (Barbie, Schere), was alles in ihrem Inneren, hinter dem herausfordernden Dauergrinsen, versteckt liegt.

Alles in allem ist Headstate ein knallig-betrübliches Stück, das kriminelle, verkommene, kranke und traurige Tunichtgute zu Sympathieträgern macht. Regisseur Peter Schubert lässt in seiner bunten, bewegten und musikreichen Inszenierung das Publikum im voll besetzten Saal konstant an der Party teilhaben. Jede Menge Applaus – für Fans des Genres unbedingt sehenswert.

Weitere Aufführungen am 15., 16., 19., 21., 22., 23., 26., 28., 29. und 30. August, jeweils um 20:15 Uhr. Karten im Foyer der ZHG-Mensa, Montags bis Samstags von 12-14 Uhr, sowie im Alten Rathaus, Montags bis Samstags 10-18 Uhr. Kartenreservierung unter 0551 39 70 77 oder unter http://thop.uni-goettingen.de

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