Premiere von „Der Untertan“ im Deutschen Theater

Meine gute alte Deutschlehrerin! In der neunten Klasse traktierte sie uns ein Vierteljahr mit Heinrich Manns „Der Untertan“, einem Buch, dessen Hauptprotagonist mir in seiner Widerlichkeit körperliche Qualen verursachte und über dessen Namen allein – Diederich Heßling! – wir uns in der Pause kringelig ekelten. Nach dem Quartal wanderte das Buch auf meinen persönlichen Index der Bücher, die ich in meinem ganzen Leben nie wieder in die Hand zu nehmen gedachte.

So kam es, dass die Ankündigung des „Untertans“ auf dem Spielplan des Deutschen Theaters in mir eine Art selbst antrainierten, pawlowschen Reflex auslöste: Ich empfand sofort Ablehnung und Widerwillen.

Zu meinem großen Glück besann ich mich aber darauf, dass es andererseits ja nun – 18 Jahre später – auch gerade wegen meiner Abneigung besonders spannend sein könnte, der kurz vor dem ersten Weltkrieg geschriebenen Lebensgeschichte des kaisertreuen Untertans eine zweite Chance zu geben. So fand ich mich am Samstagabend zur Premiere der Romanbearbeitung im voll besetzten DT-2 ein und erlebte einen jener besonderen Theaterabende, an denen alles stimmte.

Was stimmte? Schauspieler, Bühnenbild, Kostüme, Licht, Ton, Videoeinspielungen, Requisiten, Musik, Aktualität. Ist jetzt relativ langweilig dies alles einzeln aufzuzählen, erwähnenswert ist es aber, da all diese Dinge für anderthalb Stunden wie geölte Zahnräder ineinandergriffen und harmonierten. Allein die Eingangsszene stimmte einen perfekt auf das Kommende ein: Der junge Diederich sitzt auf dem Fußboden und baut mit Bauklötzen das Brandenburger Tor nach. Liebevoll lächeln die Erwachsenen auf den Kleinen hinunter, bevor Andreas Jeßing die Idylle mit einem Fußtritt beendet, der das Bauwerk zum Einsturz bringt. Macht, Gehorsam und das Wanken der bestehenden Herrschaftsverhältnisse blitzten immer wieder in solchen Details der Inszenierung von Regisseur Theo Fransz hervor. Allein die Tatsache, dass die Leinwand (auf der mehrfach Bilder und Videoaufzeichnungen von Kaiser Wilhelm II. zu sehen sind) in einem Rahmen steckt, der schief geraten ist und auf dem ein großer, asymmetrischer Adler thront: Großartig.

Die vier Schauspieler erzählen die Lebensgeschichte des Untertanen auf eine zynische, schwarzhumorige, stets publikumszugewandte Weise, wobei Benedikt Kauff durchgehend als Diederich Heßling in seiner Wandlung vom ängstlichen Kind zum feigen Studenten, anmaßenden Doktor und schließlich despotischen Firmeninhaber zu beobachten ist, während Andreas Jeßing, Benjamin Kempf und Andrea Strube gleichzeitig als Erzähler sowie als Spielpartner des Untertanen agieren. In einem Affenzahn verläuft die erste halbe Stunde! Kaum eine Atempause lassen sich die Schauspieler, die sich scheinbar mühelos die Bälle zuspielen, zeitgleich ihre Kostüme wechseln und alle Umbauten vornehmen, alles ist durchgetaktet wie die Papierfabrik des alten Heßling in Netzig, die sein Sohn Diederich eines Tages übernehmen wird. Allein dies schnelle Wechselspiel ist schon faszinierend anzusehen und doch ist man hiermit noch lange nicht am Ende des Lobes für diese Inszenierung, die mich, wie man unschwer merkt, wirklich beeindruckt hat. Neben den Schauspielern, die ihre Rollen und Stimmungen von jetzt auf gleich wechseln als wäre dies ihre leichteste Übung, bekommt die Thematik während des Spiels für den Zuschauer einen eigentümlichen Glanz: Immer wieder schimmert ihre Aktualität hindurch, so zum Beispiel in der Angst des Untertanen vor der Veränderung der bestehenden und von ihm als richtig empfundenen Verhältnisse. Und als Andreas Jeßing im „Gerichtssaal“ bemerkt, dass sich in letzter Zeit die Fälle von Majestätsbeleidigung gehäuft hätten, geht ein kicherndes Raunen durch das erkennende Publikum.

Das Ende des Stückes ist so umwerfend, dass ich es am liebsten sofort ausplaudern möchte, aber da ich mir sicher bin, dass nach dieser Rezension selbst eingefleischte Kulturmuffel mal wieder Lust auf einen Abend im Theater bekommen, bleibt dies eine spannende Andeutung und hoffentlich ein weiterer Anreiz, sich diese sehenswerte Inszenierung nicht entgehen zu lassen.

Auf dem Nachhauseweg erschloss sich mir dann noch, warum genau ich eigentlich den Roman von Heinrich Mann in so abschreckender Erinnerung hatte: Diederich Heßling war wohl die erste literarische Hauptfigur, die mir begegnete, mit dessen ganzer Lebensweise ich mich so überhaupt nicht identifizieren (und als 15jährige somit auch nicht beschäftigen) wollte. Dank sei also meiner engagierten Deutschlehrerin, die nicht nachließ uns naiven Neuntklässlern den Obrigkeitsgehorsam, das egoistische Leben auf Kosten anderer sowie die Engstirnigkeit im eigenen Denken so madig wie möglich zu machen.

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