Die Uraufführung von „PEAK WHITE oder Wirr sinkt das Volk“ am Deutschen Theater

Die vier Herren, die in ihren Rollis über die Bühne kurven, haben noch ein paar wache Momente. Auch wenn sie sonst der besonderen Anteilnahme durch ihre Pflegerin bedürfen, sind ihre verbalen Aussetzer nur schwer behandelbar. „Wir sind Elite unter uns Gewürm“ trompetet der ordensbehängte Elsass in die zwischenzeitlich immer wieder ziemlich demente Runde, die hier ihr finales Jammertal zu zelebrieren scheint. Ob der Zug auch wirklich das richtige Ziel erreicht und sich der verlorene Sohn mal wieder meldet, dass der faulende Knochen wohl bald unters Messer kommt und der Mundschutz immer noch mächtig stört.
Die erfolgreiche Vita von Elsass (Florian Eppinger), Nagel (Andreas Jeßing), Luniv (Marco Matthes) und Etsch (Nikolaus Kühn) klingt auch immer mal wieder an, komplettiert durch nationalistische Töne. So wie sich das für gestandene Burschenschafter gehört, die nicht auf die Lügenpresse und ihre Skandalchroniken reinfallen. Spätestens wenn die Runde mal wieder in großes Gelächter über Flüchtlingsschicksale- und Katastrophen ausbricht, hat sich die Anteilnahme für die vier Pflegefälle verbraucht. Aber das ist nur die erste Etappe in Kevin Rittbergers absurdem Szenario „WHITE PEAK- Wirr sinkt das Volk“, das in der Inszenierung von Katharine Ramser am Deutschen Theater uraufgeführt wurde.

Es geht noch ganz anders zur Sache, wenn Pflegerin Amsel (Andrea Strube) durch den Pflegeroboter Atlanta (Gabriel von Berlepsch) ersetzt wird, der den political correctness Jargon beherrscht, wenn dann das Theater als Stimme des gesellschaftlichen Diskurses geschreddert wird und sich die alten Herren am Ende auch noch als V-Leute outen, die das rechte Lager nachhaltig verstärkt haben. Leicht ist diese oft verwirrend und absurd anmutende Themencollage Rittbergers nicht zu entschlüsseln, wie sie die gesellschaftspolitische Stimmungslage in naher Zukunft ironisiert und dabei die Gesellschaft als solche in vielerlei Hinsicht zum schwer therapierbaren Pflegefall erklärt.

Regisseurin Katharina Ramser setzt in ihrer Inszenierung um so mehr auf das assoziative Potential des Textes, der im Grunde alle akuten gesellschaftlichen Baustellen anspricht. Da wäre zunächst die populistische Front, wie mit ihrer eigenen Lesart zur deutschen Geschichte operiert und ein tolerantes Miteinander ausschließt und für die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung ein Modell zur Rassenhygiene favorisiert. Wo die ökonomische Optimierung aller Lebensbereiche voranschreitet, verspricht der Pflegecomputer nicht nur mehr Rendite. Er funktioniert auch ohne die emotional belastenden Nebenwirkungen in der gesetzlichen Fürsorgepflicht für Alte, Kranke und Behinderte. Man kann an diesem Abend auch über die sozialen Verwerfungen einer Besitzstandsgesellschaft ins Nachdenken kommen, die ihre Pfründe mehr und mehr mit nationalistischem Drive verteidigt und sich so ganz en passant von ihrem schwächelndem Humankapital entledigt. Eine falsche Dosierung und zu viel an diskursiver Aufgeregtheit bekommt auch der dementen Burschenschaftergarde nicht, selbst wenn die vier Schauspieler auch nach der finalen Rollstuhlsession noch einmal demonstrieren, was in diesem Figuren alles an nachhaltigem Potential schlummert.
Rittbergers Anspielungen auf den NSU Prozess und die Rolle des Verfassungsschutzes wirkt an diesem Abend allerdings mehr wie ein post scriptum, als ob der Autor hier einfach noch mal genüsslich über Fehlspekulationen im verfassungspolitischen Machtpoker herziehen wollte. Regisseurin Kathrarina Ramser kontert Rittbergers dramaturgischen Ausreißer auch hier mit einer Gruppe jugendlicher Darsteller. Sie bilden einen Chor alter Männer, die in Kostümen und Masken den vier Rollstuhlveteranen gleichen und dann Chor der Roboter in Maske und Kostüm der programmierbaren Pflegekraft. Es gibt eben auch eine Vorgeschichte zu Rittbergers Szenario „PEAK WHITE“ über ein wirr sinkendes Volk, die hier an unbefangen oder neugierig naiven Mitläufern gedeutet wird und wie die sich später mit Folgeerscheinungen eines gestörten Gesellschaftssystems arrangieren.

Dass der Abend nicht in ein spekulatives Verwirrspiel über neue und alte nationalistische Stimmungslagen mündet und die latenten Demenzerscheinungen einer Gesellschaft, ist der Regisseurin und ihrem Schauspielteam zu verdanken. Sie machen hellhörig für die Themen, die der Text wie eine Collage einzelner Bruchstücke aneinanderreiht, ohne dabei stringent oder analytisch sein zu wollen. Diese Inszenierung versteht sich auch als Aufforderung, mehr als nur wachsam auf die Zwischentöne zu reagieren, die in den Rolliveteranen bei wechselnder Pflege neben den vollmundigen Sprüchen rumoren und nachwirken. So ganz ohne diese Alzheimerpathologie, die sie ja dann auch am allerwenigsten betrifft.

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