"Psalmenreigen" mit dem Kammerchor "con anima" in der Nikolaikirche

Im September gastierte der Kammerchor sehr erfolgreich bei den Nikolausberger Musiktagen mit einem Reger-Shakespeare-Programm. Nur kurze Zeit später präsentierte sich das Ensemble unter der Leitung von Jan Scheerer in der Göttinger Nikolaikirche, diesmal mit einem Psalmen-Programm: Kompositionen aus dem 16. und 17. Jahrhundert (Monteverdi, Schütz, Purcell und Palestrina) wurden Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert gegenübergestellt (Hjelmborg, Distler, Poulenc).

Wieder zeigte sich, dass Jan Scheerer seinen Schwerpunkt auf den Chorklang legt. Was sich aber im September als Glücksfall zeigte, wurde jetzt eher problematisch: zum einen war die Intonation nicht mehr so lupenrein wie noch vor kurzem. Und zum anderen traten andere Aspekte zu stark in den Hintergrund. Das war vor allem die Textverständlichkeit, die im Grunde überhaupt nicht vorhanden war. Aber auch die Interpretation wurde vollkommen dem Klang unterstellt. Es kommt schon etwas eigentümlich daher, wenn Schütz und Distler annähernd gleich klingen. Hier hat Scheerer den deutschen Komponisten, der als Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik des 20. Jahrhunderts gilt, gänzlich anders verstanden als dies üblicherweise der Fall ist.

Das ist insofern schade, weil damit die Vielseitigkeit der Programmzusammenstellung teilweise verloren ging. Erst am Ende nahm der Chor hörbar einen anderen Klang an: bei den Psalmvertonungen Palestrinas und Poulencs etwa veränderte sich der Chorklang – was den Kompositionen ausgesprochen gut tat.
Diese Glättung der Tonsprache Distlers war aber auch deshalb schade, weil damit die Qualität dieses Chores ein wenig unterging. Sowohl im September als auch hier am Ende des Konzertes konnten die Sängerinnen und Sänger ihre Vielseitigkeit beweisen. Und das hätte man gerne mehr gehört.

Hugo Distler hat sich häufig auf Heinrich Schütz bezogen und auf seine Kompositionstechniken und Stilmittel zurückgegriffen. Dabei legte er aber großen Wert auf eine intensive Wortgebundenheit und einer eher horizontalen Stimmführung. Diese typischen Merkmale gingen bei Jan Scheerer komplett verloren.
Am spannendsten waren noch die Vertonungen des dänischen Komponisten Bjørn Hjelmborg (1911-1994) und eben die Psalmen von Palestrina.

Spannend waren aber auch die beiden Zwischenmusiken, die Antje Helm auf der Flöte gestaltete. Zunächst brachte sie eine Psalmvertonung von Jakob van Eyck zu Gehör, dann das Stück „Pwyll“ von Giacinsto Scelsi.

Die zahlreichen Besucher in der Universitätskirche St. Nikolai störten sich nicht am missverstandenen Distler. Sie erfreuten sich am romantischen Chorklang – der in der Zugabe mit dem „Abendlied“ von Rheinberger einen entrückend schönen Höhepunkt fand.

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