Literarisches Zentrum

Was gehört zu einer gelungenen Ballnacht? Wenn das Literarische Zentrum zum Debütantinnenball einlädt, dann braucht es drei Nachwuchsautorinnen und einen Moderator, die gemeinsam über ihre literarischen Ersterscheinungen sprechen. Beim dritten Ball des Literarischen Zentrums sprachen Theresia Enzensberger (*1986), Mareike Fallwickl (*1983) und Jovana Reisinger (*1989) mit Frederik Skorzinski darüber was es heißt, als Frau in den 1920ern an der Bauhaus-Universität zu studieren, in eine schwierige Freundschaft involviert zu sein und darüber, wie Geschlechterrollen eine Frau in den Wahnsinn treiben können.

Musik der 1920er Jahre entführt das Publikum in die Stimmung Deutschlands der Weimarer Republik als Theresia Enzensberger das Parkett betritt. Blaupause heißt ihr Roman, den sie im Gespräch mit Frederik Skorzinski vorstellt. Ihre Protagonistin Luise Schilling studiert Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar und wird dort von ihren Kommilitonen und Professoren trotz ihrer Leistungen nicht gleichwertig anerkannt – ein Problem, das uns gegenwärtig noch bekannt vorkommt? „Man sollte die Parallelen zu heute nicht überstrapazieren“, so Enzensberger, die zu jeder Frage Skorzinskis eine souveräne Antwort parat hat. Ihr Plan sei es auch nicht gewesen, einen dezidiert feministischen Roman zu schreiben –  dass das so angenommen werde, sei jedoch sehr bezeichnend in Hinblick auf die heutigen Probleme. „Ich will die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen“, liest Enzensberger den programmatischen Satz ihrer Protagonistin. In bildhafter und moderner Sprache schildert sie das brodelnde Umfeld aus Luise Schillings Perspektive. Ihr Schreibstil erfährt von Skorzinski großes Lob, sie habe es überzeugend geschafft, die vielschichtigen Strömungen der 1920er Jahre greifbar zu machen.

Vom Bauhaus geht die Reise weiter in die Tiefen des Waldes. Den erlebt Protagonist Motz besonders intensiv, denn er nimmt als Synästhet Farben und Geräusche mit allen Sinnen wahr. Mareike Fallwickls Debüt Dunkelgrün fast schwarz erzählt jedoch nicht nur von dieser speziellen Eigenschaft, sondern von einer besonderen Freundschaft. „Es gibt halt diese Arschlochkinder“, vermutet Fallwickl, „haben Eltern in den ersten Jahren überhaupt die Zeit, ihre Kinder so zu verziehen?“ Aus verschiedenen Perspektiven und Zeitabschnitten sie analysieren wollen, wie die Freundschaft zwischen Motz, Raf und Jo zusammenhält, in der Raf eben genau das sei, ein Arschlochkind. Rafs Perspektive jedoch bleibt leer, seine Person erschließe sich nur über die Aussagen und Sichtweisen der anderen – „wie bei Ikea, erst fehlen ein paar Teile, aber dann passt alles zusammen“, so die Autorin. Ihre plastischen Schilderungen seien auch die Stärke des Romans, urteilt Skorzinski, der sich mit der schlagfertigen Debütantin im Gespräch einen mockierenden verbalen Schlagabtausch lieferte.

Den selbst so genannten „Downer zum Schluss“ bringt Jovana Reisinger aufs Parkett. Still halten heißt ihr Debütroman – ob das auch ein Ratschlag an die Hauptperson sei, genannt „die Frau“, die sich zwischen verschiedenen Rollen zerrieben fühlt, möchte Skorzinski wissen. Darum gehe es laut Reisinger; um eine Frau, die im Verlauf des Romans wahnsinnig wird. Ihr Mann ist ständig beruflich unterwegs und sie ist allein; wie sie von sich sagt, ist sie die perfekte, anpassungsfähige Frau. Dass sie nicht glücklich ist und das nicht gut gehen kann, versteht man bereits, als Reisinger die erste Passage vorliest: Wahrnehmungen des Stadtpanoramas, Interaktionen mit Menschen, Beschreibungen von Situationen – die kurzen Sequenzen reihen sich zu einer Handlungskette zusammen, der man anmerkt, dass die Autorin Drehbuch studiert hat. „Ich sehe alles in Szenen“, so Reisinger. Dass die Erzählperspektive ständig von der Innen- zur Außenwahrnehmung wechselt, verstärkt diesen rastlosen Eindruck umso mehr. „Ich wollte die Leserinnen und Leser in den Wahnsinn treiben“, so die Frau, die von sich sagt, sehr, sehr wütend zu sein, was dem Roman und ihren anderen künstlerischen Projekten in der Entstehung sehr geholfen habe. „Die Frau“ hat viele Probleme, ihre Mutter liegt im Sterben, sie selbst weiß nicht, welche Frau sie sein möchte. „Ich wollte dieses Urbild der Frau auseinandernehmen“, so Reisinger. Doch einseitige Bestandsaufnahmen von Geschlechterrollen sind nicht ihr Ding. „In dem Roman sind alle Opfer, auch die Männer“, stellt sie klar.

Auch dieser Debütantinnenball brachte wieder vielversprechende Neuerscheinungen aufs Parkett. Die jungen Autorinnen hatten auch abseits ihrer Romane Spannendes und Anregendes zu berichten und sorgten im Gespräch mit Frederik Skorzinski für einen abwechslungsreichen Abend – von ihnen wird man hoffentlich noch viel lesen! Und hoffentlich werden auch in Zukunft junge Autorinnen die Möglichkeit bekommen, ihre Erstwerke auf dem Debütantinnenball vorstellen.

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