Deutsches Theater

Von oben herab segelt ein Kreuz und bohrt sich in den Bühnenboden. Wumm. Moritz hat sich die Kugel gegeben. Irgendwann ist ihm alles zu viel geworden, was sein Körper mit ihm macht. Diese feuchten Träume, die Verwirrung in so vielen schlaflosen Nächten. Dann ging in der Schule auch alles daneben mit dem ewigen Leistungsdruck. Er ist nicht das einzige Opfer in Frank Wedekinds Schauspiel „Frühlings Erwachen“ und dieser Geschichte jugendlicher Ausbruchsversuche, wo die Welt aus den Fugen gerät und vor allem das Gefühlsleben, das so schwer zu begreifen ist und zu beschreiben, wo manchmal die Worte einfach versagen. Umso mehr berührt seine „Kindertragödie“ in der Musicalfassung „Spring Awakening“, die Niklas Ritter am Deutschen Theater inszenierte. Die verwirrenden Sehnsüchte und Ängste bekommen eine musikalische Stimme und das Innenleben der Figuren spiegelt sich auch in der Sprache der Bilder.

Ein riesiger goldglänzender Bilderrahmen mit einem dicken Riss markiert den Bühnenraum von Alexander Wolf und gibt zunächst den Blick frei auf den Prospekt eines unerträglich beengenden Wohnzimmeridylls. Von dort führt ein Steg in den Zuschauerraum, der vorübergehend auch zum Fluchtweg wird. Zum Beispiel für Wendla (Dorothée Neff), die sich von ihrer Mutter mit der Geschichte vom Klapperstorch nicht mehr besänftigen lässt. Sie ist ja genau so unsicher wie Martha (Gaia Vogel), die von dem scheuen Moritz (Roman Majewski) schwärmt. Melchior (Moritz Schulze) kann ihn nur mit Aufklärungslektüre und anschaulichen Zeichnungen versorgen, aber nicht mit Selbstvertrauen. Darum kämpfen auch Ernst (Benjamin Kempf) und Hänschen (Benedikt Kauff) bei ihrem Coming-out, während sich Georg (Tom Böttcher) in erotischen Fantasien mit seiner Klavierlehrerin hineinträumt und Otto (Moritz Kahl) in die mit seiner Mutter. Anna (Lilian Sophie Jöster) und Thea (Christina Jung) sind ebenfalls schwer verknallt in Moritz und nur Ilse (Katharina Müller) hat sich längst von den pubertären Jungmädchenträumen verabschiedet und kommentiert als Prostituierte nur noch die nackten Tatsachen, mit denen sie leben muss.

Es ist längst nicht alles Schnee von gestern, was Wedekind Drama aufrührt, auch wenn es noch Jahre nach der Uraufführung 1906 die Gemüter schockierte, als pornografisch abgeurteilt wurde und vielfach mit Aufführungsverboten belegt. Weder sind die prüden Elternhäuser ausgestorben noch die autoritären Erziehungsmuster und die prügelnden Väter. Erst recht nicht die schulischen Leistungsansprüche, Erfolgsstrategien und Konkurrenzdenken, die den emotionalen Aufruhr noch verstärken, selbst wenn die intimsten Aufklärungsdetails inzwischen auch über die Netzcommunity abrufbar sind. Ein Unsicherheitsfaktor hat sich damit nur scheinbar erledigt. Aber Halt ist in dieser stürmischen Selbstfindungsphase nirgendwo in Sicht.

Die Erwachsenenwelt wird an diesem Abend ironisch überzeichnet. Nicht nur Schuldirektor Knochenbruch und Lehrerin Knüppeldick erinnern an Comicfiguren, wie sie hinter ihren commedia dell’arte Masken die Kids drangsalieren, auch die verkniffenen Visagen von erziehungsgewaltigen Vätern und Müttern. Ein Arzt mit Schweinsmaske verpfuscht Wendlas Abtreibung. Schweinsmaske und die liberale Pose von Melchiors Mutter wird mit modischem Design ummantelt. Es ist die Sicht der Kids auf ihre Erzieher und Erzeuger, die Ritter in diesen Szenen komödiantisch und gern auch grotesk zuspitzt. Die Schauspieler, die sich hier das pubertäre Desaster mit all seinen Verwirrungen vertiefen, spielen auch alle Erwachsenen, die ihre Gefühlssturmrevolten abblocken, oft auch einfach nicht verstehen und scheinbar vergessen haben, dass es ihnen auch mal so ergangen ist.

Das Musicalduo Steven Salter/ Dunkan Sheik hat Ausschnitte aus Wedekinds Text mit seinen Songs kombiniert und das in einer Sprache, die auch auf die aktuellen Popscharts abgestimmt ist, mit viel Gefühl, ein bisschen schwärmerischem Pathos und den kleinen rebellischen Floskeln für die Teenie Jahrgänge. Trotzdem dominieren an diesem Abend nicht die musikalischen Motive, weil sie anders als in vielen Musicalproduktionen vor allem als Klangbilder wirken, die das Innenleben der Figuren erhellen. Ab und zu gönnen sich die acht Musiker unter der Leitung von Michael Frei einen rockigen Ausreißer. Doch meist umspielen sie das Drama um Wendla, Melchior, Moritz und ihre Gefährten mit vielschichtig sanften Melodielinien und Rhythmen, die die Schauspieler in musikalischen Nahaufnahmen verwandeln.

Auch die Videoaufnahmen suchen vor allem die Nähe der Figuren und was sie innerlich umtreibt. Mit den Bildern einer sonnigen Waldlichtung für die erste scheue Begegnung zwischen Wendla und Melchior, die später als dunkel bedrohliches Gestrüpp eingeblendet werden. Eine riesige Ozeanwelle türmt sich auf, während Moritz von den Ereignissen überfordert verzweifelt nach Halt sucht. Die nackte Glühbirne, wie sie da über den Bühnenhintergrund pendelt, verstärkt dann das Gefühl des Eingesperrtseins unter permanenter Beobachtung. Und wenn im vermeintlich liberalen Elternhaus Schadensbegrenzung betrieben wird, weil ein schwangeres Teenagerpaar den gesellschaftlichen Status gefährdet, stürzt eine Hundemeute durch die Landschaft. Wie auf der Jagd nach den Resten von Leichtsinn, Neugier und Mut, von denen dieses Frühlingserwachen so gerne lebt, um darin aufzublühen und auch mal störrisch anzuecken.

Auch der schwarze Vogelschwarm und die Silhouette eines Friedhofs lenken den Blick wieder zurück, unmittelbar auf die Gesichter und auf jede berührende oder abwehrende Geste, mit der das Schauspielteam auch die Verletzlichkeit seiner Kindertragödienhelden spürbar werden lässt, die sich jetzt im freien Fall abnabeln wollen und dabei nicht aufgefangen werden.

Niklas Ritter hat mit seiner Inszenierung etwas ganz Besonderes geschaffen. Wie hier die Sprachbilder mit den musikalischen Bildern und den Videoprojektionen korrespondieren und gemeinsam ihre berührende Wirkung entfalten, macht „Spring Awakening“ zu einem Theaterabend für alle Sinne mit wunderbar verführerischer Wirkung.

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