Literarisches Zentrum

Was haben ein Prisma, ein Mosaik und ein(e) Epilog gemeinsam – alles sind Literaturzeitschriften. Abwägige Namen mit Hang zur Irritation gehören zum guten Ton in der Literaturszene. So scheint es nicht verwunderlich, dass ein Label names „Kabeljau und Dorsch“ den Abend im Göttinger Literaturzentrum gestaltete. Im Rahmen des zweiten Netzwerktreffens der unabhängigen Literaturzeitschriften, organisierten die drei fisch – äääh - literaturaffinen Berliner, Malte Abraham, Victor Kümel und Chris Möller ein entspanntes Treffen von Redakteuren, um einen Einblick in deren Arbeit und Werk zu gewähren.

Vor etwa 30 durchwegs jungen Leuten, eröffnete Victor Kümel den Abend mit einer Einleitung über die Landschaft deutschsprachiger Literaturzeitschriften. Ob der Grad an Unterhaltungswert oder der Grad an Celsius in dem Raum höher war, lässt sich kaum sagen. Jedenfalls haben alle geschwitzt. Drei Fakten stellte er ins Zentrum: (1) Wenn man alle deutschsprachigen Literaturzeitschriften ausbreitet, dann bedeckt man eine Fläche von 1.2 Fußballfeldern. (2) Es ist drei mal wahrscheinlicher, dass ein Literaturstudent eine Zeitschrift gründet, als sein sein Studium zu beenden. (3) Würde man alle Zeitschriften lesen, wäre man kontinuierlich beschäftigt. Seine Analogie zu den Fußballfeldern wurde zum Running Gag des Abends. Da sage noch einer, Bücherwürmer hätten kein Interesse an Fußball. Nach der gelungenen Eröffnung, versammelten sich drei Redakteure auf der Bühne und erzählten von ihrer Arbeit: Steffen Greiner von „Die Epilog“ (Deutschland), Marko Dinic von „Mosaik“ (Österreich) und Hannah Widmer von „Stereofeder“ (Schweiz). Die Trinität der Länder war reiner Zufall, beteuerte Chris Möller im Nachhinein.

Recht schnell wurde klar wie verschieden die jeweiligen Ansätz der Zeitschriften sind und auch, dass jede ihre eingene Besonderheit hat. Mosaik publiziert Artikel in mehreren Sprachen und ist kostenlos. Stereofeder publiziert die Artikel als Audiodatei zum Anhören. Die Epilog hat sich die Nische der literarischen Essayistik gesucht und ist eine excentrische Zeitschrift, vor allem getragen davon dass die Redeakteure ihre Verstiegenheit selbst feiern. Es gab auch zwei Leseproben, eine aus dem Mosaik, eine aus Die Epilog. Es waren sehr unterschiedliche Texte, aber beide mit interpretationstiefem Inhalt, getragen von guter Sprache. Klar gefehlt hat eine Hörprobe aus der Stereofeder. 

Bemerkenswert ist das ungebrochene Engagement trotz des nicht vorhandenen finanziellen Anreizes. Jeder der Redakteure muss sich mit einem anderen Job die Brötchen verdienen. Die Arbeit für die Zeitschrift wird schlicht und allein von der Passion für Literatur getragen. Positive Resonanz in der Szene wiegt ihnen mehr als der monetäre Antrieb.

Malte Abraham und Chris Möller moderierten die Runde mit Witz, Charme und auch einigen polarisierenden Fragen. Mit ihren Antworten auf den Punkt zu kommen, gehörte nicht zu den Tugenden der Redakteure und so wirkte die Diskussion zeitweise wie ein Bewusststeinsstrom, bis durch eine neue Frage wieder Struktur geschaffen wurde. Dennoch eröffneten das Gespräch einen lebendigen Einblick in das Schaffen der Herausgeber und machte Lust aufs Lesen. Gelegenheit mehr zu erfahren, gab es im Anschluss bei Bier und Zigarette an der kühleren Luft vor dem Literaturzentrum.

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