GSO

Vielleicht ist ja die Stille der absolute Ton. Dieser Moment, wo Melodien, Klänge und Laute zu einem universalen Andachtsraum verschmelzen. Die Stille scheint fast greifbar, nachdem Christoph-Mathias Mueller nach Gustav Mahlers Auferstehungssymphonie den Taktstock niederlegt hat. Aber sie hält nicht lange an. Schon mit dem ersten Bravoruf erheben sich die Zuhörer in der Göttinger Stadthalle spontan von ihren Plätzen. Ihr enthusiastischer Beifall gilt natürlich dem GSO Generalmusikdirektor nach seinem Abschiedskonzert in Göttingen. Doch darin drückt sich noch viel mehr aus, auch das Gefühl, mit diesem Abend ein ganz besonderes Geschenk von Mueller bekommen zu haben. Eine Liebeserklärung an die Musik, an der sie Anteil haben durften. Wie sie in der aufrührenden symphonischen Klangwelt Mahlers zum Ausdruck kommt und in Karol Szymanowskis „Stabat Mater“ ebenso tief bewegt.

Es war Muellers Wunsch, anlässlich des 40jährigen Partnerschaftsjubiläums zwischen Göttingen und Torun mit seinem Abschiedskonzert auch ein programmatisches Zeichen zu setzen, um wenigstens in seiner letzten Saison die beiden großen Göttinger Kantoreien zu einem gemeinsam vielstimmig strahlenden Ensemble zusammenzuführen. Dabei versteht sich das Motto des Abends „Grenzenlos“ ebenso sehr als musikalische Botschaft an die beiden Partnerstädte: Mit dem klangvollen Bündnis des GSO und des Thorner „Orkiestra Symfonika“, das nach dem gefeierten Gastspiel in der Partnerstadt nun auch in Göttingen umjubelt wurde. Zunächst mit Karol Szymanowskis „Stabat Mater.

Da schweben Flöte und Klarinette herbei, zart grundiert von den Streichern und entfalten einen filigranen Schwingungsraum für Sopranistin Lin Lin Fan. Wenn sie jetzt den Dimensionen der Trauer eine warme Farbe verleiht, bis die Chorstimmen von Sopran und Alt dieses leise Weinen einer Mutter durchdringen. Fast meditativ und verhalten beginnt Szymanowskis Marienklage, in feinen harmonischen Kontrasten, die wie zu einem Gebet verweilen, um dann einen dramatischen Aufruhr zu entfachen. Bariton Samuel Hasselhorn mahnt das Mitgefühl und die Worte des Trostes an und wird von allen Chorstimmen leidenschaftlich bestärkt. Bei Altistin Ingeborg Danz ist es das Gebot der Anteilnahme im Schmerz und im Leiden, das in seiner Klarheit und Bestimmtheit eine weitere Dimension der Trauer berührbar werden lässt.

Mit seinem „Stabat Mater“ verwebte Szymanowski die kirchenmusikalischen Traditionen Polens mit zeitgenössischen Klangelementen. Dabei kommt es zu dramatischen Begegnungen, wenn archaisch anmutende Motive auf harmonische Progressionen treffen und mit gewaltigen emotionalen Kräften das erlösende Moment ersehnen. Um jeden Ton und jedes symbolische Zeichen lässt Mueller sein Orchester mit den Solisten und den 160 Stimmen der beiden Chöre gemeinsam ringen, die sich wie in einer intimem Zwiesprache verständigen, um dann erneut leidenschaftlich und emphatisch aufzurühren.

Zu Mahlers c-Moll Symphonie, die das GSO bereits in der Göttinger Partnerstadt gemeinsam mit dem Thorner Orchestra Symfonika aufgeführt hatte, blieb ein Platz leer. Mit einer Gedenkminute wurde an den Geiger Wojciech Skruszewicz erinnert, der am Tag nach dem Konzert tödlich verunglückt war. Mueller warb für eine Spendenaktion des GSO, das damit die Angehörigen des Musikers unterstützen möchte. Seine anschließenden Dankesworte galten dem Publikum, allen engagierten Fördern und Wegbegleitern des Orchesters und vor allem seinem Team, das ihm über 13 Jahre in der diffizilen Logistik von Konzerten und Konzertprogrammen zur Seite stand.

Schon in Szymanowskis musikalischem Kosmos schienen sich immer wieder Kontinentalplatten zu verschieben, um in diese Momente von absoluter Stille zu münden. Das war bei Mahlers Auferstehungssymphonie erst recht der Fall. Es sind gewaltige Eruptionen, die sich bereits im ersten Satz anbahnen. Mueller betont das Skizzenhafte in den Motiven, wie sie die Annäherung an existenzielle Fragen von Leben und Tod markieren, die sich dann entladen. Da sind die eindringlichen Rufe der Bläser, die dunklen Schwingungen der Kontrabässe, das Aufbegehren der Streicher und diese gewaltigen Paukenschläge, die einen symphonischen Kosmos durchdringen, der ihnen alles abfordert und ihnen dabei auch immer wieder Sehnsuchtsorte eröffnet. Das sind die Klangräume, in denen Mahler Erinnerungen nachzeichnet und Mueller mit seinen Musikern den heiter beschwingenden Bildern bis hin zu den feinen Verästelungen poetischer Miniaturen nachspürt und sie mit einem sanft schimmernden Glanz umhüllt. Schon bald werden sie erneut bestürmt. Leidenschaftlich dramatisch dürfen die Harmonien ausufern, sich pathetisch reiben, feurige Verwerfungen bilden und gewaltige Unruheherde. Sie lassen den symphonischen Raum erzittern, den dann 160 Chorstimmen jetzt umso filigraner durchdringen, mit Tönen wie gehaucht. Sie muten wie ein gemeinsames leises Flüstern an, das dem Schrecken in diesem existentiellen Drama trotzt. Darin werden auch die Zeichen von Glaube, Liebe und Hoffnung lebendig erfahrbar, um die Mahlers mit seiner „Auferstehungssymphonie“ gerungen hat und sich harmonischen und anderen kompositorischen Grenzen verweigerte. Auch in diesem Sinne lässt sich das Leitmotiv für Muellers Abschiedskonzert mit dem Göttinger Symphonie Orchester und den polnischen Gästen verstehen. „Grenzenlos“ ist die musikalische Botschaft für den offenen Dialog, der es auch weiterhin mit allen Hindernissen und Widerständen aufnimmt, um die Vision für ein friedliches Miteinander zu bestärken.

Grenzenlos ist an diesem Abend auch die Hingabe der Musiker, der Solisten und der Choristen, mit dem sie ihr Publikum emotional aufrühren und erschüttern. Ja, da verschieben sich Kontinentalplatten, deren Echos noch lange nachhallen, in den Klang der Stille hinein, wo sie dann zu einem universalen Ton verschmelzen.

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