Universitätschor und -orchester

Am 7. Juli 2018 besuchte ich im Auftrag des Kulturbüros Göttingen das Konzert des Göttinger Universitätschores und -Orchesters in der Aula am Wilhelmsplatz mit der Aufgabe, jetzt im Anschluss eine Kritik zu diesem Konzert zu schreiben. Erwarten sie jetzt eine knallharte Analyse des Chorklanges, scharfe Worte gegen einzelne Stimmgruppen im Orchester und ein vernichtendes Urteil über die Gesamtinterpretation? Dann besorgen Sie sich am besten eine überregionale Zeitung und lesen dort die Kritiken zu aktuellen Festspielen und Operninszenierungen in Frankfurt, Berlin oder Bayreuth.

Wir sind hier in Göttingen. In dieser überschaubaren Stadt gibt es eine lebendige Musikszene, in der allerdings jeder mit jedem irgendwo schonmal musiziert hat. Auch jeder Kritiker. Mit jedem Verriss tritt man also irgendwem, den man schätzt, auf die Füße. Ist so überhaupt eine sinnvolle Rezensionskultur möglich? Kann man unter diesen Voraussetzungen objektiv von einem Konzert berichten? Ich denke nicht. Aber ich sehe da auch kein Problem drin, solange man

sich dessen bewusst ist. Deswegen dieser lange Prolog, denn ich setze dem ganzen heute Abend die Krone auf: Ich bin eigentlich selbst seit 14 Jahren Mitglied in dem Chor, den ich jetzt rezensiere!

Kommen wir aber nun zum Abend des 7. Juli. Auf dem Programm des Semesterabschlusskonzertes stehen ausschließlich Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy. Eröffnen tut ihn, wie sollte es anders sein, die Hebriden-Ouvertüre op. 26. Als Landschaftsgemälde und Reisebericht komponierte Mendelssohn diese nach seiner Schottland-Reise 1829 und es beeindruckt, wie er die Eindrücke und Stimmungen der rauen schottischen Insel einfängt und mit einer kompositorisch ansprechenden und von vielfältiger thematischer Arbeit durchzogenen Ouvertürenform kombiniert. Das Universitätsorchester ist von Beginn an präsent und konzentriert, der ausgewogene Klang und erste gelungene Soli steigern die Freude auf die restlichen Programmpunkte.

Nach dem verdienten Applaus tritt der Universitätschor auf für den 42. Psalm "Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser". Auch er ist von Anfang an präsent und folgt dem flexiblen Dirigat des Akademischen Musikdirektors Ingolf Helm aufmerksam. Die vielen jungen Stimmen bringen einen klaren, strahlenden Chorklang hervor, auch wenn die Seele im Eingangschor im von Helm wie üblich gewählten langsamen Tempo nicht energisch verzweifelt, sondern eher zuversichtlich und tiefenentspannt zu Gott schreit. Der Chor darf in der Folge nicht nur als Ganzes, sondern auch in einzelnen Nummern als Frauen- bzw. Männerchor agieren. Auch hier zeigt sich die gründliche Vorbereitung und vor allem Stimmbildung, an denen auch Probenassistent Andreas Jedamzik maßgeblich beteiligt war.

Den Glanzpunkt setzt in diesem Werk aber die Sopranistin Sophia Körber, die die Solopartie in dieser Psalmkantate übernimmt. Mit ihrer klaren und anpassungsfähigen Stimme muss sie als Idealbesetzung für die melodienreiche Partie angesehen werden. Nachdem der Psalm mit der fulminanten Schlussfuge beendet ist, werden Publikum und Mitwirkende in die Pause geschickt.

Nach dieser steht der Höhepunkt des gut 2 1/2-stündigen Konzerts auf dem Programm: Mendelssohns 2. Symphonie, der "Lobgesang". Mendelssohn bricht hier, in Fortführung von Beethovens 9. Symphonie, mit Einsetzen des Chores mit der klassischen Symphonischen Form. Die ersten drei Sätze erfüllen diese noch und sind rein instrumental gehalten. Dabei bereiten thematisch den zweiten als Kantate komponierten Teil vor. Noch einmal präsentiert sich hier das Orchester ohne Chor und wieder gibt es schöne Soli, vor allem in den Holzbläsern, heikle Stellen in den Streichern gelingen gut, die Spielfreude bekommt dem Orchesterklang gut.

Nach einer Unterbrechung, in der Chor und Solisten unter Applaus auftreten, folgt nun der zweite Teil der Sinfonie. Sophia Körber werden in der Solistenbank nun Theresa Sommer (Sopran) und Alexander Tremmel (Tenor) zur Seite gestellt. Im Duett der Frauenstimmen zeigt sich abermals die Anpassungsfähigkeit Körbers, die auch der kräftigen Interpretation Theresa Sommers einen adäquaten Gegenpart bieten kann. Schwerer hat es da Alexander Tremmel, dessen schlanker und präziser Tenor im Duett mit Sommer etwas untergeht. Dennoch können alle drei Solisten einzeln und im Zusammenspiel durchweg überzeugen.

Für den Chor hält dieser Kantatenteil der Symphonie nicht nur schwierige Fugen und anstrengende Tonlagen bereit, sondern auch die Acapella zu singende Choralstrophe "Nun danket alle Gott" - für mich als Kirchenmusiker vielleicht der Höhepunkt der Symphonie, und in der Aufführung des Unichores ein bemerkenswerter Moment, der ohne Detonation gemeistert wird. Am Ende, nach der obligatorischen Schlussfuge, steht das zentrale Motiv der Symphonie "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn".

So lässt sich ein langer, aber gelungener Abend mit großen Kompositionen Felix Mendelssohn Bartholdys adäquat beenden. Die verdiente Anerkennung für Universitätschor und -orchester sowie die Solisten und den AMD Ingolf Helm zollt das Publikum mit langanhaltendem Applaus.

Abschließend noch einmal der Hinweis: Diese Konzertkritik kann Spuren von Sympathie für die Musiker enthalten. Leute, ihr wart klasse! Ich freue mich auf das zweite Konzert heute Abend!

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