Göttinger Kultursommer

Gelegentlich macht sich der Erzähler lustig über seine Beobachtungen, als habe er die Rolle der Klatschbase übernommen. Doch die Stimme von Matthias Habich bekommt deswegen noch lange keine heitere Tonlage. Fast schon lakonisch klingen die Beschreibungen des Erzählers in Fjodor Dostojewskis Roman „Der Spieler“ über die Generalsfamilie, bei der er als Hauslehrer beschäftigt ist. Die steht kurz vor der Pleite. Der Schuldenberg wächst täglich, trotzdem lebt man auf großem Fuß und leistet sich weiterhin Leben das luxuriöse Leben mit edler Hotelunterkunft. Alle Hoffnungen ruhen auf der reichen Tante, die hoffentlich bald stirbt. Ihre Vermögenswerte werden schließlich dringend benötigt. Was für ein Schock, als statt der erwarteten Nachricht von ihrem Ableben, die Dame höchstpersönlich eintrifft.

Man könnte meinen, dass jetzt eine Gewitterfront im Rathaussaal zusammenbraut, nur weil eine alte Dame im Rollstuhl jetzt das Kommando in Dostojewski Roman übernimmt. Wuchtig aufgeladen hat sich die Stimme des Schauspielers, mit diesem herrischen Tonfall, der keinen Widerspruch duldet. Was eben noch wie eine schlichte Lesung anmutete, hat sich unmittelbar in ein Schauspiel verwandelt, das am Roulettetisch auf seinen ersten Höhepunkt zusteuert. Die eigenwillige „Babuschka“ will entgegen aller Zufallsgesetze auf Zero setzen, wieder und wieder gewinnen und auch am nächsten Tag ihren kategorischen Glücksanspruch auf Zero und Rot verteidigen. Es ist ein wütender Rausch, in dem sie einen Großteil ihres Vermögens verspielen wird und die Erbengesellschaft bei ihrer Abreise in Panik versetzt. Wiederum dämpft Matthias Habich den nun folgenden Aufruhr mit einer Spur von Lakonie. Wie ein anteilnehmender Beobachter, der möchte, dass sich die Romanfiguren auch in ihrem Scheitern verstanden wissen.

Der verschwenderische General ist aus dem Rennen um die Gunst der jungen Französin, die ihn als profitablen Kandidaten im Blick hatte. Auch Generalstochter Polina bekommt von ihrem generösen Verehrer die endgültige Absage. Jetzt ist die Stunde des verliebten Hauslehrers gekommen, der die Familienschulden am Roulettetisch auslösen will. Für ihn geht es um alles oder nichts, wenn Habich nun seinen Rausch in kurzen, atemlosen Sätzen bannt und sich die Atmosphäre wahnhaft vermessen zuspitzt. Wie gebannt folgen die Zuschauer den Einsätzen dieses Aleksej Iwanowitsch, der sein Glück wieder und wieder auf die Probe stellt und von niemandem zu besänftigen ist, wenn er seine Verluste ein weiteres Mal erfolgreich ausgeglichen hat. Es ist längst nicht mehr die Leidenschaft für Polina, die ihn antreibt sondern nur noch dieser Tisch, an dem eine Kugel über Gewinn und Verlust entscheidet und ihn in dieser Nacht zum Sieger erklärt.

Der Schauspieler greift nach einem letzten Stapel von Seiten und lässt Dostojewskis dramatische Bilder für einen Moment in absoluter Stille nachwirken. Sein Blick verweilt erneut bei den Zuschauern; dann sind wie zuvor auch wieder die Hände in Bewegung, die dem Text auf ihre Weise Gestalt geben und feinste Betonungen setzen. Nun wird Polina den wahnhaften Liebesbeweis verweigern. Ihr Glücksspieler wird auf der Verliererseite bleiben, weiter auf die richtige Zahl hoffen oder auch die richtige Farbe und den Rest der Welt wie gebannt ausblenden. Und auch von erzählt Matthias Habich ohne dramatischen Gestus, so ganz diesem Spieler zugewandt, der den Morgen ersehnt, wo sich sein Schicksal wieder wendet.

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