Gandersheimer Domfestspiele

Der Nachrichtensprecher berichtet von einem Milchsäureanschlag und der Schließung einer Szenekneipe. Das war es dann wohl zum Thema „Bier für Frauen“, das ja auch die passende Kulisse braucht. Die ist jetzt auf der Studiobühne im Kloster Brunshausen vorübergehend mit Plastikfolie getarnt. Doch für das szenische Abenteuer mit Felicia Zellers Sammlung von Kneipengesprächen und Bruchstücken von Dialogen „Bier für Frauen“ ist bereits Rettung in Sicht. Unmittelbar bricht die Musik ab, in der James Brown „It’s a mans world“ verkündet.

Felicitas Heyerick ist passend gerüstet mit Schutzoverall und Vollbart und schultert einen Behälter mit hochprozentigem Wirkstoff. Mit 100 Prozent Alkohol lässt sich der gesellige Treffpunkt mit Sicherheit dekontaminieren. Und für die erste Runde Gesprächsstoff liegt das Material ja schon bereit. Da türmen sich die Bierdeckel mit Sprüchen, Kalauern, und Kommentaren, was nicht nur Frauen bei einem von vielen Bieren so durch den Sinn gegangen sein mag. Zum Beispiel über den „Super Abend“ oder das gesellige Desaster „das nicht mein Bier“. Die männliche Empfehlung folgt unmittelbar: „Frauen sollten kein Bier trinken. Trinken sie Alkohol werden sie albern und dann träge und sind dann zu nichts mehr zu gebrauchen.“

Alles Material für meine erste Comedy freut sich die Schauspielerin, die mit Regisseurin Sarah Ley in Felicia Zellers bierlastige Chronik hinein gelauscht hat und jetzt „ihr ganz eigenes Ding“ verkündet. Das entspricht ja auch dem Wunsch der Autorin, die in ihren Vorbemerkungen zum Stück notierte „Da es sich bei allen Personen um Zitate handelt, können diese auch beliebig ausgetauscht werden.“ Das gilt im Übrigen auch für die Themen, die bei jedem frisch Gezapften so schön chaotisch durcheinander geraten, auf das nur ja kein sinnvoller Zusammenhang entsteht. Auf das ewige Desaster mit den Männern, egal ob Freund, Ehemann oder bereits ausgemustert, ist natürlich Verlass, wenn Frauen und Bier zusammen kommen. Auch auf Karrierestörungen, vorzugsweise von Männern verursacht, den alltäglichen Stress, die erneut gescheitere Diät, nervige Kinder und auf den Wunsch, jetzt endgültig auszusteigen und das nicht nur für einen gemeinsamen Abend.

Fünf Frauen lässt Heyerick an diesem Abend über sich selbst erzählen. Sie dürfen plaudern und plappern, nachdenklich sein und philosophieren, Trübsal blasen, wütend und jähzornig werden und dann auch zickig sein oder mädchenhaft verträumt oder eben ganz schlicht pragmatisch mit einem ironischen Blinzeln. Dumm gelaufen, wenn das handwerkliche Geschick fehlt, um jetzt den sperrigen Fensterhebel zu richten und sich raus zu stürzen.
Hinter der Bühne gibt die Schauspielerin ihren Frauen, die irgendwas mit Naturheilkunde machen, sich als genervte Mütter outen oder potentielle Kandidaten mit der passenden Schwanzlänge vergleichen, das passende Outfit mit Perücke und modischem Design für ein weiteres Solo mit Satzfetzen, verbalen Aussetzern und musikalischen Notizen. Ein bisschen Schlagerseligkeit zum Bier muss sein und da darf die Hymne auf die heimische Braukunst „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ nicht fehlen. Wozu der Gedanke an ein Bier nicht alles gut ist, eben auch zum Kalauern und Reimen, um die Zuschauer immer wieder vergnüglich zu stimmen. Der „Alkohol also Sanitäter in der Not“ kommt gut an und erst recht die Aufforderung, „Alkohol mir mal ne Flasche Bier, sonst streik‘ ich hier“, darauf folgt ein munteres Trulla Trulla Trullala“. Jetzt geht es nämlich richtig zur Sache. Zunächst noch mit Kommentaren über Biervorlieben, den Wert es flüssigen Brotes und das wahre Lebenselixier, das möglicherweise sogar die männliche Potenz fördert. Bei der Fußballübertragung ist es einfach unverzichtbar, vor allem wenn es die Frau des Hauses am Sofa serviert.
In die Stimmencollagen zwischen den Stimmungschroniken der Frauen zieht gelegentlich Stammtischatmosphäre ein. Die Bier trinkende Männerwelt macht sich ihren Reim auf Frauen, die auf der Kneipentoilette singen, so merkwürdig überdreht sind und so komisch schwanken. Um was es an all den Nebentischen geht, soll sie offenbar auch nichts angehen. Weder die Frage „Babybrei, Haferbrei oder Löwenbräu?“ noch das Lamenti über den maulfaulen Partner oder das befreiende Gefühl nach dem Promilleabsturz spontan kündigen zu können. Eindeutig Männersache ist das Napoleonsyndrom. Also bekommt der ziemlich klein geratene brüllende Chef beim Bier endlich sein Fett weg. Ein bisschen auch der adelige Ex-Lover, der seiner Gefährtin seine Unterhose so gern zum ausbürsten und mit waschen überlassen wollte.

Es gibt viel spotten und zu lästern an diesem Bierabend für Frauen, die Franziska Heyerick hier vor allem parodiert, wie sie ihrem Gedankenchaos freien Lauf lassen und sich fragen, was sie da alles mit sich machen lassen und ob das wirklich so sein muss. In den Bekenntnissen mutet ja Vieles auch komisch an. Aber sollte es nicht endlich zum Ausrasten verführen und Ausbrechen aus den Verhältnissen, egal ob dabei ein paar Gläser zu Bruch gehen, die Beziehung, der Job oder dieses unbefriedigende Lebensgefühl.

Die Schauspielerin gönnt ihren Frauen lieber noch ein bisschen mehr Komik. Sie dürfen sich albern, schräg und schrill aufführen, frech posieren und lamentieren und dabei gern auch über die Stränge schlagen. So erfüllen sie das angekündigte Comedy Format, das wie am Stammtisch auch auf die Wirkung von Klischees vertrauen kann. Die lassen sich ja mit jedem Bier noch leichter an die Oberfläche spülen. Dass Heyerick am Ende noch mal kräftig austeilt und über die Comedy Garde lästert, die jede alltägliche Macke in einen bühnenreichen Spruch verwandelt, stiftet allerdings nicht nur unterhaltsame Verwirrung. Es deutet vielmehr auf das, was an diesem Theaterabend nicht passiert. Was diese Frauen mit sich, dem Bier und der Runde bereden, in zusammenhanglosen Bruchstücken und gelegentlich sogar in einem sinnvollen Zusammenhang, ist durchaus von Bedeutung. Und sei es in dem Wunsch, endlich mal Klartext zu reden, der ziemlich deutlich zur Sprache kommt. Beim „Bier für Frauen“ wird daraus eine Sammlung massenhaft bühnenreifer Sprüche in einem turbulenten Arrangement.

Vorstellungen sind noch am 14., 17. und 21. Juli, jeweils um 19 Uhr.

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