Deutsches Theater

Rezension

Vielleicht täuscht ja der rote Sticker mit dem Namen Alice, den jeder Zuschauer am Eingang zur DT-Tiefgarage bekommt. Das weiße Kaninchen ist nicht nur ein bisschen skeptisch sondern auch ziemlich verwirrt und fragt nach. „Bist du wirklich Alice?“ Aus den roten Albino Augen blitzt es erneut auf. „Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, weg damit!“ murmelt die Stimme zum Aufbruch in das Gedanken- und Wahrnehmungslabyrinth in der DT-Tiefgarage Das nächste weiße Kaninchen ist bereits zur Stelle und eilt voraus in „Alices Welt“ mit den vielen seltsamen Hutmachern, die dort ihre rätselhaft verwirrenden Teestunden zelebrieren.

Über die Kopfhörer, die die Kaninchen verordnen, dringen Geräusche, Satzfetzen und bald darauf eine Stimme, die englische Originaltexte von Lewis Caroll“ aus „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegel“ rezitiert. Auch die kollidiert bereits mit den vielen Refugien der beiden Hutmacher (Michael Bokemyer und Michael Thomas), die sich in einer Blumenbinderei eingenistet haben oder wie Gerd Zinck ein Gemäldezimmer mit Hasenportraits bewohnen. Sie erscheinen als Uhrmacher Paul Wennig, die an der Zeit und den starren Zifferblättern laborieren. Sie fantasieren mit Wort- und Buchstabenrätseln (Ronny Thalmeyer) und mit geheimnisvollen Zeichen (Marius Ahrend) oder malträtieren in der Enge von Etagenbetten ein kleines Kinderklavier.

Hier hat Marco Matthes den Zuschauer erwartungsvoll im Blick, der den Platz Alices eingenommen hat und nun die störrischen Töne unmittelbar zu hören bekommt. Hört er überhaupt zu? Kann er vielleicht sogar mitsingen? Kann er etwas mit den assoziativen Gedankenbildern anfangen, die ihm eingeflüstert werden, bevor wieder ein weißes Kaninchen zum Aufbruch mahnt. Die anderen Zuschauer behalten ihre Kopfhörer auf und erleben auch diese Szene mit den Stimmen der anderen Hutmacher, die in einer labyrinthischen Sinncollage rotieren und immer wieder insistieren, ob denn jetzt wirklich die echte Alice eingetroffen ist und wie man eigentlich ohne Wörterbuch buchstabieren soll. Weiß eigentlich jemand, warum ein Rabe wie ein Schreibtisch ist oder warum die Zeit für lange Worte viel zu kurz geraten ist?

Schon beim nächsten Hutmacher geht es vielleicht darum, das gleich ein Fußboden einbricht oder dass nun eine dieser blassen Gestalten mit strähnigen grauen Haaren (Alma Nossek) sich wortlos in ihre Welt vertieft, Schachfiguren mit dem Degen attackiert oder ein Stillleben mit Stecknadeln kreiert. Schon schlägt der Gong erneut fünf Mal. Wieder eilen die Kaninchen herbei, um ihren Zuschauer flugs zu einer weiteren Teestunde zu geleiten und das immer so, dass jeder eine andere Reihenfolge und andere Ausschnitte der Bilderwelt erlebt. 26 Stationen hat Bühnenbildner Florian Barth für diese Odyssee „ In Alice Welt“ entworfen und mit einer Fülle von Requisiten und optischen Details ausgeschmückt. Auch über deren Bedeutung lässt sich wunderbar rätseln. Über das staubige Vertiko ebenso wie über den kleinen Globus, das Schoßhündchen oder den Plüschhasen, der in ein Milchkännchen gestopft wurde. So wie dann über die Geschichte von dem Mühlrad, da von Bonbons angetrieben wird.

„Das Durcheinander im Hirn ist nicht besonders schlimm“, tröstet eine Hutmacherstimme und eine andere lässt ebenfalls in diesem Sinne aufhorchen, „Wir sind alle verrückt, auch Du, sonst wärst Du nicht hier“. Es geht wahrlich verrückt zu „In Alice Welt“, wo sich nichts nach den Regeln der Vernunft oder der Logik abspielt, sondern wenn überhaupt auf dem Feld der Fantasie und der Imagination, wo die Sprache keinen Halt geben mag und die Wahrnehmung aufgefordert ist, sich in diese Hutmacherwelt hinein zu fragen und zu träumen, die so schön bizzar verrätselt ist und damit um so mehr zum Staunen verführt.

Mit ihrer Inszenierung „In Alice Welt“ knüpft Regisseurin Antje Thoms natürlich auch an die dramatische Odyssee mit George Orwells „1984“ in der DT-Tiefgarage an. Doch während die Zuschauer dabei mit den Machtstrukturen einer entrophischen Welt und funktional zugerichteten Maschinenmenschen konfrontiert wurden, erleben sie hier eine ganz andere Bühnensituation, in der sie nicht nur anteilnehmende Beobachter sind. Spätestens wenn sie Alices Platz nach dem Sturz in das Kaninchenloch einnehmen, werden sie vom Hutmacher auf die Probe gestellt, ob sie sich außerhalb der vermeintlichen Realität überhaupt noch zurechtfinden. Wie das ist, wenn nichts mehr mit rechten Dingen zugeht und dann vielleicht sogar das Unterbewusstsein dazwischenfunkt, das sich hier den widersprüchlichsten Sinneseindrücken anvertraut und die Fantasie beflügelt. Dazu gehört an diesem Abend die Bereitschaft loszulassen um vielleicht sogar eines dieser verrückten Wortspiele für sich weiter zu spielen und neue zu erfinden oder für den Moment einfach mal bei den abenteuerlichen Requisiten zu verweilen, mit denen sich die Hutmacher umgeben. Auch die müssen ja zum Glück nicht manierlich funktionieren, genauso wenig wie die Wecker, die in jedem Raum auf 5 Uhr stehen geblieben sind. Und wer sich in dem Raum mit dem Fernsehbildschirm gespiegelt erlebt und einfach mal eine Grimasse riskiert, kann vielleicht doch einen der 16 Hutmacher überzeugen, er sei jetzt Alice.

Ein bisschen Zeit zum Träumen bleibt noch, nachdem die weißen Kaninchen erneut ausgeschwärmt sind und die Zuschauer nun zu den Feldbetten geleiten. „Schlaf ein, höre auf“ flüstern, raunen und tönen sie im gemeinsamen Schlusschor aber zum Glück hört die Geschichte ja nicht auf. Die Bilder, die Wortspiele und all die verrückten Begegnungen, die „In Alice Welt“ umtriebig sind, wollen noch lange nicht still halten.

 Die nächsten Vorstellungen sind ab dem 22. August jeweils um 18.30 Uhr und um 20.30 Uhr bis zum 9. September (nicht an allen Tagen).

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