St. Jacobi

Rezension

Der Auftakt der Internationalen Orgeltage in Göttingen war in diesem Jahr ein ganz besonderer: Eingeläutet wurden sie nicht nur mit der Feier des Orgeljubiläums, deren abgängige Stahlglocken vor 50 Jahren durch vier neue Bronzeglocken ersetzt wurden, sondern auch durch einen seltenen Gast. Erst zum zweiten Mal in Göttingen, belohnte der russische Konzertorganist Daniel Zaretzky die Zuhörer, die am Abend des 17. August den Weg in die Jacobikirche gefunden hatten, mit einer einzigartigen Performance. Denn Zaretzky erwies sich nicht nur als Meister der Orgel, sondern zauberte mit Tönen und ließ die Eröffnung der 25. Orgeltage zu einer ganz besonderen werden.

Ausgangspunkt der musikalischen Reise: Italien des 17. Jahrhunderts, mit der Messa della Domenica aus dem bekannten Zyklus Fiori musicali Girolamo Frescobaldis. Die Orgelmesse, aus verschiedenen kleinen Abschnitten von unterschiedlichem Charakter und Affekt bestehend, dem Verlauf der klassischen Messe entsprechend von der einleitenden Toccata über Kyrie und Christe bis hin zur Canzona dopo l’epistola geordnet, präsentierte der russische Organist mit routinierter Attitüde: cantus-firmus-gebundene Sätze, die leidenschaftliche Mystik der Toccaten und der freizügige Umgang mit harmonischen Wendungen und Kontrapunkten gingen ihm leicht von der Hand.

Deutlich mehr Klangvolumen und Wucht füllte die Kirche nach diesem Auftakt an der historischen italienischen Orgel mit dem Wechsel an die große Orgel von St. Jacobi, deren gesamtes Klangspektrum der Künstler eindrucksvoll zu präsentieren vermochte. Doch nicht nur an Volumen, auch an Schwung und Lebendigkeit gewann der Abend: Geradezu in majestätischer Klangfülle interpretierte Zaretzky die Toccata des französischen Komponisten Théodore Dubois, bei der immer wieder die ausgeprägte Dynamik deutlich hervortrat. Die Wechsel zwischen klanggewaltigen Passagen, raschen, sich steigernden Läufen und feinfühlig getragenen Tonfolgen meisterte er eindrucksvoll und hob den festlichen Charakter der Komposition damit gekonnt hervor.

Abwechslungsreich und vielseitig setzte sich die Reise mit dem französischen Romantiker Eugène Gigout fort, der in seinen Werken vielfach die alten Kirchentonarten der Gregorianik wiederbelebt, so auch in feinen Zügen in seinen Dix pièces pour Orgue, aus denen den Zuhörern das Minuetto und die Toccata zuteilwurden, eine typisch dynamische Toccata mit rauschender Forte-Brillanz und Klangreichtum, zu den meistgespielten und beliebtesten Konzertstücken der Romantik gehörend.

Ein weiteres Highlight des Abends: Carillon de Westminster von Louis Vierne, in dem der weltbekannte, aus vier Tönen gespeiste Gong der Big Ben als Geläut auf die Orgel übertragen wird und in einem Spannungsbogen zum exorbitanten Klangerlebnis aufblüht. Unterfüttert wird die dominante Melodie durch gleichmäßige Läufe in unterschiedlichen Tonarten und Höhen, mit denen Zaretzky sein Publikum gänzlich in den Westminster entführte.

Neues erlebten viele der Zuhörer mit Gennady Belows Choral und Postludium. Technisch souverän und sicher im Spiel mit variierenden Melodien in Höhen und Tiefen, mal zart, mal kräftig entfaltet, bot Zaretzky den dreiteiligen, auf einer russischen Melodie basierenden Choral und das eher schlichte Postludium dar.

Mit dem als ersten Vertreter einer dezidiert usbekischen Musik geltenden Komponisten Georgi Muschel erlebte das Publikum die Kombination von Elementen der traditionellen usbekischen Musik mit westlichen, kontrapunktischen Satztechniken zu einer sehr individuellen Klangsprache. Seine Toccata kommt einem perpetuum mobile gleich, deren Melodie sich gleichmäßig, festlich, wie ein orientalischer Fluss durch die Gemäuer der Jacobikirche zog.

Den Abschluss bildete die Passacaglia von Christophor Kuschnarew, an den späten Reger erinnernd, bei der Zaretzky eine farbenfrohe Interpretation gelang. Die über verhaltenen Pedaltönen entwickelte zarte Melodie ließ er fließen, mächtiger werden, dann kurz verflachen und in einem beeindruckenden Finale aufblühen. Langanhaltender Beifall der begeisterten Zuhörer dankte dem russischen Meister für sein virtuoses Spiel und das anspruchsvolle, abwechslungsreiche Programm.

Das komplette Programm der 25. Internationalen Orgeltage an St. Jacobi finden Sie hier online im Kulturbüro Göttingen sowie auf www.jacobikantorei.de. Das Programmheft mit allen Konzerten können Sie hier herunterladen.

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