Nikolausberger Musiktage

Rezension vom Eröffnungskonzert

Das Eröffnungskonzert der Nikolausberger Musiktage stellte die spektakuläre Aufführung des gerade neu geschaffenen Werkes „Scholum 2“ des ungarischen Komponisten Dániel Péter Biró in den Mittelpunkt, genau einen Tag nach seiner Uraufführung in Basel – ein Auftragswerk der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft und der Universität Basel. Eine derartige Hochgebirgswanderung, wie sie diese Aufführung darstellte, kann nur gelingen, wenn ein Spitzen-Ensemble wie das in der Klosterkirche zu hörende, bestehend aus dem Vokalensemble Schola Heidelberg und dem Streichquintett ensemble aisthesis, welche gemeinsam das KlangForum Heidelberg formen, zur Verfügung stehen und sich für die außerordentlich differenzierten Klänge dieses Konzerts bedingungslos einsetzen. Hier kann wirklich von einem Glücksfall der Musikvermittlung gesprochen werden. Der Leiter des Konzerts, Walter Nussbaum, war zugleich der Chorleitungslehrer des Initiators und Leiters der Nikolausberger Musiktage, Antonius Adamske.

Die diesjährigen Musiktage-Konzerte stehen jeweils unter dem Motto der Teile einer Messe. So war das Eröffnungskonzert dem Kyrie eleison gewidmet, der Anrufung Gottes um Erbarmen. In drei Teilen wurde Birós neues Werk daher eingebettet zwischen drei Kyrie-Kompositionen aus der Vokalpolyphonie der Renaissance und des Frühbarocks, von Heinrich Isaac, Johannes Ockeghem und Manuel Frei Cardoso.

Diese Zusammenstellung erwies sich als außerordentlich glücklich: Es gelang die Vermittlung der avantgardistischen Klangwelt durch die geistige Haltung der anspruchsvollen Vokalwerke; das Gemeinsame der musica sacra über Jahrhunderte hinweg wurde spürbar. Es gelang Nussbaum ein bruchloser, spannungsreicher Konzertablauf, der nicht von Zwischenapplaus unterbrochen wurde, sozusagen ein glückliches Gesamtkunstwerk.

Eröffnet wurde das Konzert von einem Kyrie aus Haydns Missa brevis St Joannis de Deo. Nach einer Begrüßung durch die Pastorin Susanne Bachmann-Günther und Antonius Adamske selbst begann das eigentliche Konzert, indem durch Isaacs Kyrie eine herbere Klangwelt vorbereitet wurde.

Ein derart beweglicher und dabei minuziöser Chorklang wie hier von Schola Heidelberg ist nur selten zu hören. Bei Isaac erklangen zwischen den polyphonen Teilen die gregorianischen Choralpartien teilweise in Parallelquinten und –quarten. Diese wirkten wie eine Vorbereitung auf die leeren Quintklänge in Birós neuer Komposition, die allerdings vielfältige Anreicherungen zu den traditionellen Anklängen bereithielt: Die Streichinstrumente mussten (während Adamskes Eingangsrede) nach diffizilen Anweisungen „verstimmt“ werden, jeweils um genaue Cent-Angaben, damit sich bestimmte Schwebungseffekte darstellen lassen. Birós erster Teil war noch ziemlich kurz und klang bei aller „Verstimmung“ recht apart; die einzelnen Reibungen wirkten weder willkürlich noch misslungen, sondern genau so „gewollt“.

Der Komponist Biró hatte vor dem Konzert sein Werk, sehr gut verständlich, in einem Vortrag erklärt (der ursprünglich vorgesehene Vortrag von Prof. Dr. Michael Zywietz hatte krankheitsbedingt entfallen müssen). In seiner Dissertation hatte er sich mit der Theologie Spinozas befasst, der, durch die Flucht seiner Familie vor der Zwangskatholisierung aus Portugal in Holland, in Den Haag aus seiner jüdischen Gemeinde ausgestoßen wurde wegen der Freiheit seiner Gedanken (im 20. Jahrhundert rehabiliert). Das Werk reflektiert die Brechungen der Choralmelodien, wie sie zwischen katholischer und jüdischer musica sacra stattgefunden haben, wie sie durch neuere Forschungen zutage getreten sind. Die Textgrundlage von Birós Werk sind lateinische Aussagen Spinozas zu zentralen Gedanken seiner Theologie. Im Kampf für die geistige Freiheit sieht sich der ungarische Komponist mit Spinoza verbunden, nicht zuletzt angesichts der Bedrohung der Freiheit durch gegenwärtige rechtspopulistische Politiker in vielen europäischen Ländern, wie auch in seiner Heimat.

Die Klangsprache des 40 Jahre vor Isaac geborenen Ockeghem wirkte schon bedeutend herber: In vielen Akkorden „fehlte“ die Terz, und die einzelnen Stimmen bewegten sich in sehr schnellen Ornamenten in den jeweils nächsten Klang. Der nächste Teil aus Birós Komposition war schon bedeutend länger und beschränkte sich auf die Streicher (2. Experienza vaga); sie entführten den Hörer in ausdrücklich modernere äußerst differenzierte Klangwelten mit hohen Anforderungen an die Qualität der Ausführung und die Konzentration der Zuhörer. Nach dem Kyrie von Cardoso war wieder das gesamte Ensemble zu hören, mit Interaktionen, die jetzt Spinozas lateinische Textpassagen (in deutscher Übersetzung: „Aus Einzeldingen, … Die verstümmelt sind, verworren, ohne Ordnung für den Verstand…“) in der Tonsprache der heutigen Avantgarde plastisch darstellen. Nach Michael Prätorius´ „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ folgten die Teile 4-7 von Birós Werk, womit, nunmehr ganz in der Gegenwart angekommen, das Konzert schloss.

Einhelliger, begeisterter und anhaltender Applaus belohnte die Musiker für diese außerordentliche Leistung, sodass sich Nussbaum veranlasst sah, als Zugabe das Kyrie von Cardoso zu wiederholen.

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