Junges Theater

Dieser Junge will einfach nicht unter die Räder kommen. Dabei tut seine Umgebung ihr Bestes, ihn klein zu kriegen. Sie arbeitet mit allen Tricks, leeren Versprechungen und Verleumdungen. So verlangt es nun mal der tägliche Überlebenskampf, deren Brutalität Karl Rossmann in Franz Kafkas unvollendetem Roman „Amerika“ schmerzhaft erschöpfend zu spüren bekommt. Nun irrt er auf der Bühne des Jungen Theaters in der dramatisierten Romanfassung von Regisseur Christian von Treskow wie durch ein Labyrinth, das ihn ständig mit neuen Hindernissen und Zumutungen konfrontiert. Im Blick von Katharina Brehl spiegeln sich immer wieder Angst und Verzweiflung aber auch Trotz. Selbst wenn sie ihren Körper duckt und krümmt oder wieder einer Order hinterher hastet, gibt sie dieser Gestalt etwas Unbeugsames, das von innen zu strahlen vermag. Dort wo sich Anstand, Mitgefühl und Verständnis für die Not der anderen ebenfalls wieder zusammenrotten.

Der Stücktitel „Amerika“ macht Assoziationen unvermeidbar, was die kapitalen menschenverachteten Verwerfungen betrifft, die sich unter der Präsidentschaft von Donald Trump weiter zuspitzen. Und das noch bösartiger als in Kafkas literarischer Anamnese einer Diktatur der Ökonomie, die ja bereits vor 100 Jahren Ausbeuter und Gewinnmaximierer erfolgreich beflügelte. Doch dieser Theaterabend braucht keine aktuellen Querverweise und auch keine zeitgenössische Lesart. Schon in der Chronologie der Ereignisse spiegelt sich so viel Vertrautes, täglich Erfahrbares wider. Es ist die zerstörerische Kraft einer Wettbewerbsgesellschaft, die bei den Menschen ungeheure seelische Verwüstungen anrichtet. Diese Verwüstungen hat Christian von Treskow zu einem Stationendrama der atmosphärisch beklemmenden Bilder verwebt, wo alle Welt ständig am Rotieren ist. Egal ob es um den Hungerlohn geht oder ein größeres Stück vom Kuchen. Es wird spekuliert und intrigiert, gelogen und betrogen – und nichts davon bleibt Karl erspart. Jetzt, wo er von seinen Eltern nach Amerika abgeschoben wurde, nachdem ihn ein Dienstmädchen verführt hatte.

Die erste Falle in der neuen befremdenden Welt lauert schon bei der Ankunft im New Yorker Hafen, wo sich Karl für die Rechte eines Heizers stark macht und dabei an einen wohlhabenden Onkel (Jan Reinartz) gerät, der ihn zum Spekulationsobjekt für sein Erfolgsmodell machen will. Später sind es die beiden Underdogs Robinson (Andreas Krüger) und Delamarche (Julian Dietz), die sein naiv mitfühlendes und strebsames Gemüt profitabel plündern. Dann bekommt der Liftboy Karl zu spüren, wie die hierarchische Maschinerie tickt und dass auf die scheinbar wohlmeinende Chefköchin (Agnes Giese) ebenso wenig Verlass ist wie auf Recht- und Anstandsregeln. Der Appell der einsam erschöpften Hotelsekretärin Therese (Jaqueline Sophie Mendel), gemeinsam zusammen zu halten, hat darin auch keinen Platz.

Halt gibt es nirgendwo in diesem Bühnenlabyrinth und auch keinen Ausblick, wo ständig diese hohen Kästen verschoben werden, die eine halb durchlässige Folie rahmen. Sie bilden Mauern, Korridore, Gewölbe und störrische Hindernisse, zwischen denen die Figuren hasten und rotieren, sich in Menschenaufläufen bedrängen, um bald schon erneut übereinander und über Karl herzufallen. Da genügt eine Erzählerstimme, um die Schauplätze zu markieren, den Schiffskörper und die Stadtvilla, das Hotelfoyer mit den Fahrstühlen oder die Enklave einer Sängerin. Und was immer Karl an Großstadtlärm, Blechlawinen, monströsen Industriekulissen in dieser Massengesellschaft zusetzt, ist den Sounds von Fred Kerkmann mit diesem unerbittlichen Puls atmosphärisch geborgen. Die mentalen Verwüstungen entladen sich dann in der Körpersprache, in überzeichneten Gesten und in einer Bewegungschoreographie, die jede Bewegung und jeden Dialog gewaltig auflädt. Hinzu kommen die maskenhaft bizarren Gesichter, die das Schauspielteam für seine Figuren zeichnet. Sie erinnern darin auch an die bösen Karikaturen von George Grosz, der das Humankapital in der industriellen Fortschrittshysterie kunstvoll schredderte und daraus seine schaurigen Fratzen destillierte.

Nach seiner Entlassung gerät Karl erneut in die Fänge der beiden Underdogs, die als Duo Infernal ihre brutalen Talente noch verfeinert haben. Das Wandertheater, das mit Jobs und Aussichten nach Oklahoma lockt, könnte ein Ausweg sein. Vielleicht sogar eine hoffnungsvolle Vision. Doch angekündigt wird zugleich eine Fahrt ins Ungewisse, wo vermutlich weitere Fallen auf den Überlebenshoffungskämpfer lauern. „Der Verschollene“ hatte Kafka hatte seinen Roman ursprünglich genannt. Davon erzählt auch das Schlussbild in diesem kraftvoll bewegenden Theaterabend, der sein Publikum so klug und leidenschaftlich bestürmt. Jetzt endlich ist die Bühne frei von Hindernissen, Korridoren und all den alltäglichen Bedrängtheiten. Doch der unmittelbare Blick auf die tanzenden Gestalten und ihre Ausbrüche wird durch einen Plastikvorhang getrübt. Vielleicht befindet sich ja Karl Rossmann noch irgendwo unter ihnen, weiterhin verschollen aber noch nicht ganz verloren.

Hören Sie das Interview mit Regisseur Christian von Treskow in der Reihe „Szenenwechsel“

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Figurentheatertage

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