Tanz-Kultur-Woche

Am Samstagabend wurde die 8. Tanz-Kultur-Woche 2018 traditionell in der ausverkauften Alten Fechthalle in Göttingen eröffnet. Passender konnte die Eröffnung nicht sein. Judith Kara, Gründerin der Göttinger Ballettschule art la danse und Initiatorin der Veranstaltungsreihe, zeigte erstmals das von ihr entworfene und choreografierte Tanzstück MIE-DO. Und ganz im Geiste der Philosophie der Tanz-Kultur-Woche vereint sie Amateure – das art la danse ensemble mit Schülerinnen der Ballettschule art la danse – und Profis – Pamela Zacharias aus Brasilien, ausgebildet an der Staatlichen Ballettschule Berlin – nicht nur auf deutscher, sondern auch auf internationaler Ebene. So universell die Eröffnung startete, so global und ursprünglich ist das Thema des Tanzstückes: MIE-DO, was aus dem Spanischen übersetzt Angst bedeutet.

Angst macht verwundbar, Angst hinterlässt Spuren, Angst zeigt sich mit offenen Wunden – und sie ist oft namenlos, wie die Hauptfigur (Pamela Zacharias), die sich verwundbar und zaghaft der Außenwelt stellt. Von ihren vielfältigen Ängsten überwältigt, wird zu Beginn gleich schonungslos jede zarte Hoffnung auf Entkommen zerstört. Zielsicher hat Judith Kara dieses Gefühl umgesetzt:

Gleichförmig und doch so unterschiedlich verkörpern die Ballettschülerinnen – gezeichnet durch schwarze Farbe auf dem Körper, die die Tänzerinnen gleich zu Beginn des Stückes selbst aufgetragen haben – verschiedene Facetten der Angst: Bedrängend nahe am Publikum aufgestellt, werden zarte Rosen herzlos zerknüllt und der zerstörte Rest fallen gelassen. Was bleibt, verweht duftend im Raum. Die Trauer in Zacharias' Augen – mit der letzten Rose noch in der Hand – ist deutlich zu spüren. Ein sehr starkes und lebhaftes Bild.

Was bei der gesamten Inszenierung besticht, sind die stetigen Wiederholungen der Bewegungen und Abläufe, die einen immer wieder bis zum Zerreißen lähmen – mal harmonisch und synchron, dann wieder asynkopisch auseinanderfallend. Immer wiederkehrende Haltungen scheinen die Unfähigkeit widerzuspiegeln, sich aus dem Korsett der Angst befreien zu können.

Die gegenständlichste Szene, die einen weiteren Aspekt der Angst aufzeigt, ist die Büroszene. Mit klarem Schwarz-weiß-rot-Thema verwandeln die Tänzerinnen den Raum in eine unruhige hektische Atmosphäre. Stakkatoklänge der Schuhabsätze, nervöse Fingerbewegungen auf imaginären Schreibmaschinen und angespanntes Auf- und Zuklappen von Aktenordnern vermitteln durchgängig, dass auch die Angst vor dem Vergehen der Zeit, und die Angst, Zeit zu verschwenden – etwas zu verpassen und nichts zu erreichen – tief in unserem Alltag verwurzelt ist.

Und dann verlässt die Angst den Raum: Während sich bisher alles auf die Tanzinszenierung der Tänzerinnen konzentrierte, nimmt sich Judith Kara die Freiheit, den Raum an sich selbst zu nutzen und aufzubrechen: In der Stille öffnet die Hauptfigur die zentrierte Außentür und verlässt die Alte Fechthalle. Als wäre es extra inszeniert und geplant, läuten die Glocken genau in diesem Moment, deren Klänge in der Stille in die Halle wehen. Und plötzlich öffnen sich sämtliche Türen und mit dem Stück typischen Wiederholungen der Handlungen rennen die Tänzerinnen in wahnwitzigem Tempo kreuz und quer durch den ganzen Raum. Die Angst versucht verzweifelt zu entkommen. Immer wieder – scheinbar endlos, bis plötzlich entdeckt wird, dass man immer wieder an den gleichen Ort zurückkehrt. Unaufgelöst verbleibt eine leere Bühne – ohne Musik. Nach einer scheinbar unendlichen Pause kehrt die Hauptfigur zurück, verschließt die Tür.

Doch die Angst ist stärker denn je. Sie überwältigt, verstümmelt sich selbst – eindrucksvolle und schmerzhafte Bilder entstehen durch betäubend wiederholendes Schlagen und Ohrfeigen des eigenen Körpers – das bewusst nicht nur optische, sondern auch akustisch unangenehme Spuren hinterlässt. An diesem Höhepunkt angelangt ändert sich das Bild und die Stimmung: Die schwarzen Farbspuren auf den Körpern der Tänzerinnen vermischen sich mit Weiß. Die Wunden der Angst sind verheilt, aber es verbleiben Narben. Die Hauptfigur, bisher in verwundetes Rot gehüllt, erscheint in hoffnungsvollem Weiß. Die Angst ist bloßgelegt, aber nicht abgelegt.

Während der Zuschauer stetig geleitet wurde durch das Geschehen auf der Bühne, wird er am Ende nicht alleine gelassen, sondern erhält Gelegenheit, zu sich selbst zurückzukehren. Ein Restfetzen Angst in Form eines schwarzen Tuches liegt still auf der Bühne – sechseinhalb Minuten lang – leise begleitet von Klaviermusik, die vieles und nichts verspricht. Plötzlich kehrt die Wahrnehmung mit Wucht auf den Betrachter selbst zurück. Man sieht den leeren Raum mit anderen Augen, man hört das Rascheln von Füßen, die nervös wippen, ein verhalten ausgepacktes Bonbon klackert auf den Boden, die Stadtgeräusche wispern leise durch die Fenster. Interessanterweise entwickelt sich dieser Schluss, indem nichts und doch so unendlich viel passiert, zum fast spannendsten Teil der Inszenierung. Denn jeder Zuschauer ist in diesem Moment sein eigener Regisseur, kann er doch dieses Ende für sich selbst interpretieren: »Ich werde [der Furcht] ins Gesicht sehen. Sie soll mich völlig durchdringen. Und wenn sie von mir gegangen ist, wird nichts zurückbleiben. Nichts außer mir.«*

Tanzstück von Judith Kara

art la danse ensemble: Tanz Schülerinnen von art la danse – Die Göttinger Ballettschule

Solistin: Pamela Zacharias

Choreographie Judith Kara

Zitat: *Frank Herbert, Der Wüstenplanet

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