Deutsches Theater

Vielleicht ist es wieder an der Zeit zu trommeln und Scheiben kaputt zu singen. Immer wenn etwas Ungerechtes geschieht und eine Mehrheit den drohenden Terror still schweigend akzeptiert. Für Oskar Matzerath ist das eine klare Ansage, so wie ihn Günter Grass in seinem berühmten Roman „Die Blechtrommel“ porträtiert hat. Als Ruhestörer, Aufstörer und wachsamem Querulanten, der sich dem NS-Regime schon früh verweigerte und lustvoll Sabotage betrieb. Es ist eine bizarre Geschichte, die der kleine Blechtrommler von sich preis gibt und dabei in Sprachbildern schwelgt, die mitunter surreal anmuten und oft auch so schön schaurig fantastisch.

Auf der DT-2 Bühne trommelt jetzt Benjamin Kempf in der Inszenierung von Theo Fransz gegen die Angst vor der Katastrophe an, deren Ende er von Anfang an zu ahnen scheint. Er trommelt in Oliver Reeses Dramatisierung des Romans auch gegen die Zeitgenossen an, deren Obrigkeitswahn und Anpassungsbereitschaft Theo Fransz bereits in seiner Inszenierung von Heinrich Manns Szenario „Der Untertan“ diagnostizierte. Auch jetzt heißt es im Sinne Heinrich Heines, „schlage die Trommeln und fürchte dich nicht.“

„Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts Verwirrung anstiften“. Aufmunternd lächelnd blickt der Schauspieler auf sein Publikum, fast als ob er sich selbst und auch den Zuschauern noch ein bisschen Mut machen möchte, sich auf diesen Oskar Matzerath einzulassen, in dessen bizarrer Chronik so seltsame Untertöne lauern. Schon die Vorstellung, wie seine Großmutter Anna einen flüchtigen Brandstifter unter ihren vier Röcken verbarg und mit ihm Oskars Mutter Agnes zeugte, klingt abenteuerlich. Und dann erst diese Geschichte der Geburt eines hellhörigen Säuglings, dessen geistige Entwicklung bereits abgeschlossen war und sich fortan nur noch bestätigen musste. Auch das war einmal, bevor der kleine Oskar den Marschrhythmus der NS-Fanfarenzüge erfolgreich aus dem Takt brachte: Dass der polnische Arbeiter Jan Bronski und der gebürtige Rheinländer Alfred Matzerath sich mit einer sehnsüchtig verträumten Agnes in dieser kleinbürgerlichen Menage à trois arrangiert hatten, als Oskar beschließt nicht mehr zu wachsen. Nicht mehr in diese bedrückende Familienhölle hinein ein und erst recht nicht in ein System, das in seinem Vernichtungsfeldzug schon bald mehr Scherben produzieren würde als der Scheiben zersingende Trommler und dann vor allem Leichenberge.

Stolz verkündet Benjamin Kempf diese 94 Zentimeter, wenn er sich an seiner Trommel festhält, dass da kein Fingerbreit mehr hinzu kommen wird und dass als Erklärung ein Sturz auf der Tellertreppe genügen muss. Und weil sich die Schuld an dem Sturz auch ganz leicht der volkstreuen Krämerseele Alfred andichten lässt, bekommt der Fall Oskar eine medizinische Grundlage. Dass dahinter noch ganz andere Schuldfragen lauern und wie sie von der Nachkriegsgesellschaft aus der Welt geschafft wurden, steht keineswegs auf einem anderen Blatt sondern nur zwischen den Zeilen, wie so vieles, was im tagesaktuellen Schauspiel nach störrischen Trommlern verlangt.

Kopfüber hängt der Schauspieler in diesem hölzernen Gestellt, das sich schon bald wieder in einen monströsen Stuhl verwandeln wird, weil die Sitzfläche nun als Bühne gebraucht wird, um Schauplätze zu imaginieren oder Begegnungen. Das gilt auch für die riesige Trommelhälfte, die Bühnenbildnerin Bettina Weller für diesen dramatischen Resonanzraum entworfen hat. Er wird zum Sinnbild für das Refugium, das Oskar in den kleinen rot-weißen Resonanzkörpern ersehnt. Die Trommelstöcke und die Paukenschlegel sind nicht nur zum Schlagen da, wenn der jugendliche Ruhestörer die feuchten Träume mit seiner Zweitmutter Maria imaginiert und ein kleines Laboratorium betreibt. Dann sprudelt in den Reagenzgläsern das Brausepulver so schön wie schäumendes Sperma. Und wenn all das störrische dazwischen Funken sich wieder mal in Wut und Verzweiflung verwandelt, kann der Schauspieler auch handgreiflich werden. Dann lässt er die Bleche scheppern, die an den Bühnenwänden hängen.

Auch der böse Clown Oskar erfährt an diesem Abend eine Introspektion, wie er die tückische Färbung seiner Rolle genießt und dabei seine Familie verrät. Dann ist es an der Zeit, über Glaube, Liebe und Hoffnung zu lästern auf die kein Verlass ist, ebenso wenig wie auf diesen lammfrommen Jesus, wie er sich da in den Armen seiner Gottesmutter in den sakralen Gemäuern einigelt. Nichts hat er verhindert. Weder den Selbstmord von Agnes, die an ihrem unstillbaren Lebenshunger mit schleimigen toten Fischen erstickte, noch das das Rollkommando für den jüdischen Spielwarenhändler, aus dessen Trommelvorräten Oskar seine Kraftquellen schöpfte und auch nicht den polnischen mütterlichen Liebhaber, der erschossen wird. Fast scheint es, als ob den Trommler ohne Trommel nun eine klammheimliche Freude beschleicht, wenn sein falscher Vater bei der Kapitulation an seinem Parteiabzeichen würgt und eben nicht davon kommen wird, wie so viele andere.

Es sind schaurige Bilder, die Benjamin Kempff und Regisseur Theo Fransz mit den zentralen Romanepisoden heraufbeschwören, bis sie in der Bühnenfassung das Kriegsende erreichen. Dabei wechselt der Schauspieler immer wieder die Perspektive. Als Erzähler ist er auch Spielmacher und dann zugleich ein eigenwilliger Chronist, der sich sein ganz persönliches Schauspiel gönnt, das sich nun wie ein Panoptikum zusammenbraut. Darin hat ihn auch Theo Fransz bestärkt, der die „Die Blechtrommel“ als böses Märchen versteht, in dem die bösen Geister einfach weiterleben und sich kein Stück um dieses „es war einmal“ scheren, das sich ständig wiederholt. Wie auch immer man Oskars Geschichte betrachtet, vorwärts und rückwärts erzählt, Verwirrung stiftet sie keineswegs. In ihrer Vielschichtigkeit ist sie umso mehr auf hellhörige Zuhörer angewiesen, die das Trommeln noch nicht ganz verlernt haben.

Oskar beschließt am Ende zu wachsen, ganz ohne schepperndes Blech und dem Geräusch der Schlegel. Das Geräusch der weißen Tropfen und wie sie jetzt auf diesen imposanten Holzstuhl platschen, vernehmen am Ende offensichtlich vor allem die Zuschauer. So sieht er aus, der Vogelschiss, mit dem der AfD Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland das massenmörderische Kapitel Deutscher Geschichte für bedeutungslos erklärte. Es will einfach nicht aufhören zu tropfen. Darauf besteht diese Inszenierung, bis zum Black und bis zur nächsten Vorstellung, wenn der trommelnde Ruhestörer wieder Alarm schlagen muss.

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