Literarisches Zentrum

„I’ve looked at life from both sides now/From up and down, and still somehow/It’s life’s illusions I recall/I really don’t know life at all” (Joni Mitchell: Both sides now (1969)) Eine sonore Altstimme singt, untermalt von einem sphärischen Klangteppich aus Streichern, über die Schattenseite der Liebe und des Älterwerdens. So weit, so typisch Pop. Doch singt die kanadische Sängerin diese Zeilen mit Ende 50, 30 Jahre nachdem der Song auf dem Album „Clouds“ erschien. „Es ist, als ob Joni Mitchell ihrem jüngeren Ich begegnet“, sinniert Jochen Distelmeyer über die neue Interpretation. In dieser Zeit ist viel passiert und Mitchell hat sich einen Namen als eine der bedeutendsten Künstler*inenn der Gegenwart gemacht. Distelmeyer, Gitarrist und Sänger der Band Blumfeld und Gerhard Kaiser, Kurator der Reihe „Liederabend“, nahmen das Publikum mit auf eine Reise durch die persönlichen und musikalischen Stationen einer Ausnahmekünstlerin.

Jochen Distelmeyer hat einen sehr emotionalen Zugang zu Musik. Von Anfang an wird deutlich, dass ihm das umfassende Verständnis von Mitchells Werk und ihrer Wichtigkeit für die Gegenwartsmusik ein persönliches Anliegen ist. Immer wieder versicherte er sich beim Publikum darüber, ob seine Ausführungen verständlich sind. Und das waren sie. Im Gespräch mit Gerhard Kaiser, der seinem Gesprächspartner sehr viel Raum ließ, wurde nach und nach Mitchells Werk erschlossen, das ohne ihren Lebensweg nur halb so ergiebig betrachtet werden kann. Geboren im Jahr 1943, musste sie im Kindesalter weit weg von ihrem Elternhaus die Nachwirkungen der Kinderlähmung bekämpfen, durch die ihre linke Hand immer noch beeinträchtigt ist. Ihre Eltern hatten kein liebevolles Verhältnis zu ihr, sie wünschten sich einen Jungen. Diese schlechte Beziehung war auch ein Grund dafür, dass sie ihre Schwangerschaft im Alter von 21 Jahren vor den Eltern verschwieg und das Kind zur Adoption freigab. Als Mitchells Tochter später über Umwege Kontakt mit ihr aufnahm und sie sich einander annäherten, bekam sie von ihrer Mutter trotzdem nur Vorwürfe zu hören. Ihr Kind brach den Kontakt nach kurzer Zeit wieder ab.

Diese schweren Schicksalsschläge lassen Rückschlüsse darauf zu, warum Joni Mitchell in solch einem jungen Alter die oben zitierten Zeilen singen konnte, die doch im ersten Moment viel besser zu der gereiften Mitchell im Jahr 2000 passen wollen. Wie für den Liederabend üblich, gab es mehrere Songs zu hören, um das Gesagte besser nachvollziehen zu können.

Doch stand nicht nur die Person Mitchell im Fokus, die beiden Musikkenner auf dem Podest machten im Gespräch deutlich, dass Mitchell viele besprechenswerte Facetten hat: Joni Mitchell, die scharfe Kritikerin, talentierte Sängerin und begehrte Frau, die sich in der Musikszene gut zu inszenieren wusste. Ein immer wiederkehrendes Thema des Gesprächs war die Entwicklung, die Mitchell über Jahrzehnte hinweg durchmachte, aber die immer kohärent und ohne Brüche mit der eigenen Vergangenheit abgelaufen sei. So habe sie sich beispielsweise durch den Einsatz ihrer Stimme von den vorgeschriebenen Mustern der Musikszene emanzipiert. „Diese sphärenhafte, elfengleiche Stimme“ sei laut Distelmeyer ein Klischee weiblicher Folksängerinnen, mit dem sie Jahrzehnte später brach.

Am Ende des Liederabends sah man in beseelte Gesichter – egal ob jahrzehntelanger Joni Mitchell-Fan oder einfach nur neugierig auf eine neue Veranstaltung dieser Reihe, das informationsreiche Gespräch schien ein voller Erfolg. Und dass Jochen Distelmeyer in seinem Eifer den Dialog mit seinen emotionalen Ausführungen teils sehr dominierte, wenn man auf einen sachlichen Kommentar Gerhard Kaisers hoffte – sei es drum. Um als augenzwinkernde Entschuldigung Rosie O’Donell anzuführen: “It’s hard not to be starstruck by the breadth and scope of her work.”

Kommentare powered by CComment

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok