Göttinger Symphonie Orchester

Nach einem sehr erfolgreichen Auftakt der gemeinsamen Spielzeit in Göttingen schafften sie es erneut zu begeistern – das Göttinger Symphonie Orchester und sein neuer Chefdirigent Nicholas Milton, den auch die Gäste des Philharmonischen Zyklus II nach diesem Abend mit Anerkennung und großer Vorfreude auf weitere Konzerte verabschiedeten.  

Im Mittelpunkt des Abends standen die Verletzbarkeit und die Konflikte der Seele – das „Seelendrama“ – wobei das Göttinger Symphonie Orchester die Anwesenden zunächst mit einem freudigen Stück empfing. Nicholas Milton eröffnete das Konzert mutig mit der Ouvertüre zur OperRuslan und Ljudmila von Michail Glinka (1804-1857). Dieses freudig sprühende Werk wurde vom Orchester trotz der anspruchsvoll rasanten Tempi meisterhaft und mit Leichtigkeit gespielt; zuweilen beruhigte es sich in fließenden und zarten Streicherpassagen, um sich eiligen Schrittes in einem hinreißenden Finale zu entladen. Die Harmonie zwischen Milton und dem Orchester war bereits in diesem ersten Stück deutlich spürbar, sollte sich jedoch im Verlauf des Konzerts noch erheblich steigern.

Nach dem stärkenden Anfang folgte das emotionale Kernstück des Abends, das Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47 des Finnen Jean Sibelius 1865-1957). In diesem Konzert wurde es insbesondere durch die virtuosen Geigensoli des 23 Jahre jungen Wieners mit armenischen Wurzeln Emmanuel Tjeknavorian zum virtuosen Höhepunkt des Abends. Einleitend spielte er ein hinreißendes, tief berührendes Solo, das von einer hauchzarten Untermalung der GSO-Violinen liebevoll getragen wurde, fesselnd, bei absoluter Stille im Saal. Tjeknavorians Spiel beeindruckte durch klare und reine Klangfarben, es strahlte vor Wärme und emotionaler Lebendigkeit. Das Orchester begleitete zurückhaltend, aber dennoch sehr intensiv. Im Allegro moderato waren es hier und da dunkler gehaltene Passagen, die immer voluminöser wurden und unterschwellig vor einer sich anbahnenden Bedrohung warnten. Hörbar war gleichwohl ein zarter Hoffnungsschimmer, der jedoch schnell wieder von tragisch anmutenden Melodien überlagert wurde, hinein in das flehende Spiel der Flöten und den anderen Holzbläsern, gefolgt von einem langen Geigensolo. Anmutig war das aufeinanderfolgende Spiel von Klarinette, Oboe, Flöte und schließlich den tieferen Lagen der Fagotte im Adagio di Molto, aus dem erneut ein berührendes Geigensolo erwachte. Ein wirbelnder Tanz der Stimmungen, dem im Allegro-Finale kraftvolle Orchesterwogen mit frischem Galopp der Pauken folgten und in einem tosenden Finale mit begeistertem Applaus und Bravorufen des Publikums gipfelten. Insbesondere in diesem Stück zeigte sich Miltons Art des Dirigierens: präzise und kraftvoll, aber auch seine Fähigkeit, dem Orchester die kleinsten Feinheiten zu entlocken.

Auch in seiner Zugabe, einem armenischen Lied mit dem Titel „Der Kranich“, zeigte Tjeknavorian nochmals bei gebannter Stille im Saal sein meisterhaftes Spiel, wobei aus jeder Note nicht nur Klarheit erstrahlte, sondern tiefste Sehnsucht und Melancholie.

Ergreifend blieb es auch mit der Symphonie Nr. 4 f-Moll op. 36 von Pjotr Tschaikowsky (1840-1893), in der sich erneut die verschiedensten Stimmungen vereinten; zunächst kraftvoll, dann schwebend mit sanfteren Melodien, schließlich erneut tosend, bewegt und lebendig. Beeindruckend war das wiederkehrende raffinierte umeinander Tänzeln, ja fast umeinander Werben der Holzbläser, ebenso das Thema der Hörner und schneidenden Trompeten, die einander riefen. Das Auf und Ab der Emotionen setzte sich auch im zweiten Satz weiter fort und mündete in einer fast grellen Sequenz der Violinen, in der die Pauken einen Hauch von Leichtigkeit erzeugten. Im Scherzo erlösten die Klarinetten, Flöten und Fagotte die wieselflink zupfenden Geigen, die später erneut gegen das Pizzicato der Kontrabässe und Celli antraten und sich in Schnelligkeit behaupteten. Überfallartig wirkte der laute Einsatz von Becken und Schlagwerk. Mit dem Allegro con fuoco folgte ein Finale, bei dem sich die Musiker aufgrund des schnellen Tempos geradezu in Rage spielten.

An diesem Abend hatte Nicholas Milton sein bei der Begrüßung gegebenes Versprechen gehalten, gemeinsam mit den Musikern, die er als „wahre Schätze auf der Bühne“ bezeichnete, die Herzen des Göttinger Publikums immer wieder zu öffnen und ihre Seelen immer wieder zu beschenken. Und obwohl man laut Milton „nach Tschaikowsky keine Zugabe spielt“, verabschiedete sich das Orchester nach ausdauernden Ovationen mit dem feurigen „Russischen Tanz“ aus Tschaikowskys „Der Nussknacker“ - sehr innovativ mit dem dreifachen anstatt dem einfachen Einsatz des Tamburins.

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