Deutsches Theater

Gemeinsam heult es sich viel schöner, über eine weitere kaputte Ehe und dann auch über weibliche Rollenmuster, die in der Gender-Debatte ständig unter die Räder kommen. Auf der Bühne des Deutschen Theaters leuchtet jetzt das Schild „Crying Room“ auf, für sechs Schauspielerinnen und ihren gemeinsamen Chor. In dem ist alles erlaubt, auch hysterisches Kreischen, sich krümmen und scheinbar verzweifelt ausflippen. Taschentücher sind ausreichend vorhanden, um dabei auch ein bisschen Makeup zu verschmieren, und noch mehr Power, um anschließend ganz entspannt für ein gemeinsames strahlendes Lächeln zu posieren. Dafür gibt es auch Sonderapplaus, bevor es wieder um „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ geht und das emotionale Desaster einer erfolgreichen Modedesignerin, die sich unsterblich aussichtslos verliebt.

Rainer Werner Fassbinder Stück, das 1972 vor allem als Filmerfolg gefeiert wurde, könnte leicht als klassisches Beziehungsdrama verstanden werden, das sich zur Abwechslung eben unter Frauen abspielt. Wären da nicht die patriarchalen Verhältnisse, mit denen sich die Bühnenfiguren arrangieren, wo es vor allem um Macht geht, und um das Austarieren von Schwächen, die das eigene Standing bestärken und die Konkurrenz ins Abseits verweisen. Mütter und Töchter, Freundinnen, Geliebte und verliebte Angestellte, sie alle pokern in Moritz Beichls Inszenierung um Gefühle wie um emotionale Besitzstände, die sich dann leider als nicht berechenbares Kapital erweisen.

Der Showdown wird im lockeren Plauderton eröffnet. Petra von Kant (Andrea Strube) bekommt Besuch von ihrer Freundin Sidonie von Grasenabb (Gaja Vogel).  Stoff für Small talk im Stil von ‚was gibt’s Neues, wir haben uns ja so lange nicht gesehen‘, ist ausreichend vorhanden. Petras Scheidung, die Ekelgefühle in den letzten Ehemonaten, Sidonies Rezept für ein tragfähiges Ehearrangement, das sie mit ein bisschen weiblicher Demut dosiert. Das kurze Intermezzo von Petras Mutter Valerie (Gitte Rippin) stört da nicht weiter. Die lässt sich wie so oft mit einem Scheck ruhigstellen – und dann ist ja auch Marlene wie immer devot zu Diensten. In der Begegnung mit Karin Thimm (Dorothée Neff) setzt der emotionale Aufruhr ein, ganz unmittelbar euphorisch und bald schon leidenschaftlich und besitzergreifend. Die attraktive junge Frau nimmt das Angebot gern an, in Petras Beletage zu wohnen und mit ihrem Support als Mannequin Karriere zu machen. Eifersuchtsanfälle sind in ihrer Rechnung allerdings nicht vorgesehen, auch nicht die ständigen Forderungen nach Liebesbeweisen. Der Anruf ihres Ehemannes kommt da wie gerufen, jetzt kann von Trennung oder Scheidung keine Rede mehr sein. Fehlt nur noch ein Scheck von Petra, für die Flucht aus dem Belagerungszustand,  den sie natürlich bekommt. 

Das largo desolato des letzten Aktes findet ohne Karin statt, wenn die verlassene Geliebte ihre Verzweiflung jetzt in Wut- und Hassattacken auslebt. Weiterhin präsent wie schon den ganzen Abend über und in jeder Szene sind Sidonie und Petras Mutter Valerie, wie auch ihre Tochter Gabriele (Leona Grundig) und natürlich die fürsorgliche Marlene, die stumm auf jedes Kommando reagiert. Manchmal sind es nur verständnisvolle oder irritierte Blicke, mit denen sie auf das Besitzstandsduell um Gefühle und Verletzbarkeiten reagieren. Sie posieren mitunter auch so ganz für sich, als ob sie die Beziehung von Petra und Karin nichts anginge, die das reproduzieren, was sie selbst auch ständig betreiben. Konkurrenz statt Solidarität, Fassade statt Offenheit und dazu die Wunschbilder von never ending happy ends, die in der Gender Debatte so gerne weggeblendet werden.

Immer wieder unterwandert Regisseur Moritz Beichl die Verhältnisse, die das Stück demonstriert. In den Musikvideos mit all den smarten Solistinnen, die hier die Herz- und Schmerzdramen in all ihren Facetten besingen, wird die Designerenklave, die Bühnenbildnerin Astrid Klein entworfen hat, zum Dancefloor für die Schauspielerinnen und umso mehr für ihre Figuren. Die fechten hier endlich mal keine Konkurrenzkämpfe aus und haben solidarisch miteinander Spaß, frei und selbstbewusst und auch so herrlich ungezwungen. Beichl lässt auch eine Serie von filmischen Shortcuts einspielen, die dann so schön realitätsfern auf die romantische Sehnsüchte setzen und die alten Rollenverhältnisse stimulieren Julia Roberts „Pretty Woman“ erfüllt sie ebenso wie das Liebespaar auf der sinkenden „Titanic“.

Man muss lieben ohne zu fordern. Wie ein Mantra klingen die Worte dieser verletzten, einsamen Gestalt, nachdem sie sich in Selbstmordfantasien hineinsteigert hat, ihre Umgebung zu verlogenen Schweinen und Schmarotzern erklärte und zuletzt auch Marlenes bedingungslose Liebe verraten hat. Aber das Dream Team auf der DT-Bühne lässt nicht locker. Noch einmal posieren die sechs Schauspielerinnen im modischen Design der 70er Jahre. Der Retrolook hält einiges aus, vor allem weil es hinter den eleganten und stilvollen Fassaden natürlich leidenschaftlich couragiert revoltiert. Und das auch im Sinne einer Frauenbewegung, die es nicht bei der Reproduktion von männlichen Strukturen belässt und sich solidarisch auf die Warnsignale verständigt, wenn die Machtverhältnisse missbraucht werden. Stimmung dafür macht auch der gemeinsame Schluss-Song mit der Aussicht, dass der Dancefloor ja nur einer von vielen Freiräumen ist, um gemeinsam gegen die widerspenstigen Verhältnisse zu powern. Hier macht das Theater immer wieder Mut und da ermuntert die Inszenierung von Moritz Beichl umso mehr, nicht länger im crying room zu verweilen, sondern lieber ein paar Ausbrüche zu riskieren.

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