Deutsches Theater

Zu einer schönen Prinzessin gehört natürlich die edle Robe, die das Bild von Anmut, Grazie und Attraktivität noch bestärkt. In diesem Fall erweist sie sich allerdings als wenig praktisch, wenn Gaia Vogel und Dorothee Neff jetzt unter einem Waschtisch hervorkriechen und in Elfriede Jenineks „Prinzessinnendramen“ auf der DT-2 Bühne nicht nur reichlich Stoffbahnen raffen müssen.

Die heikle Technik ist jeder Ballkönigin vertraut, die sich mal kurz aufs Klo verdrückt. Niemals werden sich die wallenden Gewänder auf einer Porzellanschüssel elegant drapieren lassen. Die makellose Optik könnte leicht darunter leiden, auch wenn das für Jelineks Märchenfrauen das geringste Problem zu sein scheint. Unter den seidigen Hüllen in Rosa und Blaugrau rumort es bald ganz gewaltig und ziemlich wütend gegen jede Form der Formatierung. Mit Dornröschen, Schneewittchen und Rosamunde rüsten sich die beiden Schauspielerinnen in der Inszenierung von Julia Prechsl zur Kampfansage. Gegen weibliche Rollenbilder, männliche Zuschreibungen und die Domestizierung von Lebensentwürfen, die ständig droht.

Das Bühnenbild von Birgit Leitzinger mit dieser Damentoilette und all den praktischen oder auch hinderlichen Requisiten darf durchaus als ironische Aufmunterung verstanden werden. Wo Jelineks Märchenfrauen den männlichen Herrschaftsmotiven und ihren Positionskämpfe aussetzt sind, deutet die Kulisse auch auf einen intimen Schutzraum. Und das nicht nur, weil Männer keinen Zutritt haben. Zwischen gurgelnden Spülkästen, Spiegelbildern in Neonlicht und den blutigen Resten des monatlichen Zyklus‘ lässt sich anders Stellung beziehen als in einem attraktiven Showroom unter den Blicken vermeintlicher Märchenprinzen.

Wie so oft bei der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin, braut sich auch in den drei Dramoletten ein Gedankenlabyrinth aus Statements, Reflektionen und Assoziationen zusammen. Das, was schief läuft zwischen den Geschlechtern, nimmt zwar seinen Ausgang bei den Märchenfrauen, die mit ihrer Geschichte hadern. Aber sie mischen sich vor allem in die aktuelle Kampfzone ein, was da an Diskriminierung, Ausbeutung und Unterdrückung stattfindet und warum.

Mit dieser Frage geht Schneewittchen geht auf Wahrheitssuche. Sie opponiert gegen den Schönheitswahn und die mörderische Konkurrenz in der eigenen Familie, der ihr zuletzt noch einen giftigen Apfel bescherte. Hinter den sieben Bergen könnte es etwas entspannter zugehen, wäre da nicht dieser Jäger, der die Wahrheitssucherin nicht zum Ziel kommen lässt. Vergeblich fahndet Dorothée Neff mit Pömpel und integrierter Taschenlampe zwischen Abflussrohren und Abfall. Sie begegnet doch nur dem Tod, wie es Jelinek bereits mit dem Untertitel „Der Tod und das Mädchen“ für die drei Geschlechterduelle ankündigt. Mit dem Kopf in der Kloschüssel.

Dornröschen hat keineswegs die besseren Karten. Endlich wach geküsst von einem Typen, der ja wohl ziemlich zugriffig war, als er durch die wilde Rosenhecke kroch und sich in seiner Heldenpose auch noch ganz toll findet, fast schon gottgleich übermächtig. Jetzt hat sie diesen Macker am Hals, der sie ungefragt in Besitz nehmen will, während es aus dem Klobürstenhalter Glittersalven regnet, die den ganzen faulen Zauber noch veredeln.

GaiaVogel spielt beide Stimmen in diesem dramatischen Duell mit faszinierendem Ausdrucksvermögen. Das rührt auch bei Dorothée Neff unmittelbar auf, die den wütenden Zweikampf ebenso leidenschaftlich belebt und kommentiert. Den selbstgefälligen Eroberer, wie er sogar die Pose des Vergewaltigers genießt und diese widerspenstig polemisierende Schöne, die der Vereinnahmung so gerne trotzen möchte.

Das Duell zwischen Rosamunde und Fluvio hat keine märchenhafte Vorgeschichte, sondern das „Rosamunde“-Drama der Schriftstellerin Helmina von Chézy, das Franz Schubert für die Bühne vertonte. Doch damit erfahren die Prinzessinnendramen eine weitere mörderische Zuspitzung. Es gibt noch immer keinen Dialog auf Augenhöhe, sondern eine Sammlung von Bösartigkeiten und verletzenden Argumenten aus dem hierarchischen Geschlechteralltag.
Gaja Vogel und Dorothée Neff bilden nun eine gemeinsame Chorstimme, auch für all die feministischen Positionen gegen die patriarchale Macht, die das Beziehungsfecht durchdringen. Dass Elfriede Jelinek dabei auch ihr feministisches Credo als Schriftstellerin zur Sprache bringt, erschließt sich vielleicht nicht unmittelbar. Auch nicht der Verweis auf Virginia Woolf, die sich in ihren Selbstbestimmungskämpfen erschöpfte und Selbstmord beging. Dennoch hat jeder Satz und jede reflektierendes Argument seine Berechtigung weil damit der Stand der Dinge unter weiterhin erschwerten Bedingungen markiert wird. Zwischen den Zeilen und in den Gedankenechos rumoren sie ständig, die „#MeToo“-Offensive ebenso wie die „Gender Pay Gap“-Debatte und mühsam erkämpften Quotenregelungen. Regisseurin Julia Prechsl vertraut auf die assoziative Kraft der Sprache und der sprechenden Bilder, die in ihrer szenischen Übersetzung aufstören wollen und das auch mit nachhaltiger Wirkung.

An Jelineks Märchenfrauen haften noch die blutigen Zeichen zahlloser Opfer in diesem andauernden Geschlechterkampf, so sehr sich auch der Opferrolle verweigern wollen. Sie sind zwar nicht länger kleinlaut und demütig sondern aufrührerisch provokant und schon viel mutiger, auch wie sie auf der DT-2 Bühne von zwei Theaterpowerfrauen und ihrer Regisseurin so leidenschaftlich engagiert bestärkt werden. Doch dann braut sich ein Chor von Männerstimmen zusammen, der den Aufruhr zum schlichten Hass diskreditiert und die Wortführerinnen auf ihren angestammten Platz verweist. Immer lauter poltert und dröhnt es gegen die verzweifelten Aufhören-Rufe von Gaia Vogel und Dorothée Neff, die so brutal überstimmt werden, dass es weh tut. „Meine Stimme. Sagt nicht“ flüstert das kleine Mädchen, das beiden Schauspielerinnen an die Hand nimmt, bevor sich die Bühne verdunkelt. Doch was am Ende dieses ungeheuer bewegenden Theaterabends nachklingt, ist auch ein „sagt noch nicht“.

Weitere Vorstellungen am 2. und 19. Februar um 20 Uhr im DT-2

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