Deutsches Theater

Das Gespräch zwischen dem Dichter Besdomny (Marius Ahrendt) und seinem Freund Berlioz (Lev Semenov) im Stadtpark nimmt nicht den vertrauten Verlauf. Wie schon so oft geht es um die Frage, ob Jesus überhaupt existiert hat oder nicht. Aber diesmal bekommt der atheistische Gefährte Zuspruch von einem offenbar recht kultivierten Passanten, der auch die Ansicht des glaubensstarken Dichters zu schätzen scheint und das Wasserbecken nutzt, um seine Hände in Unschuld zu waschen Schon bald liegt eine kopflose Leiche auf der Spielfläche des Deutschen Theaters. Auch ein Todesurteil wird verkündet und ein irrlichternder Besdomny in die Psychiatrie verschleppt. Der Teufel hat unter dem Namen Woland Einzug in Moskau gehalten, und Gerd Zinck treibt nun in edlem Grau ein böses Spiel mit den Verhältnissen und ihren Parteigängern, den Bürokraten und ihren gierigen Wegelagerern. Auch die Welt der Künstler, Artisten und literarischen Querköpfe lässt er wie im Wahnsinn verzweifeln.

Schon die ersten Bilder, die Regisseur Titus Georgi in seiner Inszenierung von Michael Bulgakows „Meister und Margarita“ aufrührt, lassen ein Panoptikum ahnen. Bulgakows Roman hat die Dimensionen eines Welttheaters, wie es sich auch in Goethes Faust und Dantes Göttliche Komödie verdichtet. Es sind die existenziellen Fragen, die auch in der Bühnenfassung von Regisseur Titus Georgi und DT-Dramaturgin Sonja Bachmann umtriebig sind. Wo verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse, wann ist der Widerstand gegen Ausbeuter, Menschenschinder- und Vernichter unabdingbar und wann werden die schweigenden Dulder und die Ignoranten zu Mittätern?

„Meister und Margarita“ ist in vielerlei Hinsicht ein grandioses Bühnenabenteuer und ein Drahtseilakt, weil Bulgakow dabei Zweit- und Handlungsebenen nahezu unentwirrbar miteinander verknüpft. Wotans zerstörerische Umtriebigkeit in fast schon teuflischen Verhältnissen kollidiert mit den Bildern dieses biblischen Schaukampfes um Sein oder nicht Sein. Innerlich gespalten ist dieser Herodes (Volker Muthmann) an der Seite seines Hohepriesters Kaiphas (Lea Gerstenkorn) und der sich schließlich hinter Staatsmacht und Willkür verschanzt und es nicht wagt, wie dieser Jesus (Lukas Winterberger) in seinem scheinbar selbstlosen Glauben auf die Vision eines humanistischen Miteinanders zu vertrauen. In einer weiteren Handlungsebene reibt sich wiederum der Schriftsteller (Valentin Schroeteler) auf, der von seiner Gefährtin liebevoll zum Meister erklärt wurde. Sein Roman, der diesen Herodes-Konflikt seziert und mit der Stimme Bulgakows auch die brutalen Verwerfungen im stalinistischen Russland, findet kein Gehör und keinen Verleger. Seine Margarita (Anna Paula Muth) erliegt vorübergehend den teuflischen Lockrufen, um der Ohnmacht zu entrinnen, wie sie die Verhältnisse diktieren.

Zum Bühnenabenteuer wird dieser Theaterabend auch durch das Schauspielteam und die Kooperation des Deutschen Theaters mit der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Die Studierenden der Abschlussklasse von Regisseur Titus Georgi und die Schauspieler des DT Ensembles beflügeln sich in vielen Szenen auch in wechselnden Rollen. Diese Gesellschaft der Larven und Lemuren, wie sie zuvor Karl Krauss in seiner dramatischen Apokalypse Die letzten Tage der Menschheit markiert hatte, schillert trotz ihrer bösartigen Triebe auch immer wieder komisch und absurd im Sinne eines Panoptikums. In dem wird die Realität so gnadenlos fantastisch überzeichnet, wie sie de facto ist und wird dann auf der Bühne zum Grand Spectacle.

Bühnenbildner Jochen Hochfeld hat für dieses dramatische Labyrinth der Stimmen und den manchmal absurd anmutenden Begegnungen, wie sie gedanklich austreiben und irritieren, wunderbar assoziative Bildräume geschaffen. Das biblische Szenario im Bühnenhintergrund ist stets präsent wie eine zeitlose Gedankenspur, auch wenn es immer wieder verhüllt wird. Das Zentrum der Bühne wird von Wotan und seinen Gefährten beherrscht, wo Rattelschneck (Pepe Jonas Harder) die Verwünschungen seines Herrn mit dem Baseballschläger beschleunigt an der Seite eines dämonischen Azazello (Antonia Münchow). Katzenhaft schleicht sich Leona Grundig an Literatenrunden, Varietédirektoren, Bürokraten und Profiteure heran und fährt ihre Krallen aus, während Angelika Fornell die Bilder von listigen Hexen herauf beschwört, die sich auch gerne blutgierig verbeißen. Immer wieder senkt sich eine gläserne Wand vor dieses Szenario, dessen Folgen auf der Vorbühne in der psychiatrischen Enklave sichtbar und spürbar werden. Hier werden all die Verwirrten sediert und mit ihnen die Querulanten und die Ruhestörer, die sich im Wahnsinn der Verhältnisse mehr und mehr erschöpfen.

Noch einmal spitzt sich das existenzielle Duell dramatisch fantastisch zu und dann implodieren auf der Bühne alle Zeit- und Handlungspuren in einem rauschenden dämonischen Gelage, wie es Goethe mit seiner Faust‘schen Walpurgisnacht imaginierte. Aus seinem Welttheater hatte Bulgakow auch das Motto für „Meister und Margarita“ übernommen, um es leidenschaftlich unbeirrbar bis zuletzt zu hinterfragen: „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das gute schafft“. Es ist nicht immer leicht, den Bildern und den Obsessionen zu folgen, die dieser Abend aufwirft, imaginiert und assoziiert.

Mehr Halt finden die Kenner von Bulgakows Roman als die Zuschauer, die sich jetzt in diesem dramatischen Labyrinth treiben lassen müssen und dabei auch die Verwirrungen annehmen. Und sei es, um dabei irgendwann, en passant, zwischen den Zeilen oder auch ganz unmittelbar auf Bulgakows Credo zu treffen. Dass es keine größere Sünde gibt als die Feigheit.

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