Figurentheatertage

Auftakt. Zwei Wächter in Schwarz, mit Hut und Mantel stehen unter einem Schirm. Es ist kurz nach 12. Der Geist wird angekündigt. Stumm schreitet er von der einen Seite zur anderen. Eine Bedrohung durch die bloße Existenz des Übersinnlichen? Eine von vielen Fragen, die subtil aufgeworfen werden und letztlich offenbleiben müssen. Das Ensemble des Puppentheaters Bühnen Halle schafft es bei dem Gastspiel während der Göttinger Figurentheatertage im ersten Auftakt der Hamlet-Inszenierung, das Publikum in die grundlegende grüblerische Stimmung des Stückes zu versetzen.

Ein Kubus, eine Gaze Wand, ein paar Stühle, ein Tisch, Puppen und Schauspieler – all das wird lebendig. Das Vexierbild – ein entscheidendes Motiv in Shakespeares Hamlet – beherrscht die gesamte Bühne des deutschen Theaters. So, wie das Stück inhaltlich zwischen Wahrheit und Betrug changiert, wechselt das Bühnenbild (Angela Baumgart) zwischen Außen und Innen. Das Vexierbild und der Bezug zur Gegenwart verlassen die Bühne nie ganz. Polonius (Nico Parisius) kann das neue Königspaar offenbar nur per Videochat erreichen – das beschäftigte moderne Erfolgspaar, das nur noch digital mit den Kindern kommuniziert? Immer wieder taucht ein Videokillerspiel als Motiv auf und wird Teil der entscheidenden Schlussszene – machen Killerspiele verrückt?

„Zwei Monate nach dem Tod ihres Ehemanns...“ – gleichzeitig berichten die vielen Nachrichtensprecher auf der transparenten Gaze Wand von der bevorstehenden Hochzeit der Königswitwe Gertrud (Franziska Rattay) mit Hamlets Onkel Claudius (Nils Dreschke). Hamlet weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sein Onkel der Mörder seines Vaters, des Königs war. Entrüstet über die Berichte des TVs, gerät er von der Trauer zu ersten Suizidgedanken. Der junge Hamlet (Ines Heinrich-Frank) wird als Puppe gespielt – seine Figur erreicht eine Menschlichkeit, die das Mitgefühl sofort erreicht. Sie durchlebt Reflexion, Depression und das Ringen zwischen Gut und Böse. In einem Monolog fragt er: „Bin ich ein Feigling?“ und gerät über diese Frage zu einer Selbstreflexion, die das Stück durchzieht.

Hamlets einziger Hoffnungsschimmer: Ophelia (Ivana Sajevic), als Puppe gespielt. Jugendliche Rebellion mit Zigarette und Verbündung gegen die ältere Generation helfen den beiden nicht weiter. Das junge Paar wird auseinandergehalten. Ophelias wütend-trotzige Reaktion bringt das Publikum zum Schmunzeln und versetzt erneut das Stück in unsere Zeit: „Oh mann, ihr kotzt mich alle so an!“. Der Mix aus Shakespeares Sprache und Jugendsprache der Gegenwart ist dezent gewählt und wirkt im gesamten Stück natürlich (Deutsch von Jürgen Gosch und Angela Schanelec).

Zum ersten Mal erblickt Hamlet nun den Geist seines Vaters. Dieser fordert den Jungen auf, Rache an seinem Onkel zu üben. Von hinten hält der Geist den verängstigten Hamlet fest und verlangt ihm mehr ab, als dieser versprechen kann – eine angstvolle und gewaltsame Begegnung zwischen Vater und Sohn.

Darauf folgt der Wandel in Hamlet, fantastisch inszeniert mit wechselnden Bildern des stummen Hamlet in seinem Kubus – liegend auf der Seite, hängend über dem Stuhl, stehend, starrend, kniend, bückend – Hamlet wird apathisch. Wird er irre?

Alle Figuren sind meisterhaft getroffen, so auch der unmenschliche Mörder des Königs, seines eigenen Bruders – oder ist er doch nicht so unmenschlich? Ein selbstgerechter Mörder, ein arroganter, oberflächlicher, empathieloser Charakter mit hochgezogener Augenbraue – ein Charakter zum Hassen wendet sich zum Publikum: „Gibt es Vergebung?“. Keine Antwort. Aktuelles Zeitgeschehen, Politik, persönliche Schuld oder Unschuld – alle Themen werden präsent und können nicht aufgelöst werden. Claudius‘ Herantreten an das Publikum wird zu einer Schlüsselszene des Puppentheaters. Claudius verkörpert das Vorankommen der Verbrecher in der Welt und entlarvt die verbrecherische Irrationalität unter dem Deckmantel des rationalen Rechts. „Ja, schön is nich, aber so siehts aus, Leute“, lautet die saloppe Ansage.

Ophelias Tod wird als Filmprojektion auf der Gaze Wand gezeigt. Aus den Lautsprechern sind die Verse zu hören, die sie in den Tod begleiten, vorgetragen von einer ruhigen, beinahe friedlichen Stimme. Dann der Sprung ins Wasser, dann das Herabsinken, dann die im Wasser liegende Puppe Ophelia. Die Inszenierung erinnert visuell an kunsthistorische Vorbilder wie John Everett Millais‘ Ophelia. Alles wird schwarz, ein weiblicher Gesang ertönt und weiße Lichterflocken fallen auf der Gaze Wand auf Ophelia und in das Sichtfeld des Publikums. Ophelias Tod gehört zu den eindringlichsten Szenen der Inszenierung.

Insgesamt strahlt die Inszenierung durch visuelle Reize, die inhaltliche Bedeutung tragen. So auch in der Schlussszene, als der tote Vater die tote Puppe, den sterbenden Hamlet, vom Boden hebt.

Spielt Hamlet verrückt oder ist er es tatsächlich? Spielt Claudius den Gewissenlosen? Spielt die Welt verrückt? Die Inszenierung des Hamlet bei den Göttinger Figurentheatertagen wirft sowohl allgemein menschliche als auch zeithistorische, gegenwärtige, weltpolitische und gesellschaftliche Fragen auf.

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