GSO

Winfried Kretschmann beim musikalischen Aschermittwoch, denke ich so bei mir. Die schelmische Weise mit der Reinhard Goebel den Abend moderiert, Unmengen apodiktisch-scharfe Urteile über die Musikgeschichte inklusive, das Ganze nur zügiger gesprochen als beim MP aus dem Süden… Die Lacher jedenfalls hat er auf seiner Seite.

Am 20. März 1818 starb der Johann Nikolaus Forkel. Das wäre nicht weiter bemerkenswert – sterben müssen wir alle. Allein der gute Mann darf nicht nur als einer der Begründer der historischen Musikwissenschaft gelten, er schrieb ferner die erste Biographie über Johann Sebatian Bach und war Akademischer Musikdirektor in - Göttingen. Anlass genug den Zyklus „Wiener Klassik“ in dieser Saison seinem Wirken zu widmen. An diesem Abend steht Konzert Nr. 2 (von dreien) auf dem Dienstplan des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO). Reinhard Goebel übernimmt, wie beim ersten Konzert, die Leitung; des Weiteren wurde die gesamte Reihe von ihm konzipiert. Gelebt und gewirkt hat übrigens keiner der Komponisten in der Donau-Stadt. Aber Forkel war einmal zu Bibliotheksbesuchszwecken dort. Immerhin.

Sechs Werke vermerkt das Programmheft. Wilhelm Friedemann Bach, Johann Nikolaus Forkel, Joseph Martin Kraus, Carl Philipp Emanuel Bach und noch einmal Kraus lauten die Namen. Den Weltfrauentag gab es im 18. Jahrhundert also noch nicht.

Die beiden Kraus‘schen Werke erfordern einen Soloviolinenpart; Mirijam Contzen ist dafür die Frau. „Erwarten Sie nichts großes...“ - dieser Kommentar des Dirigenten zur viersätzigen ‚Sinfonie C-Dur con Violino obligato‘ ist kurz und wahr zugleich. Als Konzertschlussstück dennoch eine geglückte Kür. Das vor der Pause präsentierte Violinenkonzert, ebenfalls in C-Dur (1777/rev. 1783), hingegen boxt drei Gewichtsklassen höher. Goebel erinnert kurz daran, dass man sich von den gesanglich geprägten Mozart-Geigenkonzerten nicht beirren lassen solle: „Heute Abend hören Sie ein richtiges Violinenkonzert.“ Recht hat er. Die Solistin ist mehr als nur reichlich beschäftigt; vieles davon nicht immer dankbar. Großer Auftritt mit wenig Einsatz – diese Überschrift verdient das Konzert nicht. Weshalb es wohl auch nicht allzu häufig erklingen dürfte. Ein Verlust für die Hörerinnen und Hörer der Welt.

Warum? - Gänzlich unerwartet tauchen in allen drei Sätzen merkwürdig entrückte, „stillstehende“ Passagen auf. Da passiert zwar etwas, doch einem Kristalleinschluss gleich sind diese Partien dem normalen Zeitfluss des Satzes entzogen. Keine besonders präzise Beschreibung, ich weiß, aber nach dem erstmaligen Hören fällt mir nichts Besseres ein. Und ohne Noten auf den Knien lässt sich schwerlich nach den notierten Gründen suchen. Auch in der Sinfonia findet sich, weniger ausgeprägt, dergleichen. - Orchester und Solistin harmonieren zauberhaft miteinander. Das klingt zwar wie „Programmheftprosa“ (Goebel), doch was soll‘s. Mit der Intonation ganz zu Beginn des Konzertes sowie an zwei, drei anderen Stellen jedoch darf man nicht zufrieden sein. Für den Übergang zur Kadenz des zweiten, langsamen, Satzes verdient Mirijam Contzen allerdings einen Preis; aus dem stehenden Klang des Orchesters wächst und vergeht nur dieser eine langgezogene Ton. Eine Welt in zwei(?) Sekunden. Genial. Der ganze zweite Satz – es gab bestimmt eine laute Stelle, aber erinnern kann ich mich daran nicht – bewegt sich eh in einem schwebendem mezzo piano- Land. Von allen Beteiligten mit fulminanter Konzentration ausgeführt.

Forkels Symphonie Es-Dur (1780) – ‚Warum wird die nicht häufiger gespielt?‘ so lautet die erste Notiz des Rezensenten auf dem Notizblock. Wiederum drei Sätze, das „langsame“ Andantino nimmt Reinhard Goebel eher sportlich. Wenn dann attacca die Hörner mit den Dreiklangsbrechungen dazwischenhauen – Hallo! Der dritte Satz hat begonnen! – ist das Feuer, die Energie der Musik bereits längst auf das Publikum übergesprungen. Ein gutes Viertel des Aulagestühls muss allerdings auf verzückte Hörerinnen und Hörer verzichten.

Carl Philipp Emanuel Bachs Sinfonia e-Moll (1756/Wq 178) bekommt im Programmheft einen Beinamen verpasst, welchen Reinhard Goebel unwirsch verwirft, wie er auch gleich die Beschreibung „entspannt liedhaft“ des Satzes Nr. 2 verdammt. Zu Recht. Das von ihm gewählte Tempo ist sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack, und vermutlich haben die oberen Streicher recht ordentlich üben müssen. Das Resultat überzeugt. Ludwig van B. auf Ecstasy – trifft‘s gut. Unglaublich rau, unglaublich scharf sind die geschriebenen Gegensätze. Alles komponiert auf dem aller-, allervordersten Rand der Stuhlkante. Und auch so gespielt. – Das Orchester folgt hier sowie den ganzen Abend dem Gastdirigenten äußerst diszipliniert. Dessen Dirigat könnte auch ein Tauber die Gliederungen des jeweiligen Stücks problemlos entnehmen.

Das Ende ist so überraschend – Applaus rührt sich nur zögerlich. Geständnis: Später habe ich ein GSO-Mitglied gefragt, ob die Sinfonia tatsächlich zu Ende war. Das Mienenspiel und der nachgeschobene Kommentars Goebels ließen mich und einige andere vermuten, wir hätten in Pause zwischen Satz 2 und 3 hinein geklatscht und als kleine Rache gäbe es den letzten Satz nicht…. Da wird Carl Philipp im Himmel selig geschmunzelt haben. – An dieser Stelle wird man, vermutlich das einzige Mal – sonst dürfte es eine längere Diskussion geben, Goebel widersprechen. Ein kompositorischer Ausfall war der Schlusssatz nicht.

Wilhelm Friedemann Bachs Adagio und Fuge d-Moll (1735/40) ist vierzig Jahre älter als das folgende Forkel‘sche Werk; doch wirkt der Abstand größer, so anders die musikalische Stimmung. (Gefallen hat beides außerordentlich gut.) Klar, fast überpräzise wird die Fuge gespielt. Beim Blick in die Noten ahnt man, wer den jungen Wilhelm Friedemann, ohne dessen Genie weniger würdigen zu wollen, unterrichtet hat. – Dieses strengste Werk des Abends zu Beginn – weiterer Beleg für eine geglückte Programmplanung. Die diversen Bezüge der Komponisten zu Forkel, zu Göttingen (sogar der Hainbund kommt vor) … ach, bei Interesse lesen Sie nach.

Die Töne sprechen für sich.

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