Werkraum

Göttinger Abende Zeitgenössischer Musik

Gern umschwärmt wurde das süße Seufzen ihrer Saiten und so mancher Dichter widmete der Harfe poetische Sphärenklänge. Das Instrument vermag natürlich noch viel mehr. Es kann sehr laut sein, versichert Bernd Schumann zum Auftakt des Konzertabends mit zeitgenössischer Musik. Sie kann in schrillen Tönen schwelgen und einen rhythmischen Aufruhr entfachen. Der Initiator der Konzertreihe weiß natürlich, wie viele Klischees auf der Harfe lasten und dass die Schweizer Harfenistin Nathalie Amstutz sie von diesem musikalischen Weihrauch befreien wird. Vor allem mit den Werken von Lothar Voigtländer. Schon mit seinem „Nocturne en trois Modes“ für Harfe solo entfaltet sich auf der Werkraumbühne des boat people projekt eine gewaltig austreibende Klanglandschaft der stürmischen Akkordfolgen, die in melodische Skizzen münden und in Tonfiguren, die anhaltend pulsieren und nachschwingen.

Voigtländer wird später sein Nocturne als sehr nachdenklich beschreiben und dass sich damit auch eine Phase der musikalischen, aber auch der existenziellen Reflektionen verbindet. Im Gespräch mit Bernd Schumann berichtet er über die Wendejahre. Auch ihm fehlten wie vielen DDR Komponisten nach dem Zusammenbruch der staatlichen Netzwerke die Kompositionsaufträge, um die er nun auf dem freien Markt verhandeln musste. Voigtländer macht einen weiteren Zeitsprung in die 70er Jahre, mit seiner Begeisterung für die Musik von Yannis Xenakis, die ihn zum Elektronikspezialisten werden ließ und zum Preisträger bei zahlreichen internationalen Wettbewerben. Als in den 90er Jahren die Phase der Digitalisierung von Sounds und Patterns einsetzte, die den Interpreten überflüssig machen, forschte er wieder stärker nach Klangfarben, Strukturen und Motiven ohne elektronisches Equipment, komponierte Vokal- und Orchesterwerke und auch die „Soundfiles“ für Harfe.

Dafür hat Voigtländer eine Fülle von Tönen, Sounds und Geräuschen aus der Harfe destilliert und auf Band aufgenommen. Mit dem Bandmaterial begibt sich Nathalie Amstutz auf der Werkraumbühne in einen faszinierenden Dialog mit vielen perkussiven Zutaten. Dann trommelt ein Klöppel auf den Saiten oder sie werden mit einer Scheckkarte angeritzt und hinterlassen das Bild von zerbrechendem Glas. Auch mit der Faust trommelt die Harfenistin Töne herbei um mit dem Bandmaterial eine weitere Geräuschwolke zu kreieren. Die Harfe kann auch wie ein Glockenspiel klingen, eine Zimbel oder wie ein jaulender Gitarrenton, wenn die Musikerin diese Soundfiles antreibt und in ein spannendes Klanggemälde verwandelt.

Mit der Sonate von Paul Hindemith kommt es im zweiten Teil dieser Zeitreise in die zeitgenössische Musik auch zu den vertrauten süßen Harfenseufzern während mit Elliott Carters „Bariolage“ in den vielfarbig heiteren Tonstimmen und Stimmungen beschwingt. Mit Heinz Hollingers „Sequenzen über Johannes 1,32“ wird die Bühne zum Andachtsraum für ein musikalisches Gebet mit Nathalie Amstutz.

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