Literarisches Zentrum

Was haben Wohnung, Geld, Geschlecht, Mutterschaft und Bildung mit Macht zu tun?

Die Antwort in Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trockenen“ lautet: alles. „Wer man ist, ist nichts anderes als das Maß an Macht, das man besitzt.“ – lautet da ein Satz in diesem reflektierten Buch. Erstaunlich, aus welch scheinbar banalen Begebenheit dieser Satz entspringt: es geht um einen Elternabend. Der Elternabend als Feld für einen Machtkampf – wer besitzt die Macht, dort zu sein? Wer besitzt die Macht, welche Wahrheiten auszusprechen? Und wer besitzt die Macht, überhaupt etwas zu sagen?

„Nie im Leben kann ich da rauf!“, – weder auf die hohe Tonlage der Sopranstimmen elitärer bürgerlicher Frauen, noch auf das Podest von Menschen, die von Geburt an privilegierter sind. Das sind die Gedanken der Schriftstellerin Resi, Protagonistin des Buches. Zurecht handelt es sich um das Preisträgerbuch der Leipziger Buchmesse 2019, denn Stelling beschreibt darin auf individuelle Weise die Sorgen vieler Menschen: Wohnungsnot, Armut, Mutterschaft, Gleichstellung - , doch das Schönste daran: der Leser erlebt die exakte soziologische Analyse ganz automatisch, ohne Theorie, sondern ganz praktisch aus dem Leben der Protagonistin.

Der Name Resi ist ein sprechender Name, wie Stelling erklärt: „Resi bezieht sich auf Parrhesia.“ Parrhesia, die Redefreiheit, von Foucault gekoppelt an das Wahr-sprechen der antiken Kyniker – genau das ist die Figur Resi. Der Roman ist als Monolog an ihre ältere Tochter Bea geschrieben, der sie alles erzählt – und zwar wahrhaftig mit allen Abgründen.

„Bildung ohne Geld macht dich zum Spielverderber“, ein weiterer dieser stechend wahren Sätze aus Stellings Roman. Bildung allein reicht für Macht nicht aus – ökonomisches Kapital und Bildungskapital gemeinsam können hingegen kaum unüberwindbarer sein. Nachdem Resi eine Kündigung für ihre Altbauwohnung in Berlin erhielt – als Quittung für ihr Wahr-sprechen als Schriftstellerin – muss sie sich mit der Angst vor dem drohenden Abstieg auseinandersetzen. In Berlin bedeutet das: „das Schreckgespenst Marzahn“, erklärt Stelling. „An der Wohnungsfrage hängt sich viel vom Lebensentwurf auf.“

Gerade als Mutter will Resi ihre „Schäfchen im Trockenen“ wissen. „Eine Mutter, die ihre Armut verbirgt“, so wird die Situation von Stelling beschrieben. Anke Detken stellt fest, dass nicht nur die Wohnungsfrage gestellt wird, sondern auch Probleme von Frauen angesprochen werden, genauer: „die Situation von Frauen, die gleichzeitig Mütter sind.“ „Ich denke, es ist sowohl mein Auftrag, weibliche Protagonistinnen zu bringen als auch Kehrarbeit in das Literarische zu bringen“, betont Stelling deutlich. Hausarbeit wird von Stelling im Roman auf ironische und analytische Metapher für viele Widerlichkeiten der heutigen Gesellschaft verwendet.

Resi erzählt im Roman von dem „bösen“ Buch, das sie schrieb und das zur Kündigung der Wohnung führte. „Schreiben Sie böse Bücher?“, fragt Detken. „Ja, leider ja“, lautet Stellings erste und schnelle Antwort. Doch dann lenkt sie ein: Resi sei sicher ein nerviger Charakter, aber Stelling liebe ihre Romanfigur. Genau genommen seien Stellings Bücher nicht böse, sondern „genau, entlarvend.“ „Das kann Literatur nicht nur, das muss sie.“

Anke Detken verweist an vielen Stellen an die offensichtlichen Parallelen zwischen der Protagonistin und der Autorin. Doch besonders spannend ist die Antwort, die Stelling auf Detkens Frage nach der Bedeutung des Leipziger Literaturinstituts stellt. „Ich wäre ohne Leipzig bestimmt nicht Schriftstellerin geworden. (…) Ich hab‘ durch das Literaturinstitut (…) erst kapiert, dass das geht.“ Maßgeblich sei dabei für Stelling die Erkenntnis gewesen, das Schreiben oder Künstlerdasein „nicht als reine Selbstverwirklichung zu begreifen. (…) Es braucht Künstler wie Bäcker und Ärzte und Juristen.“ Genau dies wird an diesem Abend im Literarischen Zentrum deutlich: Stelling schaffte es, Selbstverwirklichung, Selbstreflexion mit soziologischer Analyse, Humor und einer Fläche für Verständnis in einem Roman zu verbinden.

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