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Künstlerhaus

BBK Jahresausstellung 2019 im Künstlerhaus

Hinweis: frei verfügbar

Auch in diesem Jahr präsentieren die Künstlerinnen und Künstler des BBK-Südniedersachsen ihre aktuellen Arbeiten im Künstlerhaus Göttingen. Die Exponate stellen ein facettenreiches Spektrum regionalen künstlerischen Schaffens dar. Zu sehen sind Werke aus den Bereichen Acryl – und Ölmalerei, Fotografie, Zeichnung und Bildinstallation, die in der Oberen Galerie sowie im Weißen Saal gezeigt werden. Kulturjournalistin und Kulturbüro-Autorin Tina Fibiger hielt zur Ausstellungseröffnung die Einführung. Lesen Sie hier ihre Rede im Wortlaut.

Mag sein, dass Helmut Boeders Beobachter an der Barriere vorbei blickt, durch die wiederum wir ihn wahrnehmen. Es ist auch keineswegs sicher, dass ihn die Landschaft überhaupt etwas angeht, die sich da hinter dieser Wohnpalisade abzeichnet, dass er vielleicht einen ganz anderen Raum reflexiv und reflektierend auf sich wirken lässt. Und mit ihm kommen auch die Leerstellen, die sich offenbar sogar der wachsamsten Wahrnehmung entziehen und damit auch dem Zugriff, mit dem die Suche nach einer haltbaren Bedeutung beginnt.

Ich möchte gern an der Seite von Helmut Boeders Beobachter und seinen Beobachtungen mit Ihnen diese BBK Jahresausstellung erkunden und dabei nicht nach haltbaren Bedeutungen fahnden. Die lichte Schattengestalt hat mich ganz unmittelbar an das Credo von Hannah Arendt erinnert: „Denken ohne Geländer“. Mehr denn je widerspricht ja dieses Denken ohne Geländer dem zeitgenössischen Diktum der Ökonomie, wie es sich im ergebnisorientierten Ordnen, Kategorisieren und Werten erschöpft; wenn der Renditeaspekt als vermeintliches Geländer mal wieder versagt. Sich dieser ständigen Mehrwertprofitgier zu verweigern (auch das impliziert ein Denken ohne Geländer) – sich den Arbeiten in dieser Ausstellung stellen: In der malerischen Reflektion von akuten und aktuellen Beobachtungen, die in ihrer Komplexität oft auch deshalb von beunruhigender Wirkung sind, weil sie dieses kontrollierende Kategorisieren, Berechnen und Werten, das unseren Wahrnehmungshorizont mehr und mehr vereinnahmt, thematisch und stilistisch ständig in Frage stellen.

Das gilt für die vordergründig idyllisch anmutenden „Stillen Wasser“ von Irene Pregitzer und die scheinbar naturalistischen Sujets von Ulrich Hollmann und Folke Lindenblatt und für die fotografischen Reflektionen von Sonja Mehner. Es gilt ebenso für die abstrakten Statements von Christel Irmscher, Georg Hoppenstedt und Erhard Joseph. Schon im Weißen Saal kommt es zu inspirierenden Wahrnehmungsstörungen. Wie wirklich sind die Bilder, die wir sehen, fragt Lilly Stehling. In ihrer Arbeit „oculus rift“ – Augenriss –, beobachtet sie die Zumutungen einer simulierten Wahrnehmungswelt, in der die Realität digital formatiert gefiltert und verfremdet wird. Vielleicht verbirgt sich hinter der massiven Nebelwolke, die sich über dieser Gestalt mit dem Computerbrillen-Headset auftürmt, auch die „Fragile Welt“, die Erhart Schroeter jetzt als Trümmerlandschaft imaginiert. Auf der Leinwand werden Reste von Fotografien wie historische Relikte farbig expressiv bestürmt, als ob sie sich dabei auch an realen Gedächtnisspuren und Erinnerungslandschaften vergreifen.

Allen Assoziationen zum Trotz die sich bei dem Bildtitel „Silk“ einstellen könnten, kehrt auch in der Komposition von Fintan Whelan keine Ruhe ein. Der Gedanke an die sinnlich berührende Stofflichkeit und filigranen Strukturen wird immer wieder unsanft aufgebrochen. Doch selbst da, wo sich die dunklen Farbstimmen ausbreiten und in die lichtblauen Farbräume fließen, wahren sie einen Schimmer von filigraner Leichtigkeit. Anders als diese Linien und Verwerfungen, die diese Seidenlandschaft durchkreuzen und Unruheherde markieren. Allerfeinste Stolperfallen wirken hier auf die Wahrnehmung des Betrachters ein und diesen offenen Denkraum ohne Geländer in der Nahaufnahme, die sich auch in den scheinbar geometrisch geordneten Farbformen von Erhard Joseph immer wieder neu erschließt. In glühenden Lichtstimmungen, die sich an Kanten und Verwerfungen brechen, farbige Schatten werfen und dann wie Treibsand in eine grenzenlose Weite austreiben.

Sie werden in der Arbeit von Matthias Walliser mit dem Titel „Blumen überreichen“ vergeblich nach einem Bouquet Ausschau halten und sich stattdessen treiben lassen müssen, von den malerischen Impulsen in dieser blauen terra incognita. Das gilt auch für seine Komposition „oben, unten“, die zum Unterwegs sein auffordert und nicht zum Entschlüsseln von Graffitispuren und farbigen Unruheherden, die sich an keine Richtung halten mögen. Walliser verweist dabei auch auf ein Zitat des Theatermachers und Performers Robert Wilson, der über Interpretations- und Erkenntniszwänge mokierte: „Tun Sie es nicht! Ist doch egal. Verlieren Sie sich!“

Das klingt nach einer Aufforderung, sich nun in den filigranen Strukturen zu verlieren, in denen sich Georg Hoppenstedt dem Thema „Illusion“ widmet und den vielen bewegenden Momenten, die von einer farbigen Horizontlinie gerahmt werden. Sie wird diese Augenblicke des Träumens und Hoffens nicht vor gelegentlichen Abstürzen bewahren und trotzdem die ewig umtriebigen Unruhegeister nie zur Ruhe bringen. Die lassen sich auch bei Charlotte Geister nicht einnorden, wie sie hier die Blätter eines alten Journals mit Kalendersprüchen von historischen Ereignissen mit Nadel und Faden collagiert. Schon der Titel „ Auf- und Abrechnung“ spricht Bände für das vergebliche Insistieren auf Zahlen und Fakten, die so nicht zusammen passen und dann auch noch von Tintenklecksen und Kritzeleien sabotiert werden. Nichts will sich in diesem aufmunternd anarchistischen Tableau manierlich addieren und subtrahieren lassen.

Das Desaster all dieser vermeintlich ordnenden Instanzen, die sich um haltbare Bedeutungen kümmern, offenbart sich hier im großen Saal ganz unmittelbar in der künstlerischen Beobachtung. Von Goyas Capriccio „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ hat Christel Irmscher nur den Titel übernommen. Doch das Bild der schlummernden Gestalt mit der schwebenden Fratze über dem Kopf ist weiterhin präsent, wenn der Blick jetzt ein Gewürm von Hirnwindungen zu erfassen glaubt, wie sie sich aufblähen und ausufern, während die Masse von kleinen Torpedos belagert wird. Die malerische Zuspitzung der faktischen Verhältnisse folgt unmittelbar in der malerischen Alliteration frei nach Christian Morgenstern und seinem „Bim Bam Bum" mit Blick auf die offene Büchse der Pandora. „Glückspilz, Speisepilz, Fliegenpilz, Giftpilz, Atompilz.“

Diesen weiteren Aussichten auf eine störrische auch virtuell zerstörerische Realität scheint Gudrun Jokers zu trotzen. Mit dem Anblick von Feldern und Horizonten, die in wechselnden Farben miteinander korrespondieren. Aber damit betont sie auch das Unterwegssein an vertrauten Orten, die sich nicht im Lauf der Jahreszeiten ständig verändern, sondern auch ständig anders wahrgenommen werden neu erfahrbar werden. Es geht ja bei Hannah Arendts Credo neben dem Wahrnehmen und um das Mitteilbarmachen ohne Geländer, das diese BBK Ausstellung in der individuellen Bildsprache der Künstlerinnen und Künstler demonstriert. Dass dabei auch Arbeiten und Techniken neu befragt werden, wie zum Beispiel bei Hilke Diers, die sich in einen alten Holzschnitt vertieft hat. Oder dass sie sich wie Sabine Harton der Reflektion von Wahrnehmungs- und Erinnerungswelten widmen und welche Beklemmung sie hinterlassen. Auch die weißen Schlieren, die eine scheinbar kosmopolitische Kulisse übertünchen, haben keine befreiende Wirkung auf den leblosen Körper in seiner Gefangenschaft.

Unverblendet muten die Beobachtungen von Landschaften an, die sich in den bewegenden Nahaufnahmen von Marion Bargmann und Sigrid Kindel mitteilen, weil sich an keine Form oder Zuschreibung halten und auf ihre Weise Robert Wilsons Aufruf „Verlieren Sie sich!“ bekunden. Als Betrachter können Sie sich auch wunderbar in Margret Parparts Leuchtkörper verlieren, wie sie störrische Strukturen und Formen sinnlich reflektieren, die sie eigentlich nur erhellen sollen und sich nun deren skulpturaler Wirkung anzunehmen. Oder Sie verweilen an Gabriele Schaffartziks malerischen Reisenotizen und dem wärmenden Klima, das sie atmen, um dann erst auf Helmut Boeders Beobachtungen zu treffen.

Diese Gestalt scheint so ganz für sich zu sein, wie sie da am Fenster steht. Trotzdem weilt sie mitten unter uns, wie sie uns auffordert, zwischen den tradierten und den akuten Palisaden weiter reflektierend nach Freiräumen Ausschau zu halten. Und das auch ohne Geländer.

Die BBK-Jahresausstellung ist noch bis zum 29. Dezember 2019 im Künstlerhaus Göttingen (Gotmarstraße 1) zu sehen. Öffnungszeiten: Di – Fr 16:00 – 18:00 Uhr • Sa – So 11:00 – 16:00 Uhr
Vom 24. bis 26. Dezember ist die Ausstellung geschlossen.

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