Literaturhaus Göttingen

Die Festrede für die Eröffnung des Göttinger Literaturhauses hielt Saša Stanišić. In einer großen Komposition brachte der Autor zahlreiche Gebäude zum Klingen. „Ich habe mir als Kind vorgestellt, dass Häuser musizieren.“

Er fing mit den Gebäuden seiner Kindheit in der Heimatstadt Višegrad an. „Für das große Haus, das den ganzen Tag seinen Schatten auf unser Haus warf, stellte ich mir etwas Düsteres vor, Pink Floyd.“ In Višegrad gab es einen Busbahnhof, „er stammte aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Okkupation Bosniens und hielt sich für etwas Besseres“. Dieses Gebäude stellte er sich mit jodelndem Kauderwelsch vor. Eine besondere Bedeutung hatte seine Schule. Denn seine Lehrerin spielte im Unterricht Geige. „Sie stand mitten im Unterricht mit ihrer Geige am Fenster, im Sonnenlicht, und spielte.“ Als ob sie in einer anderen Wirklichkeit, einer anderen Welt stünde. 1992 besuchte er Višegrad und besuchte seine alte Schule. „Sie stand noch, die Fassade war zerlöchert, einige Fenster kaputt, die Eingangstür war weg. Im Musikraum kniete meine Musiklehrerin vor ihrem zertrümmerten Instrument. Um sie herum Glas, Dreck, Brandgeruch. Und wenn ich heute eine Geige höre, dann sehe ich sie. Aber ich sehe sie immer vor dem sonnendurchfluteten Fenster mit ihrer Geige. Den Kopf zärtlich an die Geige gelehnt.“ 

Was musizieren eigentlich Häuser im Krieg? Was musiziert dieses Haus hier jetzt?

Das Haus seiner Großeltern habe das Lied Jugoslawien gesungen. Das Haus der anderen Großmutter habe Musik aus Italo-Western musiziert. „Dann kamen die Serben, töteten und verbrannten die Menschen und zerstörten die musikalische Vielfalt der Häuser.“ 

Was musiziert ein Haus, das brennt?

Er erzählt von dem Besuch in dem Haus dieser Großmutter. Er erzählt, wie er die Italo-Western vor sich sieht, wie seine Großmutter roch, und wie der Schuss im Western plötzlich in Göttingen zu hören ist. „Es geschieht alles in einem Takt!“ Alles was man braucht, ist ein Erzähler und Zuhörer. Stanišić erzählt, wie der Busbahnhof und die Busse davor beschossen wurden. „Das Bahnhofsgebäude könnte ich heute sicher verstehen. Aber es schweigt.“

Stanišić erzählt auch von der Musik in seinem Elternhaus. Es erklang die jugoslawische Band Azra. Die Songtexte haben ihn beeinflusst als Jugendlicher. Dann aber kam der Krieg. Azra – der Name der Band beruht auf einer Geschichte, die ihm sein Vater erzählt. Diese Geschichte hat ihre Wurzeln in einem Gedicht, das ins Bosnische übersetzt worden ist. Und dieses Gedicht stammt von Heinrich Heine und heißt auch tatsächlich Azra. Dieser uralte Text von der unerfüllbaren Liebe eines Sklaven zu der Sultanstochter, der es von Heinrich Heine bis nach Bosnien schaffte, erzählt, so Stanisic, von der freien Reise der Literatur.

Dieses Lied, diese Geschichte, die ein Vater seinem Sohn erzählte, dieser Sohn, dieses Kind stehe jetzt hier in Göttingen. „So geht Weltliteratur. So kommt es zum Austausch von Kulturen. Und dazu braucht es Häuser wie dieses.“

„Was soll Euer Haus musizieren?“, fragt der Autor. „Euer Haus für die Literatur – das doch eigentlich unser Haus ist.“ So ein Haus funktioniere nur mit der Literatur und mit den Leser:innen. „Welche Instrumente spielt ihr, um gehört zu werden? Da stelle ich mir zuerst ganz banal mehrstimmigen Gesang vor. Alle Tonleitern, Dur und Moll.“

Mein ideales Literaturhaus spielt Zukunftsmusik

Letztlich erklinge das, was ist. Der Schatten anderer Häuser werfe das Echo in das Literaturhaus. Aber es erklinge auch das, was sein könnte. „Wie wollen und wie können wir leben? Mein ideales Literaturhaus spielt Zukunftsmusik.“

Saša Stanišić hat mit diesem literarischen Festvortrag einen großen Bogen geschlagen. Er hat vieles vereint, dass das Literaturhaus ausmachen wird: es erzählt Geschichten, die Geschichte erklingt und bekommt Raum. Es kommt zum Austausch untereinander. Das Literaturhaus sorgt für Zukunftsentwürfe - ja, es spielt Zukunftsmusik. Stanišić ist es damit gelungen, die Quintessenz der Grußworte von der Oberbürgermeisterin Petra Broistedt, dem Amtsleiter der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Andreas Görges und der Börsenvereins-Vorsteherin Karin Schmidt-Friederichs zusammenzufassen. Und dazu ist ihm ein Festvortrag gelungen, der dem Anlass angemessen ist: intelligent und unterhaltsam. 

Vielen Dank Saša Stanišić für diese große Rede. Wir freuen uns auf zahlreiche weitere Besuche in Göttingen.

 

Mehr zu diesem Thema:

Kommentare powered by CComment