bartha-shawnHallo Frau Bartha. Von Ihnen ist gerade eine CD erschienen: Klavierwerke von Allen Shawn. Wer ist Allen Shawn?

Allen Shawn stammt aus einer amerikanischen Intellektuellenfamilie: der Vater war lange Jahre Herausgeber von „The New Yorker“, der Bruder Wallace Shawn ist Schauspieler und Dramatiker. Allen Shawn, 1948 geboren, ist Komponist, Pianist und  Schriftsteller. Er hat lange in New York als Pianist gearbeitet und gelebt. Seit 1985 unterrichtet er am Bennington College in Vermont Kompositionslehre.

 

Die Musik von Shawn ist hierzulande weitgehend unbekannt. Wie sind sie auf seine Musik gekommen?

Für unser Blue Chamber Quartet suche ich immer wieder Musik, die zu uns passt. Musik, die sich den Grenzgängen zwischen Jazz und zeitgenössischer Musik widmet. So ist mir Shawns Musik aufgefallen und ich suchte nach den Noten dazu. Diese Suche  führte mich direkt zu dem in Vermont / USA lebenden Komponisten, denn seine Werke sind zum großen Teil nicht verlegt. Dieser Kontakt bestand zunächst aus E-Mail-Nachrichten, später aus langen Skype-Gesprächen. Erst viel später habe ich ihn besuchen können.

Was motiviert Sie, eine CD eines wenig bekannten Komponisten einzuspielen und zu veröffentlichen?

Für mich ist in der Musik der persönliche Kontakt zum Komponisten eines der spannendsten Momente. Und gerade die Musik von Allen Shawn hat mich besonders gefesselt. Ich finde es viel weniger spannend, die x-te Einspielung von Klaviersonaten  Beethovens zu produzieren.

Wie würden Sie die Musik von Allen Shawn beschreiben?

Seine Musik fasziniert mich wegen ihrer stilistischen Vielfalt und der vielfältigen Klangfarben. Die Musik ist ungeheuer abwechslungsreich und folgt keinem starren Schema: immer wenn man glaubt, „ah, so macht er das“, dann geht es genau anders weiter.  Seine Musik kann melancholisch sein, manchmal aggressiv, teilweise ist sie jazzig. Es gibt keine Muster, denen er folgt.

Wenn die Musik teilweise gar nicht gedruckt erschienen ist, wie konnten Sie sie dann spielen?

Teilweise hat Shawn seine Stücke für mich gesetzt. Aber es ist beinahe faszinierender, aus der Handschrift zu spielen. Allen Shawn hat eine sehr gute Noten-Handschrift. Von ihr zu spielen ist für mich sehr persönlich und emotional.

Auf Ihrer Homepage ist schon seit längerem ein Stück von Allen Shawn, nämlich der erste Satz der Klaviersonate Nr. 4. Wie haben Sie diese Sonate gefunden?

Die habe ich gar nicht gefunden. Als ich Allen Shawn endlich besuchen konnte, überraschte er mich vorher mit dieser Komposition, die er für mich heimlich geschrieben hatte. Ich habe sie dann 2010 im Bennington College uraufgeführt. Das Hörbeispiel auf  der Homepage ist der Livemitschnitt dieser Uraufführung.

Sie sind viel unterwegs, als Solistin und auch mit dem Blue Chamber Quartet. Warum hört man Sie in Göttingen nicht häufiger?

Ich bin nicht die typische Konzertpianistin. Ich empfinde es als müßig, immer wieder das gängige klassisch-romantische Repertoire zu spielen. Ich möchte mich nicht festlegen und bin immer auf der Suche nach Veränderung, nach etwas Neuem. So habe ich auch mehr Freiheiten. Diese Freiheit möchte ich auch für meine Familie haben: für meinen Mann Holger Michalski (Kontrabassist beim GSO) und unsere beiden Kinder.

Bei einer Konzerttournee des Blue Chamber Quartets im Mai hatten wir unsere Kinder mit dabei. Das ging hervorragend, ist aber natürlich unkonventionell. Das Klavier ist für mich ein Fliegender Teppich, mit dem ich überall hinreisen kann. Dennoch trete ich auch gerne in Göttingen auf. Mit dem Göttinger Symphonie Orchester ist für die Saison 2015/16 wieder ein Konzert geplant. Und natürlich soll auch die Musik Allen Shawns in Göttingen vorgestellt werden. An der Planung dieses Abends arbeite ich, kann aber noch keinen Termin nennen. Die CD ist aber jetzt im Handel erhältlich. In Göttingen hat sie natürlich Stefan Lipski bei Tonkost vorrätig.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

    Allen Shawn: Klavierwerke
    Julia Bartha, Klavier
    5 Preludes (for Elizabeth Wright, 1994); Jazz Preludes Nr. 1, 3,4; Recollections (for Daniel Epstein, 1998); Klaviersonate Nr. 4 (for Julia Bartha, 2009); Valentine (for Jamaica Kincaid, 1984); Growl (for Amy Williams, 1995); 3 Reveries (1992)

    Label: Coviello

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