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Händel Talk in Bremers Weinkellerei mit Jud Perry, Laurence Cummings, Jorge Navarro Colorado und Carlos Wagner

Wie wird sie denn nun, die Aufführung der Oper bei den diesjährigen Internationalen Göttinger Händelfestspielen, schön oder modern? Die Frage machte natürlich auch beim 3. Händel Talk die Runde „Sie wird modern, alt und schön“ versicherte Countertenor Jud Perry und erntete fröhliches Gelächter. In Bremers Weinkellerei musste inzwischen niemand mehr zu einem Besuch der Oper „Lotario“ überredet werden. Schon das Inszenierungskonzept von Regisseur Carlos Wagner ließ aufhorchen und machte neugierig auf ein Stück über menschlichen Machtspiele. Laurence Cummings geriet dabei ins Schwärmen über Händel auf der Höhe seines Schaffens und eine Oper, in der es eine tolle Arie nach der anderen gebe. Selbst wenn sich das Londoner Publikum anno 1729 für „Lotario“ nicht sonderlich begeistern mochte, steht für den künstlerischen Festivalintendant fest, dass das musikalische Drama spätestens nach der Göttinger Premiere nur noch als Erfolg gefeiert wird.

Traditionell werden die Zuhörer mit dem letzten Händel Talk vor Beginn der Festspiele auch musikalisch auf die Opernproduktion eingestimmt, hochdramatisch gleich zum Auftakt von Tenor Jorge Navarro Colorado mit der Arie des „Berengario“. „Schwer ist die Last der Herrschaft, die Hoffnung vergrößert den Stolz“. Ihn treiben in Händels Oper finstere Machtspiele und Intrigen um, anders als seinen Sohn „Idelberto“, den Countertenor Jud Perry als Friedensstifter beschreibt. Der sei schwer verliebt in die verwitwete Königin Adelaide und zu jedem Opfer bereit, zu dem er sich auch in einer bewegenden Arie bekennt. Tobias Wolff schmachtet auch gern ein bisschen augenzwinkernd mit, wenn er den melodramatischen Titel der Arie ankündigt. „Wenn mein Verbrechen ist, eine Unschuldige von ihren Ketten zu befreien und meine Angebetete zu erlösen, ja dann liebe Mutter bin ich schuldig, dann erstich mich. Hier ist mein Herz.“

Ebenso gern geht der geschäftsführende Festivalintendant mit seinen Talk Gästen auf biografische Spurensuche. Und so erzählt Tenor Jorge Navarro Colorado, wie er über Umwege vor das Mikrofon geriet, dass er eigentlich Toningenieur werden wollte, Pop Musik Fan war, dann in Musical Produktionen mitwirkte und sich von einem Lehrer für das klassische Fach begeistern ließ. Auch die musikalische Laufbahn von Countertenor Jud Perry verlief nicht ohne Umwege. Dem amerikanische Sänger aus Tennessee, der seit 2005 in Deutschland lebt, gelang nach einer Stimmbanderkrankung einer Neuanfang, als er in die höhere Stimmlage wechselte und sich nun auch in der alten Musik zu Hause fühlt.

Regisseur Carlos Wagner wechselte auf seine Art die Seiten, nachdem ihn sein Traumberuf Schauspieler im Bühnenalltag enttäuscht hatte und dann im Musiktheater sein Ideal fand, das er als Kombination von Drama, menschlicher Leidenschaft und Musik beschreibt. Das habe ihn fasziniert, berichtet Wagner, in der starken Struktur, die die Musik vorgibt, echte menschliche Emotionen und Beziehungen zu finden.

„Worum geht es nun bei Lotario?“ fragt Tobias Wolff und die Antwort des Regisseurs fällt verständlicher aus als so manche Inhaltsgabe eines Händel Librettos. „Ein König wird vergiftet, ein paar Rivalen versuchen an diesen Thron zu kommen und dafür werden Kriege geführt.“ Bei der Annäherung an den Stoff stellte Wagner fest, dass vor allem die Machtkämpfe zwischen den Figuren das Hauptthema seien. Er beschreibt ein Kammerstück, in dem der Krieg nur den Kontext darstellt, in dem sich die Figuren gegenseitig hassen, manipulieren und Geiseln nehmen, um ihre Ziele durchzusetzen. Natürlich gehe es dabei wie immer auch um die Liebe, meint Wagner, und wie sehr sie durch diese Machtspiele unterdrückt wird oder sich auch als Gegenentwurf begreifen lässt.

Von einem Workshop bei dem Göttinger Butoh Tänzer Tadashio Endo berichtet Wagner ebenfalls, der für die szenische Arbeit mit den Solisten und für die musikalische Ausdeutung der Figuren von besonderer Bedeutung ist, um einem Text auch gestisch eine weitere Stimmungsfarbe zu geben. Für das Bühnenbild ließ sich der Regisseur mit seinem Bühnenbildner wiederum bei einem Besuch in Versailles inspirieren. Dort entdeckte er einen Raum, in dem Gemälde gelagert und restauriert werden, der auf der Bühne des Deutschen Theaters zum symbolischem Raum wird, in dem die Wände mit Kriegsbildern ausgestattet werden. Hellhörig macht auch Wagners Hinweis auf Sartres Schauspiel „Geschlossene Gesellschaft“ und einen Satz, der auf Händels Opernfiguren deutet, und wie sie sich mehr und mehr in Machtkämpfe verstricken, aus denen es kein Entkommen können: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Bis zur „Lotario“ Premiere am 19. Mai im Deutschen Theater lassen sich die Gäste des Händel Talk von Tobias Wolff nun auch gern auf eine weitere spannende Sicht des musikalischen Kriegs- und Intrigendramas einstimmen: Die Jugendoper „Beyound Doubt – Lotario“, die das „Boat People Projekt“ mit einem Team jugendlicher Darsteller und dem interkulturellen Orchester am 6. Mai erstmals im Jungen Theater präsentiert.

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