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Deutsches Theater

Die Laudatio von Tina Fibiger auf die Preisträgerin können Sie hier im Wortlaut nachlesen:

Herzlich willkommen, endlich wieder zu einer Förderpreisverleihung. So geduldig und abwartend uns die langen pandemischen Monate vielleicht gemacht haben, diese Feier war längst überfällig, um mit der Preisträgerin ein ebenso leidenschaftlich engagiertes und couragiertes Schauspiel-Team zu feiern, das sich auf der Bühne auch unter erschwerten Bedingungen dieser Herausforderung immer wieder gestellt hat. Mit uns über Lebensbedingungen, Zukunftsvisionen und die gefährdeten demokratischen Verhältnisse ins Gespräch zu kommen: Damit wir Anteil nehmen an ihren Figuren, wie sie sich ihren Konflikten und Leidenschaften stellen und ihren existenziellen Fragen und dabei eine Verständigung über mögliche Erkenntnisse suchen, an die sich ja meist weitere Fragen anschließen.

Mit dem Augenblick vor dem Gewitter beginnt ein Gedicht von Michael Krüger: Mit der vollkommen leeren Sekunde, bevor der Regen das Land besetzt und der Blitz den Schutzsuchenden kenntlich macht. Mit Gesprächen, die plötzlich abbrechen und niemand weiß, womit sich die Leere füllen wird. „Wenn alle Erinnerungen spurlos verschwunden sind“, schreibt Krüger „und du nicht mehr bist: In dieser Sekunde musst du ins Wasser gehen und das Wasser geht durch dich hindurch.“ 

Diese Vision hatte Friedrich Schiller für seine Amalie in dem Räuber/Bruder Duell nicht vorgesehen. Dass eine junge Frau mehr als nur ein geliebtes und gleichzeitig vergeblich begehrtes weibliches Anhängsel ist, das seine Opferrolle demütig annimmt und auf der Bühne Momente von Selbstbestimmtheit einfordert. Aber da ist noch eine andere Seite in Schillers Portraits einer vermeintlichen Dulderin der Verhältnisse, die dann in Markus Bartls Inszenierung in der Rolle des Großinquisitors sämtliche Finessen des strategischen Kalküls beherrscht. 

Was von diesem berechnend austarierenden Wesen lauert vielleicht auch in dieser Amalie, die sich immer wieder mit majestätischer Würde ummantelt und dann fast unberührbar erscheint? Als ob jetzt doch auch die männlichen Herrschafts-und Verhaltensrituale angemessen illuminiert werden wollen. Unsere Preisträgerin lässt uns eine andere Amalie ahnen und diesen Widerpart, der sich einer funktionalen Begrenztheit in der schlichten Opferrolle verweigert, wie sie uns in dieser Figur eine Stärke entdeckt. Das Wasser geht durch sie hindurch. 

Die Kamera protokolliert alles, was der „Der tätowierte Mann“ seinem Publikum an Bestialitäten aus seiner Zeit im KZ zumutet. Doch er verweigert seiner Chronistin den Part der aufmerksam einfühlsamen Zuhörerin, weil er selbst nicht ermessen kann, wie sehr er sich in dieser Leere verschanzen musste und mit diesem Selbsthass, der keine Empathie duldet und auch keine Verständigung. Wir sehen einer Schauspielerin im Verstummen zu, die in ihre Figur hinein hören möchte und was diese Chronik bei ihr auslöst und die nichts davon spielerisch preisgeben darf, weder in Gesten noch im Ausdruck. Fast mechanisch erfolgt der Blick auf das Skript für die nächste Kameraeinstellung. Ein Stuhl wird verschoben. An der Strickjacke zu nesteln ist auch noch zulässig, um die Unsicherheit ein bisschen abzufedern, dann die Hand, die sich an die Teetasse klammert. All das spricht am Ende aus dem Gesicht in der Großaufnahme und einer Tränenspur, die keiner Worte für die schmerzende Wunde mehr bedarf.

Sie ahnen es sicher längst… Wir feiern heute Anna Paula Muth, um sie mit dem DT-Nachwuchsförderpreis auszuzeichnen. 

Sie haben Anna Paula Muth als Amalie vermutlich besser in Erinnerung als ihr Debüt im Ensemble des Deutschen Theaters in der Inszenierung „Vögel“. Wer sich vor drei Jahren vielleicht noch gewundert haben mag, dass sie von Erich Sidler und seinem Team quasi vom Fleck weg von der Hochschule für Musik Theater und Medien Hannover engagiert wurde, kam bei der Premiere wahrscheinlich ins Staunen. 

Ihre „Alida“ verliebt sich in New York in einen deutsch-jüdischen Akademiker. Sie stellt sich auch den Vorbehalten seiner Eltern in Berlin, die ihrem Sohn seine wahre Herkunft verbergen und ihn dennoch an der Seite einer Araberin kaum ertragen mag. Bei einer Reise nach Israel, überschatte von einem Terrorattentat und weiteren Anfeindungen. wird sich dieser Alida ihrer Geschichte stellen: All dem, was sie in dieser jüdisch-palästinensischen Kampfzone prägte und was sie glaubte, hinter sich gelassen 

Schon in dieser Rolle stellte sich Anna Paula Muth den Fragen einer Frau, die um ihre Selbstbestimmtheit ringt, und was sie bereit ist, dafür in Kauf zu nehmen. Aber nicht etwa, um ihr Innenleben in der psychologischen Grundierung zu entschlüsseln, sondern sie auf der Suche nach sich selbst als anteilnehmende Beobachtern zu begleiten. Sie habe sich als Spielerin für diese Geschichte der politischen und persönlichen Verwerfungen zur Verfügung gestellt, sagte mir unsere Preisträgerin rückblickend im Gespräch. Sie sei nicht Alida gewesen und sie könnte auch nicht behaupten, alle ihre Motive und die Komplexität ihrer Beweggründe zu verstehen. Aber es sei gut, das zu erzählen.

Mit diesem reflektierenden Beobachten, ohne eine Figur zu vereinnahmen, auch die Unsicherheit zuzulassen, dass sich die Perspektive auf Innensichten und Einsichten ständig verschiebt, nimmt uns Anna Paula Muth auch als Zuschauer immer wieder an die Hand für eine Nahaufnahme und eine behutsame Introspektion. Das geschieht auch dann, wenn ihre Figuren nicht psychologisch grundiert sind und der Text zunächst keinen Halt geben will. Was zum Beispiel die beiden jungen Frauen in „Dosenfleisch“ bewegt hat, die an einer Autobahnraststätte gerne Menschen umbringen und wie befreit sie anmuten, wenn sich jetzt gewaltige Energieströme vor allem in Körperstimmen und Stimmungen entladen. Anna Paula Muth und Felicitas Madl begeben sich auf eine choreografische Tour de Force, sind Seiltänzerinnen, Akrobatinnen im gemeinsamen Kräftemessen, um den größtmöglichen Rausch, der sich von keiner Begründung oder Erklärung vereinnahmen lässt. Mag sein, dass sie zuvor innerlich verblutet sind oder dass die Lebensumstände sie zerfleischt haben. Doch etwas pulsiert weiter in ihnen, das auch in seinen zerstörerischen Kräften nicht zu bändigen ist.

Einer weiteren Herausforderung ohne Netz und doppelten Boden stellte sich die Schauspielerin in „Popup Play“, diesem labyrinthischen Diskurs um opportune und andere Parteilichkeiten im Zeitalter der medialen Beschleunigung. Wo Meinungen, Befindlichkeiten, historische Expertisen und Fake News kollidieren, spricht sie von einer spielerischen Herausforderung, bei der sich vor allem ihre Körperfantasie zu Wort meldet, die einen Text in Bewegung bringt, bei dem sich sogar eine physikalische Gleichung in ein szenisches Abenteuer verwandelt. Die kryptisch anmutende Formel nimmt einfach Gestalt an, auch ohne jetzt unmittelbar enträtselt werden zum müssen. Und wir erleben eine Schauspielerin, die sich hier mit Heinrich von Kleist verständigt, der sich in einem Brief auf Spurensuche über die Verfertigung des Gedankens beim Sprechen begeben hatte, und wie sie in dieser Inszenierung ihre Gedanken zu einem Text sichtbar machen möchte.

Die „Rheintöchter“ in Thomas Köcks dramatischen Abgesang auf den Ring der Nibelungen und die Nachwehen eines urdeutschen Mythos verstehen sich bestens. Jetzt wo es endlich um kämpferischen Aufruhr geht, formiert sich auf der DT-Bühne mit Anna Paula Muth, Andrea Strube und Jenny Weichert ein veritables Dream Team, das Göttern, kapitalen Aufsteigern und ihren intriganten Helfershelfern kräftig in die Suppe spuckt und sich auf Punktlandungen versteht. Schließlich geht es auch um weibliche Positionen in dieser pointierten Expertise der maroden Verhältnisse, während der Energiepegel auf der Bühne unaufhörlich steigt. Auch unsere Preisträgerin wünscht sich nach dieser chorischen Punktlandung ein Nachspiel mit ihren Kolleginnen in einem weiteren Bühnenprojekt, vor allem mit der Aussicht, die klassische Dramenliteratur mit widerspenstigen und eigenwilligen Frauenportraits zu unterwandern. 

Aber es gibt noch einen anderen Aspekt im Hinblick auf gebrochene Charaktere und wie sich in ihnen Machtobsessionen und Gewaltfantasien widerspiegeln, die meist den männlichen Protagonisten vorbehalten sind. Hier setzt unsere Preisträgerin auf weitere Herausforderungen. Auch als Schauspielerin kann sie mit Büchner fragen, was in uns raubt, mordet und stiehlt, ob eine Figur in dieser Männermonsterdomäne Verständnis verdient oder einfach nur eine Form der Verständigung mit. Ihr.

So wie Anna Paula Muth sich ständig auf die Probe stellt, ihre Rollen reflektiert, ihr Handwerk, ihre Neugier und ihre Hingabe, entdeckte sie uns nicht nur in ihrer Amalie eine bislang unentdeckte Seite. Es muss ja nicht gleich Shakespeares Richard III sein. Aber spannend wäre es schon zu sehen, wie das Wasser im Augenblick des Gewitters durch sie hindurchgeht. Wie es überhaupt spannend bleibt für Anna Paula Muth und für uns als Publikum.

Liebe Preisträgerin, meine allerherzlichsten Glückwünsche!

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