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Stadtkantorei

Nein, dies ist keine normale Konzertrezension. Auch, wenn man viel darüber schreiben könnte, wie unglaublich berührend Chorgesang in diesen Tagen sein kann. Auch darüber, wie die Solist:innen Johanna Neß (Sopran), Julia Fercho (Alt), Mathias Schlachter (Tenor), Jörg Gottschick (Bass) und auch das Göttinger Barockorchester mit Henning Vater entscheidend zu diesem Konzert beigetragen haben.

Wie aber kann es sein, dass in den Tagen, wo so viele Kulturveranstaltungen abgesagt werden, diese dennoch stattfinden konnte? Kantoreisprecherin Henriette Irmer sagt dazu: „Die Entscheidung das Konzert abzusagen war nicht einfach. Letztlich sind wir damit auch dem Beschluss des Kirchenvorstands St. Johannis gefolgt. Dieser hat die Empfehlung des Kirchenkreises umgesetzt und alle Veranstaltungen bis Weihnachten abgesagt. Auch wenn die Situation in Göttingen noch vergleichsweise gut war, sind wir alle vom RKI angehalten worden die Kontakte zu reduzieren, um die Ausbreitung des SARS Cov-2 Erregers zu reduzieren. Und es steht außer Frage, dass immer der Schutz von gefährdeten Personen an erster Stelle stehen muss. Jetzt aber das ganze Projekt absagen, wäre für einige fatal gewesen, auch da haben wir eine Verantwortung.“ 

Dass dieses Konzertprojekt stattfinden konnte, hat etwas mit den Mitgliedern der Göttinger Stadtkantorei zu tun, aber auch etwas mit den Umständen: seit vielen Jahren konnte die Kantorei nicht in ihrer Kirche auftreten. Große Oratorien konnten nicht aufgeführt werden, weil die eigene Kirche saniert wurde und dort kein Platz für Konzerte war. Die Kantorei hat natürlich dennoch geprobt und auch einige Konzerte als Gast in anderen Kirchen gesungen. Geprobt wurde in Lockdown-Zeiten digital, dann im Freien im Göttinger Jahnstadion und letztlich auch im Gemeindesaal von St. Johannis, dem angestammten Probenort. Und es gab nach Beendigung der Bauarbeiten in der Johanniskirche endlich die Möglichkeit, wieder als große Kantorei auf dem Podest im Altarraum aufzutreten. Und dann kam erneut Corona…

Im Chor entwickelte sich ein unbändiger Wille, dennoch weiter zu singen. Mit enormem Engagement wurde der Probenbetrieb weiter ermöglicht: im Probensaal wurden durch eine Privatspende aus dem Chor finanzierte Raumlüfter angeschafft. Die Proben wurden live gestreamt, so dass Zuhausegebliebene mitproben konnten. Im Hygienekonzept wurden die Menschenbewegungen in der Pause geregelt. Es wurde getestet und sogar geimpft: vor einer Probe hatte ein Arzt aus dem Chor Impfstoff mitgebracht, über 30 Personen wurden während der regulären Probe nebenbei geimpft – sogar Bernd Eberhardt hat die Probe kurz unterbrochen, als er beim „Boostern“ an der Reihe war.

Alle hielten sich an die Hygieneregeln, die die gesetzlichen Vorschriften deutlich übertrafen. Und so sind in den Wochen, als die Infektionszahlen in die Höhe schnellten, zwar Coronafälle im Ensemble aufgetreten. Jedoch ist kein Fall bekannt geworden, bei dem die Infektion während der Chorprobe erfolgte. Die Corona-Warn-App hätte dann mit Sicherheit bei vielen Kantoreimitgliedern angeschlagen.

Vor dem Konzert am dritten Advent wurde sogar ein choreigenes Testzentrum eingerichtet, damit wirklich alle Teilnehmer:innen frisch getestet und die allermeisten auch dreifach geimpft sicher musizieren können. Dieser enorme ehrenamtliche Aufwand ließ sich aber nicht bei dem Konzertpublikum betreiben. Deshalb musste das öffentliche Konzert abgesagt werden. Stattdessen wurde ein professionelles Filmteam engagiert, das das Konzert mitgeschnitten hat. Nun steht das Video der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Was aber hat die Menschen im Chor angetrieben, diesen Aufwand zu betreiben? Sich in diesen Zeiten eng an eng auf dem unbequemen Podest aufzustellen? Natürlich gab es auch Absagen aus dem Chor von Mitgliedern, denen das Risiko zu hoch erschien. Aber es war immer noch ein großer Chor, eben die Göttinger Stadtkantorei, die das »Magnificat« von Johann Sebastian Bach sowie die »Missa« aus der h-Moll-Messe gesungen hat.

Wenn man mit Chormitgliedern spricht, ist zu erahnen, was die Sänger:innen antreibt. Der Grundtenor ist bei allen ähnlich: das regelmäßige gemeinsame Musizieren trägt ganz wesentlich zur Gesundheit der Seele bei. „Lasst uns uns nicht von der Angst regieren, sondern uns Kraft holen durch das Lob Gottes und die Heilkraft der Musik“, hat Mareike Bremer (Alt) diesen Aspekt auf den Punkt gebracht. 

Katharina Beier (Sopran) ergänzt: „Gesundheit ist ein hoher Wert. Nach zwei Jahren Pandemie wissen wir jedoch, dass es andere Güter gibt, die massiv leiden, wenn wir sie langfristig als grundsätzlich nachrangig behandeln. Dazu gehört für mich die Kultur und ganz besonders die Musik. Es geht um eine vertretbare Balance; die haben wir meines Erachtens mit der Vorgabe strikter Regeln für alle Musizierenden gefunden. Ein Restrisiko bleibt – wie derzeit in allen Situationen des menschlichen Zusammentreffens auch.“

Gerade das aufwändige Hygienekonzept gab den Chormitgliedern ein sicheres Gefühl. „Durch das Corona-konforme, strenge Hygienekonzept habe ich mich zu jedem Zeitpunkt sehr sicher gefühlt,“ bestätigt Walter Stickan (Tenor).

Und Tobias Broda (Bass) meint: „Ich bin geboostert und habe mich persönlich unter 2Gplus für alle Mitwirkenden ohne Publikum sehr sicher gefühlt. Meiner Meinung nach war das für die Seele und die Kultur ein ganz positives Signal bei sehr geringem Risiko.“

„Was die Ansteckungsgefahr betrifft, sind wir persönlich vorsichtig, aber nicht ängstlich.  Und mit den Hygieneregeln in den Proben hatten wir gute Erfahrungen gemacht. Deshalb haben wir mitgesungen,“ sagt Jutta Stier (Sopran) – und so ähnlich klang es bei vielen Chormitgliedern. Einer sagte „Bei den Proben fühlte ich mich sicher. Zum Basketball bin ich aber nicht gegangen, obwohl ich ein Ticket hatte. Über 1.400 Menschen waren mir dann trotz Hygienekonzept zu viel.“

Die Gemeinschaft in einem Chor spielte bei den Überlegungen, den Probenbetrieb aufrecht zu erhalten und das Konzert durchzuführen, eine ganz wesentliche Rolle. „Wir sind ein „Klangkörper“. Und so wenig wie man die Tasten eines Klaviers auseinanderreißen und mit einzeln verstreuten Tasten Klavier spielen kann, so wenig kann man Chorsänger verstreut im Raum postieren und erwarten, so entstünde ein Chorklang,“ sagt Klavierpädagogin Barbara Schäfer.

Und noch ein Aspekt spielte in der Entscheidung für das Online-Konzert eine Rolle: die Situation der solo-selbständigen Musiker:innen. Sie leiden ganz besonders unter den zahlreichen Absagen jetzt in der Weihnachtszeit. Hier geht es um Existenzen. Mit der Durchführung des Konzertes wurde hier direkt geholfen. Henning Vater, der Konzertmeister des Göttinger Barockorchesters, sagt zu diesem Thema: „Ich fand es schön, dass dieses Projekt realisiert wurde, obwohl es doch, finanziell betrachtet, einfacher gewesen wäre, es ausfallen zu lassen. Von vielen Musikerinnen und Musikern kamen Statements der Dankbarkeit, dass sie spielen durften, und auch darüber, dass es keine Honorarabzüge gab, obwohl es gar keine Zuschauereinnahmen gab.“

Nun wird versucht, die hohen Kosten der Aufführung und auch der Videoproduktion durch Spenden aufzufangen. Der Verein zur Förderung der Kirchenmusik an St. Johannis ruft zu Sonderspenden zur Finanzierung dieses Konzertes auf und bittet um Überweisungen auf sein Konto IBAN DE75 2602 0001 0001 0508 89 bei der Sparkasse Göttingen.

Das Video mit dem Konzertmitschnitt erscheint im YouTube-Kanal der Göttinger Stadtkantorei.

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