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Deutsches Theater

Von wegen „Alles Lüge“. Ein Stück Vergangenheit mischt sich bei Thommy und Sandro immer wieder in die Gegenwart ein. Zwischen den beiden Brüdern ist eine Menge Gras gewachsen, das sie auch jetzt nicht einfach platt stampfen können. Es gibt sie immer noch, die gemeinsame Geschichte, die dann im Wiedervereinigungskräftemessen zersplitterte. Ihr widmet sich Regisseur Niklas Ritter mit seinem Schauspiel-Team am Deutschen Theater in einer gemeinsamen Spurensuche mit Texten, die musikalisch einen besonderen Rückhalt bekommen haben. Wie Echos einer gemeinsamen Sehnsucht klingen die Songs von Rio Reiser und die Lieder von Gerhard Gundermann, die sich über die ökonomischen und sozialen Verwerfungen in diesem deutsch-deutschen Wunschpaket hinweg verständigen.

Bühnenbildner Alexander Wolf hat dem Bühnenraum ein illustres Mauerwerk verpasst, in dem die erhofften blühenden Landschaften ziemlich ramponiert anmuten. Im Verlauf der musikalisch-szenischen Chronik wird davon Stück für Stück wegbrechen und den Dialog des Schauspielteams mit der Band im Hintergrund auch visuell bestärken. Doch zunächst rahmt sie das Kräftemessen, dem sich Thommy und Sandro mit Lebensgefährten und Ex-Freundinnen nach dem Tod der Großmutter stellen, wie eine sprechende Tapete, die sich ständig in die Begegnungen einmischt. Auf ihr spiegeln sich die Bilder, über die nicht so gern geredet wird, bis sie wegbrechen und eine weitere Leerstelle hinterlassen, in der die Musik dann einfach weiter spricht um von den ersehnten und den bedrängten Freiräumen zu erzählen.

„Immer wieder wächst das Gras“ singt Roman Majewski, während sein Sandro in die Sehnsuchtsräume von früher eintaucht. Verdunkelt wurde der Bühnenraum für die einsame Gestalt am Mikrofon, bis sich die Gegenwart zu Wort meldet. Die Brüder haben sich seit 20 Jahren nicht gesehen und über Thommys Erinnerungen ist auch kein Gras gewachsen. Volker Muthmann lässt Thommys anhaltende Wut über eine Ära der Enttäuschungen und der Niederlagen rumoren. „Zauberland ist abgebrannt.“ Die Wehmut muss in dem Song verweilen. Schließlich hat Freundin Paula (Gaia Vogel) ja damals auch bald die Weite im Westen gesucht. Sie ist vermutlich ebenfalls aus sentimentalen Gründen zur Beerdigung der Großmutter angereist, auch wenn jetzt die Momentaufnahmen von früher eine andere Geschichte erzählen, als noch von blühenden Landschaften die Rede war.

Regisseur Niklas Ritter lässt 30 Jahre Wiedervereinigung in musikalischen und szenischen Flashbacks Revue passieren. Damals gab es noch herzhaft klaren Ansagen von Großmutter, die Gaia Vogel portraitiert. Wie sie den Alltag nicht nur praktisch sondern auch liebevoll erdete, egal was die politische Großwetterlage gerade verkündete. Dann outet sich halt ein Enkel, während der andere gerade seine letzte Schicht als Baggerfahrer schiebt, weil das Braunkohlewerk abgewickelt wird.

Auch um die Beziehung zwischen Paula und Thommy steht es nicht zum Besten, wenn sie sich in die Konsumoffensive stürzen, Schulden häufen und Geschäftsideen und die Biervorräte ständig aufgefrischt werden müssen. Da kommt die Vision von Freiheit und Abenteuer gerade recht, wie sie Moritz Schulze als smarter Zigarettenvertreter Dennis im Cowboy Outfit offeriert. Kistenweise stapeln sich jetzt auf der Bühne die nutzlosen Go-West-Requisiten. Nicht nur Sandro, der sich in Dennis verliebt hat, wird dem Go-West Aufruf folgen und sein Coming out mit ihm als Musiker und Sweet Transvestite feiern und genießen. Auch Paula flüchtet vor der wohnlichen Bedrängtheit von Spüle, Ledersessel und Stehlkampe in das Loft-Ambiente auf der linken Bühnenseite und vor allem weg von diesem Typen im Bademantel, der nur noch frustriert abhängt. Rio Reisers „Halt Dich an Deiner Liebe fest“ wird den Riss nicht mehr kitten und auch auf der Go-West- Route verloren gehen, so befreiend frech „Wenn ich König von Deutschland wäre“ dann mit historischen Perücken, wallendem Königsmantel, Strapsen und Petticoat zelebriert wird. Die Zeit ist reif für eine Mutprobe und die Einzelkämpferin, die ihre Kittelschürze für das kleine Schwarze ausgemustert hat: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“.

Niklas Ritter und sein Schauspiel-Team lassen immer wieder Klischees und alternde Vorurteile auflaufen. Sei es über die Treuhand und die Versprechungen einer Wettbewerbsgesellschaft, auf die kein vereinigtes Gewinnstreben erfolgte und auch keine automatische Anpassung an demokratische Parteilichkeiten und Verkehrsformen. Vieles was im Rückblick nicht zusammengepasst hat oder noch lange nicht zusammenpassen wollte, wird in Form einer launigen Introspektion erzählt, der sich die Schauspieler:innen mit ihren Figuren stellen. Die Vergangenheit will einfach nicht die Klappe halten, egal ob sie jetzt ironisch, nachdenklich oder wütend befragt wird, was in diesem Culture Clash der politischen, sozialen und ökonomischen Lebenswelten alles schief gelaufen ist und was nicht und wie es dabei zu biografischen Risse und Brüchen kam. Den immer noch kursierenden Ost-West Parteilichkeiten, die in den Szenen auch gerne provokant umspielt werden, verweigern sich die Songs wie kämpferisch sehnsüchtige Statements, die die Begegnung suchen und die berührende Nähe und darin die Figuren bestärken, nicht klein beizugeben, wenn sie in sich hinein hören.

In der Vorstellung, die für den Live-Stream aufgezeichnet wurde, bilden Michael Frei, Rolf Denecke, Manfred von der Emde und Hans Kaul das musikalische Team, das mit Drums, Piano, Gitarre, Bass und Akkordeon die Bühnenatmosphäre von Anfang an emotional flutet. Niklas Ritter hat auch seine Lichtchoreographie auf die wechselnden Kameraperspektiven abgestimmt und lässt die Scheinwerfer effektvoll zirkulieren, wenn sich der Bühnenraum für die Songs erneut verdunkelt. Von Online-Formatierungen will sich dieser Liederabend auch in den visuellen Effekten nicht bedrängen lassen. Sie kontrastieren und vertiefen die Wirkung von Songs und den Szenen für das Bildschirmpublikum bis es endlich an der Zeit für eine dritte Live-Premiere ist und einen Theaterabend ohne Fernbedienung oder Display in der unmittelbaren Begegnung.

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