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Literarisches Zentrum

Was du den bergen zurufst, schluckt das weiß – die || abhänge haben dich verraten -, während du talwärts || gehst, während du gehst. All die weißwäsche, die || zwischen den häusern hängt. Als könnte die landschaft || vergessen, wer sie ist. Bildhafte Sprache ist nur eines der hervorstechenden Merkmale, das Ronya Othmanns Lyrikdebüt die verbrechen auszeichnetErschienen 2021 im Carl Hanser Verlag München, wurde es jüngst in den Kreis der Lyrikempfehlungen 2022 aufgenommen.

Die 1993 in München geborenen Schriftstellerin beschwört an diesem Abend im Gespräch mit Christian Metz eine Landschaft aus Sand, mit verdorrten Flüssen, Lehmhütten, hier und da ein Tempel. Eine Landschaft des Ostens, des Nahen zwar, der von hier aus jedoch häufig weit weg scheint. Metz, Literaturkritiker und Professor für Literatur an der RWTH Aachen, der von Literaturhausleiterin Anja Johannsen „Kurator fürs Lyrische“ genannt wird, erhebt nur gelegentlich die Stimme, zumeist ist es Othmann selbst, die liest, erzählt, berichtet. Beide kennen Göttingen schon, haben bereits hier gelesen bzw. moderiert. Das Literaturhaus am Standort Nikolaistraße jedoch ist für beide neu.

die verbrechen – Othmanns Erläuterung des Titels zu Beginn der Lesung fügt sich Merz' zuvor ausgesprochener Warnung, dass kein „der Welt entrückter Abend“ folgen werden, wie man es von Lyriklesungen vielleicht gewohnt ist. die verbrechen, das sind vor allem Verbrechen des sogenannten Islamischen Staates an Menschen, an Heimat, an Natur. die verbrechen – das ist eine Synthese von Vertreibung und Flucht mit einem Modus lyrischer Verarbeitung, der seinesgleichen sucht. Den Andrang – und das ist bei Lyrikbänden besonders hervorzuheben – am Büchertisch der Buchhandlung Calvör, die die verbrechen sowie Othmanns 2020 erschienenen Roman Die Sommer anbietet, gibt es bereits vor Beginn der Lesung. Nach deren Ende setzt er sich unvermittelt fort, ergänzt durch Signierminuten mit der Autorin.

Es ist diese Mischung von persönlichen Erfahrungen und gesamtpolitischen Ereignissen, die den besonderen Reiz von Othmanns Gedichten ausmacht. Zurecht spricht Moderator Metz mehrfach von „Verwebungen“. Verwoben zum Gesamtgefüge des Textes sind Laute, Wörter, Verse, sind mit ihnen sprachliche Bilder, sind Othmanns Erfahrungen und die inhaltlichen Ebenen ihrer Gedichte.

So erzählt Othmann im freien Gespräch mit Metz immer wieder von den eigentlichen und sehr realen Hintergründen ihrer Gedichte. Davon, dass sie sich nicht bewusst entschieden hat,    historische Ereignisse und damit verbundene Erfahrungen kultureller Gedächtnisse aufzugreifen, sondern als Kind eines jesidisch-kurdischen Vaters untrennbar mit diesen aufgewachsen ist: „Man bekommt eine Heimat vermittelt, in der man nicht lebt“. Aber auch von Recherchereisen in den Nahen Osten berichtet sie, von Völkern, die nicht mehr wissen, dass sie einst jesidisch waren, von uralten Kinderspielen, die als letzte verbleibende Träger einer vergessenen Vergangenheit fungieren. Im Wechsel dazu trägt sie Gedichte vor, die das Geschilderte in Verse fassen. Dies zeigt einmal mehr den besonderen Wert von öffentlich gestalteten Lesungen im Vergleich zu stiller Lektüre. Abzuwarten bleibt, ob eine spätere Ausgabe von die verbrechen mit ebensolchen Erläuterungen versehen sein wird – der Aktualität wie der Wortgewalt der Gedichte tut das Fehlen dieser jedoch bei Weitem keinen Abbruch.

Eine Figur spielt in nahezu jedem von Othmanns Gedichten eine Rolle, schafft eine Kontinuität durch die gesamte, von Merz so betitelte „Verbrechenslandschaft“. du schreibst auf, was du in rotbuchen liest. || eines tages gehst du in den krieg und bringst || deiner großmutter ihren verstand zurück – was du zurücklässt, ruft dich nachts, || folgt dir auf dem weg zum supermarkt, || wartet auf dich an der haltestelle in diesem || mangel an licht. - wo die stadt liegt, die du immer suchst, findest du || nur noch ihren namen. Das Du vermag es, Identifikation mit einer dem Leser nur durch Nachrichten bekannten Welt zu erzeugen, man sieht in der Ferne weiße Berge, stapft an  ausgetrockneten Flüssen entlang, steht vor den Gräbern der Verwandten. „Das Du kann ein Ich sein, wenn man mit sich selbst spricht, oder eine andere Art von Gegenüber. Jeder kann Du sein“, fasst Othmann ihre Empfindung in Worte.

du hast das sprechen gelernt wie das laufen und || bist gefallen. Dieses Du aus garn, zwirn, faden, stich füllt seine Tage aus mit Melonen, Melonen, die gegesssen, getrunken, getragen werden. Und Melonen sind es, die sich auf dem Cover des Gedichtbandes wieder finden, Melonen in der Widmung an Othmanns Großmutter, mit der sie solche früher ernten ging. Dieses Du trägt auch das gewicht der sonne auf der stirn, eine sensibel-sanfte Darstellung der sengenden Hitze Syriens. Man sieht den realen Landschaften aus Othmanns Gedichten zunächst nicht an, welcher Schrecken dort tatsächlich herrschen kann, man hört (und sieht) auch Othmanns Gedichten nicht sofort an, von welcher Schwere sie künden.

Ob ihr Werk eine Erweiterung des Wissensfundus darstellen könne, fragt Merz die Schriftstellerin zum Ende der Lesung. Othmann wehrt ab. Sie habe sich ihre Themen nicht ausgesucht, es sei ihr bloßes Glück, dass sie die Debütantin darin sei. Das mag stimmen. In jedem Fall aber sind Othmanns Gedichte, wie Merz treffend abschließt, ein großer Glücksfall für die deutschsprachige Lyrik.

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