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Deutsches Theater

»Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute«

Als Video wird die Erzählung einer vergeblichen Flucht des Bären auf die grauen Bühnenwände geblendet, wenn Roman Majewski von der Treibjagd berichtet und wie sehr er seine Mutter und seine Schwester seitdem vermisst. In der tierischen Gesellschaft, die seine Ankunft in einem Güterwaggon beobachtet, macht sich die Gestalt in dem zotteligen Mantel auch schon bald unbeliebt. So neugierig wie das Murmeltiermädchen (Rebecca Klingenberg) sind weder Mama Murmeltier (Angelika Fornell) noch Herr Mufflon (Florian Eppinger. Auch auf sie hat Papa Pavian (Marco Matthes) ein waches Auge. Man sollte sich gutstellen mit den gestiefelten Nachbarn auf der anderen Seite des Zauns und vor allem manierlich posieren, wenn die am Wochenende mit ihren Familien Spaß an der bunten Menagerie haben wollen.

In dieser Gemeinschaft von Angepassten und Ängstlichen, Wegsehern und folgsamen Mitläufer, stört der Bär, der ständig etwas wissen will, das ihn nichts anzugehen hat. Wo sind die zwitschernden Vögel geblieben? Warum wird der Junge, der vor Todesangst zitterte, als er eine Honigschale in das Bärengehege brachte, am nächsten Tag einfach erschossen. Und was hat es auf sich mit dem älteren Gestreiften, der sich mit einem Verzweiflungsschrei über die Leiche beugt und sich dann in den Zaun stürzt, dass die Funken nur so sprühen und blitzen?

Jens Raschkes Szenario ist für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren gedacht, die aus der Perspektive von Zootieren etwas über den Alltag in einem Menschen vernichtenden System erfahren. Es sei kein Stück über das Konzentrationslager Buchenwald, schreibt der Autor im seinem Vorwort über das, was das Nashorn sah, als es auf die Seite des Zauns schaute, sondern ein Stück über die Frage: Bär oder Pavian? Sein Text lebt von poetischen Bildern, verspielten und auch witzigen Momenten und von der Phantasie, mit der Regisseurin Katharina Ramser und ihr Ensemble die Motive berührbar machen. Es gibt erzählerische Passagen in denen die Schauspieler:innen wie Chronisten der Zebrawesen berichten, was auf der anderen Seite des Zaunes passiert, um sich gleich darauf wieder in Mufflons mit mächtigen Hörnern zu verwandeln. Mit einem kleinen Zahngestell lässt sich wunderbar Murmeltier mäßig lispeln und weil sich das Schwanenpaar so gern auf eine französische Lebensart verständigt, promeniert Marco Mathes dann stilvoll als „Mössiö“ über die Bühne, anstatt in Pavian-Manier auf einem Baumstamm die Stellung zu halten. Anpassung ist angesagt. Schließlich soll es weiterhin gut versorgt im tierischen Miteinander zugehen. Und was sich da zwischen den hässlichen Barracken und den manierlich anmutenden Gebäuden abspielt, ist ja alles nicht so schlimm, wie es aussieht, selbst wenn jetzt die Flammen aus dem Schornstein schlagen.

Es sind immer noch die Geschichten von verwaisten Kindern, brutalsten Misshandlungen, Todesängsten und brennenden Körpern, aber sie werden in Träume eingebettet und in die Vorstellung von einer Realität, der sich das Stück und die Inszenierung auch in den poetischen Bildern behutsam annähern. Auch der Bär träumt seinen einsamen Traum, dass da zwei Bärensterne aufleuchten, weil er sich nach seiner Mutter und seiner Schwester sehnt. Doch er kann nur einen trostlosen Himmel imaginieren, in dem ein alter Mann so vielen verbrannten Kinder begegnet, von den immer wiederAscheklumpen abfallen und sie alle ungetröstet lässt. 

Am Flügel versammeln sich die Zoobewohner zu einem gemeinsamen Chor mit einer musikalischen Fantasie über den drohenden Abschied vom Leben. Und doch ist das Instrument auch ein kuscheliges Plätzchen, bis es erneut als Videoprojektion an der grauen Fassade als brennendes Fanal erscheint, von dem am Ende nur noch der skeletthafte Rahmen erhalten bleibt. Der Bär hat inzwischen die Spur seines Vorgängers aufgenommen, der sich einen Tunnel gegraben hatte, und verstopft nun mit seinem Körper diesen unsäglichen Schornstein. Jetzt weiß er auch, was das Nashorn spürte, so dass ihm in einer Winternacht das Herz zersprang, währen zarte Flocken auf die Bühne rieseln – auf dieses traurig schöne Theaterwunder, das niemand unberührt lässt.  

 »Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute« hatte am 2. Oktober 2021 Premiere im Deutschen Theater. Weitere Vorstellungen stehen am 24. Oktober sowie am 23. November auf dem Spielplan, der Beginn ist jeweils um 18 Uhr.
   
   
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