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Junges Theater

Junges Theater 

Premiere von »Bürgerdenkmal«

Ein Labyrinth von Gedankensplittern

Am Wall genießen nicht nur die Herren Gauß und Weber eine denkmalgeschützte Aussicht auf die Bürgerstraße. Die hat auch Gottfried August Bürger bekommen, allerdings mit weniger öffentlicher Aufmerksamkeit. Die Ballade Lenore machte den jungen Dichter einst berühmt und auch sein letzten Werk über die Abenteuer des Baron Münchhausen. Aber neben seinem literarischen Credo für eine engagierte Volksdichtung sorgte vor allem sein Lebenswandel für Aufruhr. An eine Chronique scandaleuse erinnert deshalb auch die dramatisch komödiantische und immer auch turbulente Begegnung mit dem literarischen Ruhestörer, die Peter Schanz für das Junge Theater schrieb und inszenierte. Provokant und nachdenklich wird das Bürgerdenkmal mit all seinen Widersprüchen bestürmt und in Frage gestellt.

Eine kolossale Wand von Umzugskisten türmt sich auf der JT-Bühne, manierlich beschriftet mit Hinweisen auf Alltägliches und Besonderes im Leben von Gottfried August Bürger. Neben reichlich Hinterlassenschaften über wichtige und unwichtige Ideen, gerichtliche Eingaben, Geschirr und Bettzeug bergen sie auch die Vorräte an Altlasten noch mehr Lyrik, Liebeslyrik und erotischer Lyrik, die der Dichter seinen schamhaft empörten Zeitgenossen ebenfalls zumutete, nachdem er mit seiner Lenore im Stil eines Popstars gefeiert worden war. 

„Die Mutter aller Balladen“ kündigt Jens Tramsen an, der sich im Bündnis mit Agnes Giese und Jan Reinartz das Bürgerdenkmal bestürmt. Hochdramatisch mit all den schaurig schönen effektvollen Wortbildern rezitiert Jan Reinhardts diesen nächtlichen Alptraum, den Steffen Ramswig am Klavier mit Zitaten aus der berühmten Vertonung von Franz Liszt kommentiert. Dann widmet sich das Schauspiel-Team den biografischen Bruchstücken und all den persönlichen Hinterlassenschaften Bürgers und was davon eigentlich zu halten ist; sowohl aus seiner Sicht und auch aus einer zeitgenössischen Perspektive. 

Das Szenario von Peter Schanz verweigert sich einem chronologischen roten Faden, weil entscheidende Ereignisse im Leben Bürgers immer wieder anders nachwirkten. Die Liebeslyrik, die der poetische Gefährte des Göttinger Hainbundes und Herausgeber des Göttinger Musenalmanachschrieb, bekam eine essenzielle Bedeutung, als der spätere Amtmann seiner große Liebe Molly begegnete. „Dumm nur, dass ich ihre Schwester geheiratet habe“, sinniert das Bürger-Trio auf der Bühne, das Bürgers geschäftstüchtigen Verleger ebenso aufruft, weitere Bestseller im Stil der Lenorezu produzieren wie Goethe und Schiller, die sie in monumentaler Pose zu Schau stellen und wie sie sächseln und dabei gnadenlos über einen Zunftgenossen lästern, der sich stilistisch mit dem Volk gemein machte. Dass Georg Büchner an die politische Stimme Bürgers und seine Antikriegsgedichte anknüpfte, steht auf einem anderen Blatt und auch die Widmung Heinrich Heines für den Dichterfürsten, der zum Dichteramtmann werden sollte, und sich zwischen bürokratischen Eingaben und Familienpflichten zerrieben fühlte. 

Auf der Bühne herrscht ständig Hochspannung, wenn Jens Tramsen, Agnes Giese und Jan Reinartz den inneren und äußeren Aufruhr bei Gottfried August Bürger in wütende und depressive, ironische und auch selbstmitleidige Ausbrüche verwandeln. In diesem Labyrinth von Gedankensplittern kommt der ewig rotierende Unruhegeist nicht zur Ruhe, der sich nach der Einsamkeit eines Eisbären sehnt und stattdessen in dörflichen Drecknestern strandet, Göttingen als Rattenloch der Vetternwirtschaft erlebt und als Hundekaff, das nichts anderes vermag, als gelehrt zu tun. Ebenso turbulent gestaltet sich die ironisch überzeichnete Zwischenbilanz mit einem Puppenspiel über die vielen manchmal verwirrenden Eskapaden, die in diesem Bürgerdenkmal wüten und sich nach dem Tod der geliebten Molly in Göttingen zuspitzen. 

Es gibt ein letztes widersprüchliches Kapitel in dieser Chronique Scandaleuse, wenn der Dichter die Untreue seiner dritten Ehefrau Elise alle verbalen Bösartigkeiten abruft, um ein Frauenbild zu demonstrieren, das ihn als narzisstischen Zeitgenossen entlarvt, der dabei nicht nur die letzten Sympathien seiner Zeitgenossen zertrümmert. 

Aus dem „ganz unwunderbaren Leben des Gottfried August Bürger“, wie es der Germanist Gerhard Lauer in einer Studie bilanzierte, wird in der Inszenierung von Peter Schanz ein grelles Spektakel. Die Aufforderung „Denkmal über Bürger“, die im Titel „Bürgerdenkmal“ anklingt, wird effektvoll in Szene gesetzt. Aber sie bestätigt letztendlich die Lesarten, Kommentare und Spekulationen über einen poetischen Stürmer und Dränger, anstatt sie in einer dramatischen Nahaufname auch mal in Frage zu stellen.

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