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Bad Gandersheim

Allerdings ist nicht nur diese Holly stets präsent, sondern auch die seltsame Galerie von Gestalten, die schon bald ihr Appartement stürmt. Der Schauspieler kommentiert sie nicht nur, er lässt sie an diesem Abend einfach alle auftreten und wird für dieses Frühstück bei Tiffany zum vielstimmigen Verwandlungskünstler.

Regisseurin Linda Riebau hat die Bühne mit vielen mehrdeutigen Requisiten ausgestattet. Zunächst lässt der Raum an ein Stillleben denken, in dem sich Erinnerungsspuren angesammelt haben. An der Garderobe hängen Handtasche, Perlenkette und Sonnenbrille, weil sie in mehreren Episoden eine Rolle spielen, genauso wie das Plüschpferd, das auf der Anrichte posiert, oder das Bett, das mit seidigem Glanz veredelt wurde. Auf dem leeren Tisch halten die Bleistifte im Glas die Stellung, bis sie als Zigarettenspitzen zum Einsatz kommen und das Fenster an der Bühnenrückwand lässt nicht nur auf eine symbolische Feuerleiter wie auf einen Fluchtweg blicken, sondern auch auf Hollys Aufstiegsträume und die Absturzgefahren. Noch muss sich das wagemutige Glamourgirl für alles und jeden prostituieren, aber es ist ihre Show und davon wird sie niemand abhalten. 

Jan Kämmerer wird immer wieder nach einem Requisit greifen und sich dann mit dem Martiniglas in der Hand an eine turbulente Nacht erinnern, als Hollys vorübergehende Mitbewohnerin Meg mal wieder aus der Rolle fiel. Dann nimmt seine Stimme einen schrillen Tonfall an; anders als bei den vielen älteren Galanen, die ständig klingelten. Da genügt manchmal schon, wenn er die die Tür an der Bühnenseite aufreißt, über die Schwelle nach draußen tritt, um die Episoden mit diesem kindisch verspielten Millionär Revue passieren zu lassen und was es mit diesem Brasilianer auf sich hat, den Holly sich für ihre Zukunftsträume angeln möchte. Natürlich wird sich der Schauspieler mit ihr auch in diesem Bühnenraum am Schaufenster von Tiffany spiegeln, weil dort Glanz, Glamour und Wohlstand so souverän zur Schau gestellt werden. Er wird mit ihr einen wilden Ritt durch den New Yorker Stadtpark riskieren, ihr Mafia-Fiasko abmildern und auch ihren Ehemann und die Flucht aus einer Geschichte von armseligen Überlebenskämpfen in die Flucht schlagen.

Hatte Jan Kämmerer zunächst noch einen anderen Tonfall, wenn er Holly mit ihren markanten Sprüchen und ihrem unbeirrbaren Lebenselan zu Wort kommen ließ, überlässt er ihr schon bald seine Stimme und vertieft sich auch so in eine ganz besondere Beziehung, wie sie Truman Capote auch in seinem Roman befragt. Die hat wenig mit der Hollywood Romantisierung zu tun, in der Audrey Hepburn als liebenswerte Streunerin mit einem Happy End bedacht wurde. Erzählt wird an diesem Abend vor allem eine Geschichte einer Freundschaft ohne Wenn und Aber, die Turbulenzen, Widersprüche und Irritationen aushält und dabei immer mehr auflebt. Es geht um Vertrauen und um die Momente von Nähe, wo keiner Glücksversprechen machen muss. Hoffnungen und Illusionen dürfen immer wieder beflügeln ,aber nur solange ihre befreiende Wirkung anhält. Diese Holly wird auch in Brasilien auf einen lukrativen Sponsor und materielle Sicherheit setzen und nicht auf riskante Gefühlstürme, während der Chronist ihrer gemeinsamen Zeit etwas über sich selbst begreift, wie sehr er sich in ihr wiederfindet. In der Figur des jungen Schriftstellers mag sich Truman Capote in seiner Homosexualität widerspiegeln. Aber wenn Jan Kämmer zu Lippenstift und Rouge greift, eine Perücke im Stil von Hollys frechem Kurzhaarschnitt aufgreift und sich in Seide hüllt, verwandelt er sich am Ende auch in einen Erinnerungschronisten, der für den Moment ganz bei sich ist und endlich liebevoll. Auch dafür umarmt ihn sein Publikum im Probenzentrum der Gandersheimer Domfestspiele mit Standing Ovation.

 Truman Capots »Frühstück bei Tiffany« hatte in der Inszenierung von Linda Riebau am 26. Juli 2022 Premiere bei den Gandersheimer Domfestspielen. Weitere Vorstellungen stehen bis zum 10. August auf dem Spielplan. Weitere Informationen gibt es auf www.gandersheimer-domfestspiele.de 
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