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GSO

Kaum ein Land ist musikalisch so fest verschweißt mit einer einzigen Melodie, wie es Norwegen mit der Flötenlinie zu Beginn von Edward Griegs Morgenstimmung ist. Diese berühmte Melodie aus der Peer-Gynt-Suite beschwört eine silbrig verträumte Stimmung, den Sonnenaufgang über dem Fjord vor wilder Bergkulisse – es scheinen Synonyme für das gewisse skandinavische Feeling. Griegs musikalische Landschaftsmalerei bestimmt in der europäischen Imagination den Klang von Norwegen – doch worauf gründet sich dieser Klang eigentlich? Dieser Frage konnte man bei dem Konzert „Länderporträt: Norwegen“ des Göttinger Symphonieorchesters im Deutschen Theater nachgehen (in dem die Morgenstimmungnatürlich nicht fehlen durfte). 

Dabei wurde deutlich, dass der skandinavische Klang eigentlich ein Produkt aus Deutschland ist: Wie Dirigent Pavel Baleff dem Publikum humorvoll erklärte, verbrachten alle wichtigen norwegischen Komponisten, die in dem Konzert teilweise neu zu entdecken waren, ihre Studienzeit am Leipziger Konservatorium. Die norwegische „nationale Schule“ der Komposition wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den strengen Augen von deutschen Musikprofessoren wie Carl Reinecke entwickelt, mit Vorbildern wie Felix Mendelssohn und Johannes Brahms. Die romantische Sinfonik, ihr warmer Sound und harmonischer Farbenreichtum, ihre Orientierung an klassischen Formen: All dies klingt unter dem „volksmusikalischen“ Kolorit der Werke durch, die an diesem Abend zu hören waren. Das 19. Jahrhundert war als Jahrhundert der Nationalbewegungen eine Zeit, in der auch in der Musikwelt nach nationaler Identität gesucht wurde: So setzte sich die junge norwegische Komponistengeneration um Edward Grieg und Johan Severin Svendsen das Ziel, auch in der sinfonischen Instrumentalmusik eine eigenständige norwegische „nationale Schule“ zu entwickeln, wie es Bedrich Smetana und Antonín Dvořák für den tschechischen Kulturkreis vormachten. Dennoch wollten die norwegischen Komponisten, ähnlich wie die böhmischen, als Teil der europäischen Kunstmusik betrachtet werden. Und diese wurde im Bereich der Sinfonik von einem Kanon deutschsprachiger Komponisten dominiert – eine Ausbildung in Leipzig galt damals als Goldstandard der Komposition.

Was das Konzert des GSO leistete, war eine Entdeckungsreise jenseits der Dauerbrenner Griegs, der Peer Gynt Suite und der Norwegischen Tänze op. 35 (von denen einer als schwungvoller Einstand erklang). Mit Johan Svendsen, Johan Halvorsen und Catharinus Elling stellte das Orchester Vertreter dieser Generation vor, die heute weitaus seltener live zu hören sind.

Svendsens dritte Norwegische Rhapsodie, eines der Gründungsdokumente der norwegischen Schule von 1876, bestärkte Grieg erst zum Einschlagen der „nationalen“ Richtung. Die Form der symphonischen Dichtung, die sich hinter dem Titel „Rhapsodie“ verbirgt, ermöglicht eine freie Gestaltung imaginativer, „dichtender“ Musik. Svendsen vereint in diesem Rahmen jenseits von akademischen Formen immer neue Tanzsätze zu einem vielseitigen Klanggemälde, dessen Themen immer neue Kombinationen der kleinteiligen Drehfiguren sind, aus denen die Tanzmelodien Norwegens bestehen. Das „Volkstümliche“ klingt in der rhythmischen Neuheit der unregelmäßigen Phrasen, die sich leicht gegeneinander verschieben. So kann sinfonische Musik den authentischen Klang einer ethnisch gebundenen Musiktradition annehmen – ganz ohne dass der Hörer dies aufgrund eigener Kenntnisse überhaupt verifizieren könnte, und ganz ohne den Rahmen der vertrauten Dur-Moll-tonalen Harmonie und der klassischen Instrumente zu verlassen. Nur manchmal klingt in den Melodien noch die Erinnerung daran an, dass sie aus einem traditionellen modalen Tonsystem stammen, wo sich immer wieder ein „tonleiterfremder“ Ton einschleicht. Volksmusik ist Kolorit geworden.

Das GSO unter Baleff bringt den Elan des Vorwärtsdrangs von Svendsens Musik auf die Bühne, bemüht sich aber in erster Linie darum, einen vollen Klang in die trockene Akustik des Deutschen Theaters zu zaubern. Das gelingt durch die schöne Grundierung der harmonietragenden Stimmgruppen, der Holzbläser- und Hörnersätze und dem verbindenden Dirigat Baleffs. Die Streicher bleiben jedoch im Klang immer relativ körnig-präsent, überzeugen aber mit gutem Zusammenspiel.

Die Akustik im DT wird auch zum Problem der Violinistin Ragnhild Hemsing, die das völlig unbekannte Violinkonzert von Catharinus Elling präsentiert. Dass dieses Werk von 1918 nicht im Repertoire der Geiger angekommen ist, zeigt einmal mehr das unselige Bündnis von Fortschrittsgedanke und der germanozentrischen Kanonbildung in der Musikgeschichtsschreibung. Denn Elling, Volksliedsammler, Konservatoriumsdozent und Dirigent in Norwegen, hat mit dem Konzert ein spätromantisches virtuoses Kleinod geschaffen, das in seiner musikalischen Sprache eher retrospektiv als avantgardistisch ist. Dennoch ist es voller Unangepasstheit in seinen leidenschaftlichen, frei schweifenden Geigenkantilenen, überraschenden rhythmischen Strukturen und virtuosen Passagen. Immer wieder schälen sich in diesem pulsierenden Gewebe Ruhepunkte mit lyrischen Melodien heraus, an denen der nostalgische Code der norwegischen Schule ausgekostet wird. Schade, dass die Geigerin Hemsing kaum Klangschönheit entwickeln kann: Die Akustik bietet wenig Resonanz und der Klang ist relativ flach durch die geschluckten Obertöne. Dem kann Hemsing nicht ausreichend begegnen, da sie keine größeren Bögen und Verbindungen zwischen den Tönen schafft, die den Klang atmen lassen. Ihre energische und selbstbewusst akzentuierende Spielweise füllt die Musik mit Charakter, klingt aber zuweilen unorganisch. Gerade im letzten Satz des Konzerts überträgt sich ihre Energie nicht auf Dirigent und Orchester, die Parteien geraten aus dem Gleichschwung.

Dass Hemsing dennoch eine eigene Sprache auf ihrer Geige spricht, mit der sie zurzeit zunehmend auf den Podien Europas ankommt, zeigte sich bei der zweiten Neuentdeckung des Programms. Die Theatermusik-Suite Fossegrimen von Johan Halvorsen (1905) ist ein Schritt in Richtung einer norwegischen Musik, die mit der autochthonen Musikkultur ernsthafter umgeht. Helsing spielte die Hardanger Fiddle, die als Soloinstrument in dieser Partitur mit authentischen Spieltechniken eine tatsächlich norwegische Klangwelt aufmacht, die in ihrer Radikalität nicht in die spätromantischen Zusammenhänge assimiliert wird. Stattdessen komponiert Halvorsen teilweise eine Art Dialog von modaler Melodik der Solistin und Orchesterpassagen in der erweiterten Dur-Moll-Harmonik. Die Hardanger-Fiddle mit ihrem flachen Steg wird als Borduninstrument gespielt, da der Bogen durch den flachen Saitenwinkel kaum nur eine Saite allein streichen kann. Zum kontinuierlichen Bordunton einer leeren Saite treten virtuos ornamentierte Figuren auf der angrenzenden Saite, die ihre modale Tonleiterzugehörigkeit wechseln, je nachdem, welche zwei Saiten gerade angestrichen werden. Ein Satz aus der Suite enthält sogar einen unbegleiteten Halling, einen norwegischen Volkstanz namens „Fanitullen“, der aus traditioneller Überlieferung stammt und den Halvorsen lediglich für die Geigen-Stimmgruppe mit der Fiddle setzt. Die GSO-Geigen, die ihre tiefste Saite auf die Stimmung der Fiddle umstimmen müssen, klingen wie eine Gruppe Musiker in der Kneipe, die spontan einen Tanz aufspielt: ungeschönt, nicht ganz zusammen und mit Spaß in den Gegenbetonungen pulsierend, die gegen die foot taps des Grundschlags gesetzt werden und den ganzen Reiz dieser Musik ausmachen.

Dass Hemsing sich zur Mission gemacht hat, dieses Instrument in die Konzertsäle zu bringen und die Grenze zwischen kanonisierten „klassischen“ Musikinstrumenten und „nichtklassischen“ Instrumenten und den daran hängenden Spielkulturen zu hinterfragen, ist ein wunderbarer Beleg für das gestärkte Interesse der Konzertszene an Vielfalt und der Überwindung von alten Grenzziehungen. Dabei ist gerade der Blick auf die Pioniere dieser Überschreitung in den „nationalen Schulen“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts lehrreich: Ihre Vorannahmen, ihre Entscheidungen darüber, wie kulturelle Vielfalt Teil einer Kunstmusiksphäre werden konnte, folgen den inhärenten Widersprüchen ihrer Zeit, so wie unsere Zeit ihre eigenen Widersprüche hat. Und wir tun gut daran, diese zu reflektieren – ein erster Schritt dazu ist das sich Wundern über die Ursprünge von nationalen Stereotypen, wie sie die „nationalen Schulen“ für uns vorgeprägt haben.

Das Programm:

Grieg: Norwegische Tänze op. 35, Nr. 3
Svendsen: Norwegische Rhapsodie Nr. 3 op. 21
Catharinus Elling: Violinkonzert
Grieg: Peer Gynt Suite Nr. 1, op. 46: Morgenstimmung, Aases Tod, In der Halle des Bergkönigs
Halvorsen: Fossegrimen, Suite op. 21, Nr. 1, 2, 4, 5

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