passend zum Artikel:

Willkommen!
Um alle Funktionen zu nutzen, loggen Sie sich bitte ein.
Passwort vergessen?
Registrieren Sie sich hier neu

Nikolausberg

Historisch ist es die Zeit der so genannten Rosenkriege, in denen sich im 15. Jahrhundert, bedingt durch die Rivalität der Häuser York und Lancaster, der Adel in England aufreibt und die spätmittelalterliche Ordnung der Gesellschaft zerfällt. Zwischenzeitlich ist erst einmal Pause mit dem Krieg führen, Edward IV von York ist König, und das gefällt seinem Bruder Richard überhaupt nicht. Von der Natur verunstaltet, verkündet er dem Publikum rückhaltlos sein Programm: ihm ist jedes Mittel recht, und mit Intriganz und krimineller Energie wird er vorgehen, um alle aus dem Weg zu räumen, die seinem Ehrgeiz, selbst den Thron zu besteigen, im Wege stehen. Bucklig und hinkend schleppt er sich durch die Welt und besitzt doch einen unergründlich widerlichen Charme. Die Familien- und dynastischen Verhältnisse sind äußerst verworren (so genannte Patchwork-Familien von heute sind gar nichts dagegen). Shakespeare tut dabei ein Übriges, indem er die historische Chronologie zu Gunsten der Dramaturgie gnadenlos verändert. 

Ja, Shakespeare kann Machtmenschen! - um es einmal neudeutsch und aktuell zu sagen, denn auch die Produktion der Stillen Hunde, vor allem ihre Sprache ist „neudeutsch“. Und sie packen dennoch sehr viel Shakespeare hinein. Shakespeare bringt vulgäre Skrupellosigkeit, Intrige, Lüge und Verrat bis hin zum Mord als Begleiter und Erfüllungsgehilfen von Richards Ehrgeiz auf die Bühne. So verunstaltet Richards Körper ist, so verunstaltet musste auch sein Seelenleben sein, so glaubte man zu Shakespeares Zeiten. Und so benutzt und beseitigt Richard rücksichtslos nach und nach alle, die seinen Absichten hinderlich sind. Das Makabre ist, dass auch sie Schuld auf sich geladen haben und Richard freiwillig-unfreiwillig zum Instrument höherer Gerechtigkeit wird. Schuld erzeugt ständig neue Schuld. Verbrechen wird durch Verbrechen gerächt, nicht gesühnt. Und so muss es irgendwann zum Showdown kommen. Hilfe kommt außen, von Henry Tudor, dem Herzog von Richmond, der – aus dem Exil in Frankreich zurückgekehrt – Richard und seine Armee zum Kampf stellt, besiegt und die Ordnung wieder herstellt. 

Die beiden versierten Schauspieler bewältigen diese dramaturgische Anforderung auf eine überraschend geschickte Weise: sie reduzieren die Handlung auf die ‚Essentials‘; zum einen stellen sie Richard, der ohnehin das ganze Drama dominiert, physisch und sprachlich in den Mittelpunkt und lassen darüber hinaus ihn und auch alle weiteren Charaktere als Handpuppen auftreten. Hieraus ergibt sich eine interessante Brechung: durch den Wechsel von ausdrucksstarker Personendarstellung und Puppenspiel wird die Handlung, die im Grunde sprachlich aus einer Aneinanderreihung von Mordkomplotten und der Beschreibung von Brutalitäten besteht, auf komische Weise gebrochen und in ihrem Schematismus gleichzeitig kommentiert. Personen, auch Richard selbst, werden zu Puppen und Puppen zu Personen. Personalisierung, ausdrucksstarke Charakterisierung, Typisierung und Klischee wechseln in schneller Folge, und das alles unter Einbezug des Publikums, das sich bei Richards ständigen zynischen und solipsistischen Tiraden unfreiwillig in einer Komplizenrolle findet und gleichzeitig abgestoßen fühlen muss. Im Grunde geht es zu wie im Kasperletheater: der Böse und seine Helfershelfer werden am Ende der gerechten Strafe zugeführt.

Die Handpuppen unterstreichen diesen Eindruck: Stefan Dehlers Richard hat sich selbst ‚in der Hand‘. Seine Puppe ist ein im Grunde vollkommen unverfänglicher kleiner Junge mit einem freundlichen Gesicht und schwarzem Haar. Nur seine Kleidung (ein leuchtend gelbes Kleid mit einem blauen Kragen, umgekehrt gespiegelt von Stefan Dehler im blauen Hemd mit gelbem T-Shirt darunter) deutet auf seine sinistre Seite hin: Gelb versinnbildlichte im Mittelalter die schleichende Gegenwart von Krankheit und Tod in all ihren Erscheinungsformen. Dagegen kann der kleine blaue Kragen in seiner symbolischen Bedeutung von Bescheidenheit und Tugend nur schmückendes Beiwerk sein. Auf diese Weise verstärken und entschärfen sich die beiden Seiten Richards, sein allglatter Charme, seine Überredungskünste einerseits und seine Monstrosität und Brutalität andererseits im ständigen Wechselspiel der Darstellung. Die anderen Figuren, vielseitig „verkörpert“ von Christoph Huber, schauen zumeist über den blutroten Vorhang. Da sind die Brüder Richards, Georg und Edward, Prinzessin Anne, die Königin Elisabeth, der Herzog von Buckingham und Heinrich von Richmond sowie eine Reihe von Geistern, Mördern und Boten, man könnte fast sagen: das übliche Personal des Kasperletheaters, alle liebevoll als unterschiedliche Typen gestaltet und mit sparsamen persönlichen Eigenschaften und Requisiten ausgestattet. Eine Reihe von ihnen geht denselben Gang: in den Tod. Aber auch sie haben mit Christoph Huber ihr ‚Solo‘ vor dem Vorhang, so zum Beispiel der jammernde Georg, der um Gnade fleht oder die betrunkene Anne vor ihrer Krönung wie auch der unter unappetitlichen Begleiterscheinungen sterbende König Edward. So reichen sich hier Totentanzassoziationen und das, was der amerikanische Shakespeare-Kritiker Harold Bloom im Hinblick auf Richard III einmal „a new kind of nasty comedy – eine neue Art boshafter Komödie“ genannt hat, die Hand.

Dass die »Stillen Hunde« ihre Produktion als Szenische Lesung gestalten, hat mit der Reduktion der Komplexität des Stoffes und der Anzahl Schauspieler zu tun. Dadurch gewinnt die Handlung allerdings auch an Prägnanz, vielleicht gerade wegen ihres teilweise deutlichen Werkstattcharakters. 

Die musikalische Begleitung, dezent gestaltet durch Andreas Düker, unterstreicht mit Elementen von der Renaissance bis heute den zeitlosen Charakter dieses Spiels um einen der größten Erzschurken des Welttheaters. Eine gelungene Premiere. 

 »Kind Dickie« – frei nach Shakespeares König Richard III. mit den »Stillen Hunden« hatte am 14. Oktober 2021 Premiere in der Klosterkirche Nikolausberg. Eine weitere Vorstellung gibt es am selben Ort am 17. Oktober um 17 Uhr.

 

 

Mehr zu diesem Thema:

Kommentare powered by CComment

passend zum Artikel

Liebe Leserin, lieber Leser,

schön, dass Sie hier sind - und schön, dass Sie dieser Artikel interessiert.

Wussten Sie, dass die Autorinnen und Autoren des Kulturbüros für ihre Arbeit bezahlt werden? Das werden sie - genauso wie die Kolleginnen und Kollegen, die die vielen Termine in den Kulturkalender eintragen.

Vielleicht verstehen Sie, dass wir diese Inhalte nicht allen kostenlos zugänglich machen können. Wir sind auf bezahlte Zugänge (Abonnements) angewiesen - eigentlich wie alle, die Produkte und Dienstleistungen anbieten, für ihre Angebote Geld verlangen müssen.

Wenn Sie ein solches Abonnement (nur 5 Euro im Monat oder 50 Euro pro Jahr) abschließen möchten, brauchen Sie nur

hier

zu klicken. Alternativ können Sie für nur 1,20 Euro einen Tageszugang einrichten, um diesen Artikel ganz zu lesen.

Vielen Dank!

Wenn Sie bereits einen Zugang haben, können Sie sich hier einloggen und weiterlesen.

Wenn Sie bereits einen Zugang haben, können Sie sich hier einloggen und weiterlesen.

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.