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Lokhalle

Friedrich Gulda provozierte stets gerne und bewegte sich häufig zwischen U- und E-Musik. Das vereinte er in dem 1981 uraufgeführten Konzert, das er für den Cellisten Heinrich Schiff komponierte. Das Konzert beginnt mit funkigem Rock in der Ouverture, GSO-Bassist Holger Michalski beweist sein Können am E-Bass, während die 31jährige Cellistin Raphaela Gromes sichtlich und hörbar Spaß daran hat, virtuos auf ihrem Instrument mitzurocken. Bereits nach dem ersten Satz gibt es großen Applaus. Im Folgenden mixt Gulda in seiner Komposition verschiedene Genres wild durcheinander: im zweiten Satz Idylle erklingt ein österreichischer Ländler. Hier zeigen sich die Qualität des Bläserensembles, vor allem die Holzbläser mit Klarinette und Oboe wechselten sich mit ihren Motiven mit der Cellistin ab, bruchlos gehen die Klänge von einem Instrument zum anderen. 

Im Mittelpunkt des Werkes steht die Cadenza im dritten Satz. Raphaela Gromes beweist hier ihre große Musikalität und ihr Können. Zu Beginn noch innig und entspannt, beginnt kurze Zeit später die aberwitzige Raserei auf dem Cello. Gromes überspielte diese Höchstschwierigkeiten mit einem Lächeln, das bis in letzte Reihe der Lokhalle wirkte. Ihre Spielfreude ist ansteckend!

Guldas Stilimitate setzten sich im Menuett mit eher höfischen Tänzen fort, während der Schlusssatz Finale alla marcia das Publikum in ein Bierzelt entführt. Das Cellokonzert ist ein Mix aus Volksmusik, Klassischen Motiven (zum Beispiel von Schubert und Schumann) und Jazz. Kritisch könnte man anmerken, dass diese Elemente geradezu klischeehaft im Werk platziert sind, wenig bis gar nicht miteinander verbunden sind und sich daraus wenig Originäres entwickelt. Bei dieser Göttinger Aufführung gibt es aber solch verbindende Elemente: die Mitglieder des Göttinger Symphonieorchesters, ihr Chefdirigent Nicholas Milton und allen voran die Cellistin Raphaela Gromes machen dieses Cellokonzert zu einem Gesamtkunstwerk. Als Zugabe erklingt der Schluss noch einmal – man hätte auch das gesamte Konzert sich noch einmal anhören können. Am Ende steht das Publikum, jubelt und johlt wie sonst eher in einem Popkonzert. Bravo.

Nach der Pause geht es mit einem der bekanntesten Werke der Klassik weiter: die 3. Sinfonie Es-Dur, die Eroica von Ludwig van Beethoven. Das Orchester ist nun vollzählig auf der Bühne vertreten in ungewöhnlich großer Streicherbesetzung – und Anordnung: Nicholas Milton wählte die „Deutsche Aufstellung“ des Orchesters, in der die 2. Violinen auf der rechten Seite, also gegenüber den 1. Violinen sitzen. Die Kontrabässe stehen in der Mitte, ganz hinten. Diese Aufstellung war üblich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts und wird heutzutage vor allem für Werke der Wiener Klassik verwendet. Also durchaus passend für diese Sinfonie.

Und in der Tat: Milton arbeitet die Nuancen der Musik fein heraus. Beethoven hat mit dieser Sinfonie vielfach Neues eingeführt. Gleich im ersten Satz wird deutlich, wie Beethoven mit vielen Traditionen gebrochen hat. Die Energie, die Sprengkraft, aber auch die feinen Zwischentöne sind deutlich zu hören. Milton gelingt es immer wieder, die Themen und Klangfarben herauszuarbeiten. Dabei wählt er durchaus flotte Tempi, die aber in sich vollkommen stimmig wirken. Es spricht sehr für die hohe Qualität des Göttinger Symphonieorchesters, dass diese wirklich sehr bekannte Musik an diesem Abend ganz neu erklingt. Hier ist überhaupt nichts von angestaubter klassischer Musik zu spüren. Und damit schlägt Milton einen großen Bogen über den ganzen Abend: zwei Werke, jeweils hoch aufgeladen mit für die Entstehungszeit neuen, unerhörten Klängen und Energie, vorgetragen in großer Perfektion: das sind die Zutaten für einen ganz besonderen Konzertabend. Und genau so gewinnt man sein Publikum. Das ist an diesem Abend absolut gelungen. Noch einmal Bravo! 

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